Kalter Hauch des Todes – Andrzej Wajda dreht ein aufrüttelndes Drama über “Das Massaker von Katyn” und sagt die Wahrheit

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Sein beeindruckendes menschliches Drama thematisiert den Mord an nahezu 10.000 polnischen Soldaten durch die russische Armee nahe Katyn 1940 und das Trauma, welches Verlust und Krieggräuel mit sich bringen. Die Massenermordung wurde von der Sowjetunion als Verbrechen der Deutschen Wehrmacht dargestellt, was gut ins Bild paßte und darum gerne geglaubt wurde, waren die Deutschen 1939 doch der Aggressor gegenüber Polen, was den 2. Weltkrieg ausgelöst hatte. Wer die Wahrheit über “Das Massaker von Katyn” aussprach, wurde verfolgt und mundtot gemacht. “Das Massaker von Katyn” bricht endlich auch filmisch das Schweigen über das Verbrechen.

Wajda selbst wartete lange vergeblich auf die Rückkehr seines in Katyn ermordeten Vaters. Dieses qualvolle Warten durchleiden seine Charaktere in stummer Entschlossenheit, den wahrscheinlichen Tod ihrer Nächsten verneinend. Die junge Offiziersgattin Anna (Maja Ostaszewska), die die Brücke der Anfangsszene mit ihre Tochter  überquert, wartet auf ihren Mann Andrzej (Arthur Zmijewski). Die kleine Tochter fällt dessen Kompaniemitglied Jerzy (Andrzej Chyra) um den Hals, als er die Todesnachricht überbringt, so sehr erwartet sie den Vater.

In Momenten wie diesem meint man fast, das Autobiografische der Filmerzählung zu spüren. Dennoch wahrt Wajda die nötige Distanz zu seinen Charakteren. Einer Generalsfrau (Danuta Stenka) bleibt nur der antike Säbel ihres ermordeten Mannes. Der Universitätsprofessor Jan (Wladyslaw Kowalski) wird mit dem gesamten Komitee der Krakauer Universität ins KZ deportiert. In kalte Bilder hüllt Wajda seine trauernden Figuren. Frost legt sich wie das erzwungene Schweigen über die Landschaft. Ein Soldatenmantel bedeckt eine heruntergerissene Christusfigur gleich einem Leichnam. Das durch die Statue symbolisierte Mitleid wurde gemordet, seine Überreste müssen verborgen werden. Kein Lichtschein erwärmt die Kälte, das eisige Schweigen überdauert. Das Putin-Rußland stellt die Schuldfrage heute neu und wälzt die Schuld auf das NS-Regime. Dass ein noch grauenvolleres Verbrechen ein anderes nicht entschuldigen kann, das Schuld sich nicht ausmerzen lässt, weil sie als emotionales Erbe bestehen bleibt, vermittelt Andrzej Wajda in seinem bewegenden Drama über “Das Massaker von Katyn”.

Für den Schrecken besitzen die Betroffenen in “Das Massaker von Katyn” keine Worte. Ein Benennen des Todes könnte ihre verzweifelte Hoffnung zerstören. Dieses hilflose Schweigen wandelt sich unter der Lüge zu trotziger Stille. Doch die Augenblicke der gefühlten Freiheit sind kurz. “Das Massaker von Katyn” erfindet keine romantischen Helden. Wajda zeigt Menschen, die wie Annas Neffe Tadzio das Aussprechen der Wahrheit mit der Ablehnung an der Universität bezahlen. In verbitterter Wut zerreißt Tadzio danach ein Propagandaplakat. Ein fremde junges Mädchen hilft ihm bei der Flucht über die Dächer Krakaus. Den Moment des Triumphes zerreißt bei Wajda jäh ein Armeefahrzeug.

Die junge Agnieszka (Magdalena Cielecka) vollzieht einen zwiefachen Protest. Sie verkauft ihr Haar an einen Perückenmacher, um einer in Auschwitz kahl geschorenen Schauspielerin das Theaterspielen zu ermöglichen. Mit dem Erlös lässt sie eine Grabplatte für ihren in Katyn ermordeten Bruder aufstellen. Minuten später wird der Stein von Soldaten zertrümmert und Agnieszka abgeführt. Mahnend liegen die Steinsplitter auf dem Grab, verleihen dem Unaussprechlichen eine Stimme. Das Geschehene lässt sich nicht ausmerzen. Eine Spur bleibt, ein Brief, ein Tagebuch, ein Foto, Steinsplitter.

Die Ermordungen selbst werden wortlos gezeigt. Ein Mann nach dem anderen wird zur Erschießung abgeführt. Das Blut muss mit Eimern voll Wasser abgespült werden. Doch Schuld lässt sich nicht abwaschen. Sie lastet doppelt schwer auf den Tätern durch die Unterdrückung der Wahrheit. Die bewegende Eingangsszene schafft ein unvergessliches Bild für das Ausgeliefertsein der polnischen Bevölkerung. In dem “Massaker von Katyn” prangert Wajda nicht nur ein einzelnes Kriegsverbrechen an. Er verwendet es als Symbol für die Grausamkeit des Krieges, der Sieger über die Besiegten, der Mächtigen über die Unterdrückten. Zweimal sieht die Generalsfrau einen Propagandafilm. Beide Werke verzerren die Wahrheit gleichermaßen. “Das Massaker von Katyn” zerreißt das erpresste Schweigen mit einem wütenden Aufschrei.

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Titel: Das Massaker von Katyn

Originaltitel: Katyn

Genre: Drama

Land/Jahr: Polen 2007

Start: 17. September 2009

Regie und Drehbuch: Andrezej Wajda

Darsteller: Maja Ostaszewska, Artur Zmijewski, andrezej Chyra, Danuta Stenka, Jan Englert

Verleih: Pandastorm Pictures

Laufzeit: 121 Minuten

FSK: ab 16

Internet: www.pandastorm.com/press/katyn.htm

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