Hochmut kommt auch hier vor dem Fall – „Thurneysser Superstar“ zeigt im Kunstmuseum Basel, wie sich im 16. Jahrhundert einer vermarktete

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Obwohl es einen juckt, darzustellen, wie grandios man in einem kleinen Kabinett diesen Mann nun über Kunstwerke mit sich selbst porträtiert – Kurator: Bodo Brinkmann – , also es schon allein der Kostbarkeiten wegen lohnt, diesen Weg ins Kunstmuseum zu machen, muß doch erst einmal geklärt werden, wer dieser Verwegene, der sich selbst zum Thema macht, eigentlich ist und in welchen Kontext seine Bildnisse gehören. Wir erfahren, daß er Handwerker war, Soldat, Naturforscher und Schriftsteller, aber auch Universalgelehrter und Unternehmer. Letzteres ging wohl schief, denn nach einem versuchten Betrug – oder hat er wie in Frankfurt Affenschädel quasi von heute in die Urzeit datiert ?– „flüchtet er 1558 nach Rußland, baut in Tirol Bergwerke auf, besucht England, Schottland, Spanien, Portugal, Griechenland, Ungarn und den Orient.“

Das Reisen langt ihm vielleicht – wie hat er das übrigens finanziert? -, schließlich bestellt ihn 1571 der brandenburgische Kurfürst zum Leibarzt – fehlt oben in der Berufsauswahl, Herr Brinkmann – und überläßt ihm in seiner Residenzstadt Berlin ein großes Gelände samt Anwesen. „Dort betreibt er eine ärztliche Praxis, ein pharmazeutisches Unternehmen und eine Druckerei, die allesamt enorme Gewinne abwerfen. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere beschäftigt er 200 Mitarbeiter“, sagt das ausliegende Begleitblatt.

Und nun kommt erneut Basel. Denn er, der nun schwerreiche Weltbürger, will zurück nach Hause und erwirbt 1579 in Basel ein Haus am Kohlenberg, das auf dem Merian Plan der Stadt von 1617 zu sehen ist und dieser Stich hängt gleich beim Eingang rechts und zeigt zudem das Haus noch einmal daneben in einer Vergrößerung. Eine sehr gute Idee. Die der Ausstellung, aber auch die des Herrn Leonhard. Denn für dieses Haus bestellt er bei dem später berühmten und gerade in Basel tätigen Glasmaler Christoph Murer (1558-1614) einen Zyklus von Kabinettsscheiben, der mal nicht den Herrn Jesus oder die Jungfrau Maria, sondern ihn selbst verherrlichen sollen, ihn auf seinem Weg durchs Leben, vom Finsteren zum Licht.

Auch wenn sich nur zwei Originale erhalten haben, die nun in Basel von der Kunst der Kabinettscheibe und Glasmalens und des Aufschneidens gleichermaßen künden, lohnt es absolut, sich einmal Thurneyssers Geburt und ein andermal seinen Aufbruch zur Wanderschaft anzuschauen. Das ist eine regelrechte Inszenierung in Glasmalerei. Chuzpe würde man heute sagen, oder auch Angeberei, wie ein weiteres Fragment zeigt, auf dem er ein chemisches Experiment vor einem orientalischen Potentaten durchführt.

Der Saaltext ist aufklärend und humoristisch zugleich: „Obwohl die Scheiben in fast unverschämter Weise einzig und allein um Thurneysser kreisen – schon die erste stellt ihn, den weitegereisten Autor unzähliger Schriften auf eine Ebene mit Odysseus und Homer – hat er sie dennoch wohl nicht bezahlt: Das feste Kompositionsschema sieht unten und oben Kartuschen für Wappen und Namen allfälliger Stifter vor. Und den Anfang machten dabei wirklich Große: Papst Gregor XIII. stiftete die erste Scheibe (3), gefolgt vom Kölner Erzbischof Gebhard I. von Waldburg für die zweite (5).

Heute hätte er sich einen Andy Warhol hingehängt, denn gerne hätte dieser Superstar, dessen frühe Werke aus den Sechziger Jahren in einer Ausstellung einen Stock höher im Kunstmuseum hängen, von einer reichen Prominenz wie Herrn Leonhard eine Serie gefertigt. Damals aber waren Glasmalereien im Kabinettformat eben die prestigeträchtige Tradition, die hin und her geschenkt oder gestiftet wurden, in den öffentlichen Gebäuden wie auch in den speziellen, wie Zünften, Fakultäten der Universität, Schützenhäuser, wo ein gemeinsames Anliegen im Bilde besonders gut zum Tragen kam, von der inhaltlichen Seite her wie von der Repräsentanz ihrer künstlerischen Gestaltung.

Natürlich wurde auf diesen Kabinettsscheiben nicht einfach losgemalt, sondern mittels Entwürfen konnte man eine Einigung über Form und Inhalt erzielen, die dann als Vorlage dienten. Und sicher wäre diese Ausstellung nicht zustandegekommen, hätten sich nicht auch hier glücklicherweise gleich drei Scheibenrisse für die späteren Scheiben des Thurneysser-Zyklus erhalten, die hier nun Teil der Inszenierung werden. Es handelt sich um die Entwürfe zur 4. Scheibe, auf der unser Superstar als ’lernbegeistertes Knäblein und Goldschmiedelehrling` daherkommt, um die zur 6. Scheibe, wo er ob seiner soldatischen Tugenden zu Wasser und zu Lande gelobt wird, wofür es nur den Entwurf als Beweis der Aussage gibt und um den Entwurf zur 8. Scheibe, auf der er der grandiose Orientreisende ist, der in Kleinasien Mumien als pharmazeutischen Grundstoff einkauft. Und dann gibt es noch eine Reproduktion eines weiteren Risses, der im Zweiten Weltkrieg verloren ging, und der den Zusammenhang von Entwurf und ausgefertigter Scheibe beweist: Es handelt sich um den Entwurf der 2. Scheibe, die im gleichen Raum als Original seine Geburt zeigt.

Schaut man sich die Entwürfe und noch lieber die bunten Glasbilder an, so sieht man Würdezeichen und Erhabenheiten, die man aus der Kunst kennt: Es gibt die Einrahmungen, an antiken Triumphbögen vorgemachte Architekturrahmungen, die die jeweiligen Handlungen einfassen und wo Volk dafür sorgt, daß die Helden als Supermenschen deutlich hervortreten. Aber je mehr man die Feinheiten der Arbeiten bestaunt, desto mehr wundert man sich erneut über ihre Funktion als Selbstdarstellung eines Mannes, der kein Kaiser, kein König, kein Fürst, kein Kriegsheld, kein sonstiger Heroe, den man mit Kunst verehren wollte, war, sondern sein eigener Auftraggeber war, für sich selbst.

Von daher interessiert man sich auf einmal für diesen Herrn Leonhard, der ja hier auf dem Höhepunkt seines irdischen Daseins, im vollen Ornat sozusagen, dargestellt ist, nein, sich hat darstellen lassen. Das galt auch für seine „guten Taten“ andernorts. Denn man sieht an der Wand auch eine köstliche Inschrift, die auf dem Buch eines Heiligenreliefs von 1450/60 steht, das der Sponsor Thurneysser wohl hat neu fassen lassen, denn dort steht: „Thurneisser hat mich neuw gemackt/Do Ich war Alt und gar voracht/ Anno 1584.“

Acht Jahre später war er schon tot und die Zeit bis 1596, wo er 65jährig in Köln starb, war ein einziger Niedergang. Basel war nur der Anfang mit einer gescheiterten Ehe und einem Prozeß, der ihm finanziell die Schuhe auszog und moralisch auch, denn nie wieder wollte er mit dem Basler Pack war zu tun haben – die auch nicht mit ihm, nachdem er das in einem „an die ’gantze Christenheit` adressierten Pamphlet öffentlich machte.“ Aber nun hat Basel sich mit diesem aufdringlichen Zeitgenossen versöhnt und mit seinem Namen eine Ausstellung komponiert, die so fein und klein wie gewaltig und allumfassend ist. Ein großer Spaß dazu, Kunstgenuß eingeschlossen und auch noch lehrreich. Gratulation.

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Bis 13. Februar 2011 im Kunstmuseum Basel

www.kunstmuseumbasel.ch

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