Je nachdem ist das Glas halbvoll oder halbleer – Von der Wirtschaftspressekonferenz zur „Heimtextil“ – Serie: Die „Heimtextil“ der Frankfurter Messe vom 13. bis 16. Januar 2010 (Teil 1/3)

Plakat zur Heimtextil-Messe in Frankfurt am Main.

„Weitere Konsolidierung in der Heimtextilindustrie Deutschland“ vermeldete Detlef Braun. Nimmt man das Wort genau, dann wäre Konsolidierung ja eigentlich die Bestandserhaltung der Betriebe und der Arbeitsplätze. Aber angesichts der dramatischen Einbrüche beider Parameter, heißt ’Konsolidierung` nun im allgemeinen Sprachgebrauch, daß die Entwicklung nicht mehr ins Bodenlose fällt, sondern sich die Absturzkurve verringert hat. Also „Konsolidierung des Abwärtstrends“. So ändern sich Zeiten und mit ihnen die Wörter, denn schließlich hat es innerhalb der letzten vier Jahr von 2005 bis 2009 ein Minus um 15 Prozent bei den Betrieben gegeben, bei denen 185 übrig blieben und ein Minus von 17 Prozent bei den Beschäftigten, die noch 18 640 Personen zählen. Und wenn dieser Abbau verlangsamt ist, ist die Konsolidierung da. So einfach ist, was so schwer zu machen ist.

Es war keine Jubelveranstaltung, auf der die morgige Messe mit Zahlen und Inhalten vorbereitet wurde, sondern eine sachliche Aufbereitung der Weltlage, der Lage der Textilindustrie und der konkreten Zahlen für die Heimtextil 2010, die Detlef Braun vornahm. Daß die Lage der Frankfurter Messe erstaunlich gut ist, auch, weil traditionell gewachsene Messeplätze im Vorteil sind, zeigt der Umsatzrückgang um 76 Prozent für die UFI-Mitglieder – das sind die im internationalen Verband zusammengeschlossenen Messegesellschaften, während die deutsche Vereinigung AUMA heißt. Auf diesem Hintergrund werden die Prognosen für Europa kritisch gesehen und nur die Märkte Indien und China lassen deftiges Wachstum erwarten.

Für Europa kann man das spezifizieren, daß nämlich die „Erholungsphase“ länger als erwartet dauert und daß bei Rückgängen bei Ausstellern, Fläche und Besuchern auch für Deutschland für das Jahr 2010 bestenfalls Stagnation zu erwarten ist. Und für Frankfurts Messe ist dabei zu vermelden, daß sie der Situation die Stirn bietet und gerade in Krisenzeiten eine neue Messe namens Texprocess starten wird. Betrachtet man die wirtschaftlichen Daten rein bezogen auf die Textilbranche, so versteht man die verhaltene Zufriedenheit des Geschäftsführers und der anwesenden Verbandsvertreter. Woanders ist es viel schlimmer! Während in Deutschland ein Minus von 22 Prozent bei der inländischen Produktion gegenüber dem Vorjahr besteht, mußte Spanien einen Umsatzrückgang von 30, 7 Prozent im 1. Halbjahr 2009 verkraften. Selbst die Türkei, eines der starken Textilländer muß mit einem Exportrückgang um 22 Prozent leben, während die Chinesen ihren Rückgang des Exports locker mit einem Produktionswachstum wegstecken.

China war während der Pressekonferenz immer wieder Thema, weil dort die Uhren anders gehen und nicht die üblichen kapitaltischen Erwägungen bei der Stabilisierung von Firmen eine Rolle spielen, sondern Subventionen uns unbekannter Größe den Markt mitbestimmen. Indien nun, traditionell ebenfalls ein starker Markt, haben politische Subventionen in Regierungsprogrammen von über 40 Milliarden Dollar eine Erholung des textilen Exportgeschäfts beschert.

Die Heimtextil in Frankfurt ist nur die Spitze des Eisbergs „entlang der kompletten Wertschöpfungskette“. Tatsächlich hat die Frankfurter Messe schon früh einen weltweiten Machtfaktor gesetzt, in dem sie in fünf Bereichen Leitmessen ins Leben rufen konnte : Bekleidungsstoffmessen (12 Messen in vier Ländern) , Haus- und Heimtextilien (7 Messen in fünf Ländern) , Technischen Textilmesse (6 Messen in fünf Ländern) , Textilpflege (3 Messen in drei Ländern) und ab 2011 mit Texprocess eine Leitmesse für die Verarbeitung von textilen und flexiblen Materialien startet und sich als Marktführer weltweit bezeichnen darf.

Olaf Schmidt als Bereichsleiter Textilmessen ging dann dezidiert auf die diesjährige Situation ein. Es kommen 2 512 Aussteller aus 60 Ländern (2009 waren es 2 556 Aussteller). Davon entfallen auf das Inland 381 und das Ausland 2131 Aussteller, das ist ein Internationalisierungsgrad von 85 Prozent, der höchste,d er je zu verzeichnen war, darunter wieder am stärksten die Türkei, Italien, Frankreich, Spanien Belgien. Wichtigste Themen seien angesichts der einzigen Chance mit Kreativität und Innovationskraft auf die Schwächung der Lage zu reagieren, solche Themen wie Energieeffizienz, Nachhaltigkeit, Nachwuchsdesign und mehr der Worte.

Die fünf gefundenen Begriffe für die Trendthemen auf der Messe können wir nicht einmal aussprechen, geschweige denn richtig verstehen, weil diese Begriffe zwischen Unverbindlichkeit wie „Intuition“ oder Welteraumgehabe wie „Futuristic“ changieren. In Halle 1 werden sich alle diejenigen versammeln, die als Nachwuchsförderung in die Fachwelt der Heimtextil aufgenommen werden. Dabei geht es genauso um textile Sitzmöbel wie auch Fassadengestaltung. Den einzelnen Hallen sind spezifische Funktionen zugewiesen, wobei die Halle 8 sicher besonders interessant ist, weil dort – wie wir schon herausbekamen – die Smartfiber AG ihren Stand hat, über den wir noch berichten werden. Ansonsten sind es die Hallen 9 und 10, in denen sich die asiatischen Stände tummeln, denn diese brauchen große Flächen.

Einen hochinteressanten Vortrag hielt Hendrik van Delden von der Firma Gherzi, die seit 1929 weltweit auf die Beratung von Textilindustrien spezialisiert ist und in dieser Funktion 450 Mitarbeiter beschäftigt. Er gab den Zahlen eine innere Rechtfertigung, in dem er die stattgefundenen Marktveränderungen sowohl politisch erklärte wie auch mit dem Bewußtsein der ehemals Dritten Welt verband. Daraus leitet er ab, was seiner Meinung nach als Überlebenschancen für die westliche Industrie gelten kann, und das auch noch unter der Fragestellung: „Wo gibt es noch Wachstum?“ Dies im Einzelnen nachzuvollziehen, sprengt den Rahmen dieses Überblicks, weshalb wir die Webseite angeben, wo sicher diese Ausführungen nachvollzogen werden können. Auf die Messe sind wir gespannt und berichten.

Internet: www.messefrankfurt.com

www.heimtextil.messefrankfurt.com

www.gherzi.com

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