Hört mir auf mit Gießen – Was im Bezirk Magdeburg im Wendejahr geschah

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Schön war die Zeit ...

Wie viele Mitglieder hatte die SED im Bezirk Magdeburg eigentlich, wie viele traten wann und warum aus? Wie funktionierte die Koalition mit der Kirche? Warum verfielen die Altstädte? Warum warteten noch 1988 ganze 66.157 Haushalte auf einen Telefonanschluss, oder betrug die Wartezeit für einen Skoda-Ersatzmotor vier Jahre? Spannend wie ein Krimi liest sich die Zuspitzung der desaströsen Zustände im Bezirk, die Auflehnung einzelner Parteisekretäre, die Entstehung der Friedenskreise und das langsame Ausbluten des Landes. Proteste der frustrierten Bevölkerung reichten Ende der achtziger Jahre von Eingaben, Partei- und Massenorganisationsaustritten und Unmutsäußerungen bis zu Ausreiseanträgen, Botschaftsbesetzungen und schließlich Demonstrationen auf offener Straße.

Mit der Fluchtwelle im Sommer 1989 zog die Angst in Politikerkreise ein. Wie sollte man das eigene Volk festhalten? Herrlich sind die zitierten Witze aus dieser Zeit:

„7. Oktober 1989 – Tag der Hinterbliebenen

Neues Emblem für die DDR-Flagge – ein Koffer”¦

Impfung gegen Bud-Pest (ein Hinweis auf die Fluchtbewegung über Ungarn)

Erich hat die Blumen abgeschafft, er kann das Wort „Gießen“ (der Ort, wo sich das zentrale Auffanglager für DDR-Ausreisend und Flüchtlinge befand) nicht mehr hören.“

Die spannende Zeit der Massendemonstrationen im Herbst hält leider nicht das Niveau der ersten Kapitel. Die Beteiligung und Federführung von Magdeburger Punks an den ersten Demonstrationen, ihre phantasievollen Plakate und Verkleidungen fanden weder in Bild noch Wort Eingang in die Schilderungen. Dass Schulleiter wie Parteisekretäre am 9. Oktober in ihre Kollektive und Schulklassen gingen, um ihre „Schäfchen“ wortreich vom Besuch der abendlichen Demonstration abzuhalten, die Spannung dieser Stunden – findet hier keinen Widerhall. Das ist sehr schade. Wir wünschen dennoch eine breite Leserschaft, damit in der 2. Auflage nachgeholt werden kann, was bisher zu kurz kommt – bitte vor allem mehr und aussagekräftigeres Fotomaterial!

Wilfried Lübeck/Gerhard Ruden: Knüppel, Kerzen, Dialog, Die friedliche Revolution 1989/90 im Bezirk Magdeburg, 224 S., Mitteldeutscher Verlag Halle, 2009, 19,90 €

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