„Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren und heiße Romy Schneider“ – Ein Hauch Romy Schneider in „Drei Tage in Quiberon“ auf der 68. Berlinale

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Marie Bäumer in dem Film "3 Tage in Quiberon" von Emily Atef. © Rohfilm Factory / Prokino / Peter Hartwig

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Das Haar weht ihr ins Gesicht, die Augen blitzten, der gerade noch verschlossene Mund verzieht sich zu einem befreienden Lachen – ein Schrei nach Leben – ein Schrei nach Liebe. Augenblicklich danach ein tieftrauriges Sehnen, ein schmerzverzehrter Blick – die Hände fahren über das erloschene traurige Antlitz.

So erleben wir Romy Schneider, die sensible und hochbegabte Künstlerin, die die Gabe hatte, hochemotional ihrer Verletzlichkeit und Leidenschaftlichkeit in ihren Rollen ohne Schutz Ausdruck zu verleihen – und dadurch eine besondere Authentizität und Nähe zum Zuschauer aufzubauen. Doch im Leben mit starken Stimmungsschwangungen, fehlendem Halt und mangelnden stabilisierenden Beziehungen zu kämpfen hatte.
„Ich kann nichts im Leben, aber alles auf der Leinwand“, hatte sie gesagt.
Dieser Tragik, aber auch Lebenslust, die sie umwehte, nähert sich die Regisseurin Emily Atef in dem Film „3 Tage in Quiberon“ an, der derzeit seine Weltpremiere im Wettbewerb der 68. Berlinale feiert.

"3 Tage in Quiberon" von Emily Atef.
Marie Bäumer und Birgit Minichmayr in dem Film „3 Tage in Quiberon“ von Emily Atef. © 2018 PROKINO Filmverleih GmbH

Nicht den Star Romy Schneider möchte die Filmemacherin zeigen, sondern den Menschen, der sie war. Tief zerissen zwischen der Liebe zu ihrer Arbeit und ihrem Wunsch nach einem stabilen Beziehungs- und Familenleben mit ihren Kindern, am liebsten auf einem Bauernhof auf dem Land. Romy Schneider gab immer alles in ihren Rollen und auch im Leben war sie intensiv. Hin- und hergerissen auf der Suche nach innerem und äußeren Halt und dem Hoffen und Scheitern daran. Das Himmelhochjauchzende und zu Todebetrübte, das sie oft erfasste, bekämpfte sie später mit Beziehungen, Medikamenten, Alkohol und der Zigarette, immer zur Hand.

Emily Atef hat sich für den Film drei Tage im Leben von Romy Schneider ausgewählt. So ergibt sich ein Essay, eine Momentaufnahme, über das Zusammentreffen der Schauspielerin und drei weiteren Protagonisten. Als Ausgangspunkt steht das ausführliche Interview, das Romy Schneider 1981mit dem Stern Reporter Michael Jürgs geführt hatte. Die wunderschönen und authentischen schwarz-weiß Aufnahmen des Fotografen Robert Lebeck, dienen als Grundlage für den Film.
Der Stoff ist fiktiv, orientiert sich aber an realen Begebenheiten und Erzählungen von Zeitzeugen.

In dem kleinen bretonischen Ort Quiberon, in dem sich Romy Schneider (Marie Bäumer) für einige Tage in ein Luxuskurhotel zurückgezogen hatte, um sich von ihren Strapazen und Ermüdigungserscheinungen zu erholen, trifft sie gemeinsam mit ihrer Freundin Hilde (Birgit Minichmayr), auf den Sternreporter Michael Jürgs (Robert Gwisdek) und den Fotografen Robert Lebeck (Charly Hübner).

"3 Tage in Quiberon" von Emily Atef.
Marie Bäumer und Charly Hübner in dem Film „3 Tage in Quiberon“ von Emily Atef. © 2018 PROKINO Filmverleih GmbH

Trotz ihre schlechten Erfahrungen mit der deutschen Presse, die die Schauspielerin in der Regel auf ihr Sissi-Image festlegten und ihren Weggang aus Deutschland nach Frankreich stark verübelt hatten, willigt Romy Schneider ein zu einem Gespräch mit dem Stern. Sie erhofft sich die Ablehnungen und Gehässigkeiten, die sie aus Deutschland erfahren hatte, in diesem ausführlichen Interview wieder zurechtzurücken und damit in Frieden zu kommen – ausgerechnet mit einem Vertreter der deutschen Presse. Aus dem beabsichtigten Interview werden drei hochemotionale Tage für alle vier Personen.

Der Stern-Reporter Michael Jürgs (hervorragend gespielt von Robert Gwisdek) schlachtet gnadenlos die angeschlagene Verfassung des Stars aus. (Zu dem Zeitpunkt in dem Kurhotel war Romy ziemlich instabil: Zwei Jahre zuvor hatte sich ihr Ex-Ehemann Harry Meyen das Leben genommen, von dem anderen Ehemann Daniel Biasini war sie gerade getrennt, um den Sohn David war ein Sorgerechtsstreit entbrannt und immer wieder gab es Geldsorgen.)

Angriffslustig überfällt Michale Jürgs die Schauspielerin im Interview: „Sie sind ein öffentliches Ärgernis in Deutschland mit all ihren Skandalen, Affären und Fehlgeburten .“ Und „In Deutschland kräht kein Hahn mehr nach ihnen.“ Romy dreht den Spieß allerdings um und stellt erstmal ihm einige Fragen.

Doch der Übergriffigkeit des Reporters und seiner unerbitterlichen Gier nach einem brisanten auflagenträchtigen Stoff liefert sich Romy Schneider immer mehr, in fast kindlichem Vertrauen, aus, – auch weil sie keine Distanz zu ihm waren kann und will und eine wohlwollendere Darstellung ihrer künstlerischen und privaten Integrität in der deutschen Presse erhofft. Ihr Wunsch geliebt zu werden und ihre Angewiesenheit auf Resonanz, die für Künstler wichtig ist, machen sie zur schutzlosen Interviewpartnerin. Denn sie zeigt sich als Mensch vollkommen authentisch und offen, ohne jeglichen Schutzfilter.

Ihre Freundin Hilde (die einzige fiktive Figur in der Geschichte), gespielt von Birgit Minichmayer , die mit beiden Beinen auf dem Boden steht und die Übergriffigkeiten und Manipulationen des Journalisten nicht erträgt, warnt Romy mehrmals – doch ohne Erfolg.

In einer wunderschönen Szene im Lokal am Strand feiern die Vier gemeinsam und nähern sich an – Romy liebt das Leben und den Champagner – als ein älterer Dichter (sehr stark Denis Lavant) an den Tisch tritt und ihr Verse vorträgt – die sie ergreifen. Die Annäherung und Ausgelassenheit mit dem alten Poeten und den anderen Protagonisten wird in den schwelgenden schwarz-weiß Bildern im Film auf schöne Weise gezeigt.

Romy kannte den Fotografen Robert Lebeque bereits und die intime Beziehung, die sie hatten, trug wohl auch zu ihrer Einwilligung zu dem Interview bei.
Überhaupt bezieht sich die Regisseurin stark auf veröffentlichte und nicht veröffentlichte Fotos von Robert Lebeque. Der gesamte Film ist in Schwarz-Weiß gehalten und viele Aufnahmen spiegeln die Fotografien von Lebeque auf sehr geglückte Weise wieder. Die Kamera fängt so poetische und ästehtische Momente über den gesamten Film hinweg ein.

Marie Bäumer macht ihre Sache exellent und verkörpert eine wiedersprüchliche Romy Schneider mit ihren unterschiedlichen Launen und Abgründe. Sie ähnelt ihr, imitiert sie aber nicht und versucht ein eigenes Bild zu erschaffen. Das macht sie technisch brilliant, wenn sie jedoch mit ihrer auf eine Art eher spröden Ausstrahlung nicht die Tiefe und so besondere Verletzlichkeit von Romy Schneider vermittelt will und kann, gelingt es ihr den Menschen Romy Schneider sehr überzeugend darzustellen und ein nachvollziehbares Bild der Persönlichkeit der Schauspielerin zu erschaffen und nahe zu bringen.

Interessant ist auch die Darstellung der Mechanismen zwischen der Öffentlichkeit der Presse und dem Star und Menschen Romy Schneider. Die Offenheit und Schutzlosigkeit der Schauspielerin und der übergriffige Interviewstil von Jürgs entlarven deutlich Vorgehensweisen der Medien, die keine Rücksicht nehmen auf emotionale Entblößung und mögliche Grenzen. Jürgs macht allerdings innerhalb des Filmes eine Entwicklung durch und rät später auch Romy, doch die Presse für sich zu nutzen. Das Interview veröffentlicht er trotzdem – wenn auch mit ihrer Möglichkeit zur Nachkorrektur. Jürgs sagt: „Wir Journalisten sind Haifische.“ Hilde entlarvt ihn später als enttäuschten Reporter, der im Politikressour nicht ausreichend überzeugen konnte und daher sein besonderes Talent dann in der Unterhaltung auslebte und sehr erfolgreich wurde.

Der Film ist ein malerischer Essay. Der Zuschauer erhält Einblicke über das Gefühlsleben und die Zerissenheit des Menschen Romy Schneiders. Die Problematik zwischen ihrer Liebe zur Arbeit und dem Wunsch über den Wirkungskreis hinaus zu agieren und der Vereinbarung mit der Mutterrolle und dem privaten mangelndem Schutz werden deutlich. Das Zusammenspiel aller Beteiligten, die ihre Verfassungen skizzenhaft offenbaren, hat etwas von einem Kammerspielcharakter. Spannend sind die Interviewgespräche zwischen Michael Dirks und Romy Schneider. Die großartig gespielt sind. Die wunderschönen Aufnahmen von Robert Lebeque und Romy Schneider auf den Felsen am Meer, in denen die Künstlerin ausgelassen die Kamera verführt und sich die vertrauensvolle Beziehung mit Robert Lebeque offenbart, suggieren Hoffnung und zeigen eine kindlich verspielte Romy Schneider.
Der Regisseurin Emily Atef ist es gelungen eine intensive Momentaufnahme des Menschen Romy Schneiders einzufangen. Die schwarz-weiß Bilder lassen eintauchen in den Kosmos Romy Schneiders – die in ihrem Leben große Freude und Traurigkeit auf sehr intensive Weise lebte. Und dies wird deutlich in diesem Berlinale Biopic.

Filmografische Angaben

Titel: Drei Tage in Quiberon
Land: Deutschland, Frankreich, Österreich
Jahr: 2018
Regie/Buch: Emily Atef
Kamera: Thomas W. Kiennast
Musik: Christoph M. Kaiser, Julian Maas
Schauspieler: Marie Bäumer (Romy Schneider), Birgit Minichmayr (Hilde Fritsch), Charly Hübner (Robert Lebeck), Robert Gwisdek (Michael Jürgs), Denis Lavant (Fischer Poet), Yann Grouhel (Rezeptionist), Christopher Buchholz (Dr. Frelin), Vicky Krieps (Zimmermädchen), Vincent Furic (Dr. Moriette), Loïc Baylacq (Lokalbesitzer)
Produzent: Karsten Stöter
Maske: Ljiljana Müller, Hanna Hackbeil
Kostüme: Janina Audick
Dauer: 115 Minuten
Farbe: Schwarz-Weiß
FSK: 0

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