Heuchelei und Dummheit – Warum der Westen die Olympischen Spiele in Russland massiv kritisiert

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…Russland hat seine Eigenheiten. Es ist der größte Flächenstaat der Erde; fast völlig bestehend aus schneesicheren Gebieten, was das Riesenland zu einer der erfolgreichsten Wintersportnationen der Welt macht und deshalb legitimiert, sich nicht nur um die Ausrichtung der Olympischen Winterspiele zu bemühen, sondern sie auch zu veranstalten.

Mag Russland in Wirtschaftsleistung und Hochtechnologie weit hinter dem Westen zurückliegen, so hat es doch einen Trumpf im globalen Wettbewerb. Es ist schuldenfrei, nicht zuletzt dank seiner immensen Bodenschätze, insbesondere Energiereserven.

Der Westen will Russland klein halten

Wie ist nun das Weltbild von Wladimir Putin? Für ihn trachtet der Westen nur danach, Russland klein zu halten oder zu unterwerfen, wie das Napoleon und Hitler versucht hätten. Aber auch Engländer, Franzosen und Amerikaner seien vom Süden her gegen Russland aktiv geworden. Zum Teil heute noch.

Russland sei vom Westen immer nur ausgenutzt worden. Im Ersten und erst recht im Zweiten Weltkrieg hätte sein Land die größten Verluste erlitten und durch die Bindung feindlicher Truppen entscheidend zum Sieg der Alliiertenbeigetragen. Dennoch fehle es an Anerkennung des Westens gegenüber Russland.

Heute erlebt Moskau, dass sich die Nato bis an die russische Grenze vorgeschoben hat, was dem Geist des 2+4-Abkommens über Deutschland schwerlich entspricht. Darüber hinaus arbeitet sich die EUmit ihrer Assoziierungsoffensive in der Ukraine, später möglicherweise auch in Georgien und Moldawien, an die Grenzen Russlands heran, was von Moskau als Einkreisungsstrategie angesehen wird.

Putin will der Welt zeigen, dass Russland in der Lage ist, aus Olympia ein glänzendes Fest zu machen. Das ist legitim. Jeder Veranstalter hat die Ausrichtung der Olympischen zur Werbung für sein Land nutzen wollen. Es kommt allerdings auf die Methoden an, moniert der Westen.

Warum tun sich der Westen und Russland miteinander so schwer. Es liegt an den höchst unterschiedlichen Verfassungen, in denen sich beide Seiten befinden. Russland ist nicht England, nicht Frankreich, nicht die USA und nicht Deutschland.

In England wurden die bürgerlichen Rechte bereits 1689 mit der Bill ofRights festgeschrieben, in Amerika geschah dies detailliert mit der Constitution von 1787 und in Frankreich mit der Verfassung von 1791.

Bei uns hat es bekanntlich etwas länger gedauert. 1918 hatten wir Deutschen es endlich geschafft. Leider wurde die demokratische Errungenschaft keine 15 Jahre später völlig versiebt, als in Deutschland Adolf Hitler legal an die Macht kam, womit Deutschland die Welt in die größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte stürzte.

Wir sollten das nicht vergessen, wenn wir mit hoch erhobenem Zeigefinger auf demokratische Defizite anderer hinweisen.

Demokratische Spielregeln sind Neuland

Russland hat erst seit gut zwanzig Jahren annähernd demokratische Verhältnisse. Jahrhunderte Zarentum und bolschewistische Diktatur abzuschütteln, wird erst in Generationen möglich sein.

Trotzdem ist Russland auf Grund seiner territorialen Ausdehnung über zwei Kontinente, seiner Bevölkerungszahl und seiner gewaltigen Bodenschätze politisch, militärisch und in Teilen auch wirtschaftlich eine Großmacht.

Ohne oder gegen Russland lassen sich Probleme von internationaler Bedeutung nicht lösen. Ohne die Technik und Wirtschaft des Westens kommt andererseits Russland nicht voran.

Die gegenseitige Abhängigkeit ist eigentlich eine erstklassige Voraussetzung für eine gut funktionierende Partnerschaft. Aber warum bleibt das Ergebnis weit hinter den Möglichkeiten zurück?

Die ost- und mitteleuropäischen Mitglieder der Europäischen Union verweisen auf ihre schlechten Erfahrungen mit dem russischen Zarenreich und der bolschewistischen Sowjetunion. Entsprechend reagieren sie auf Moskaus vermeintlichen oder tatsächlichen Einflussnahmenin Angelegenheiten ihrer Sphäre.

Nicht zuletzt möchte man militärisch abgesichert sein. So kommen Überlegungen zustande wie die Einrichtung eines Raketen-Abwehrschildes in Polen. Angeblich um Nuklear-Angriffe aus dem Iran abzuwenden. In Wirklichkeit soll das Anti-Raketen-System Schutz gegen Russland bieten.

Kiewer Rus ein Urelement Russlands

Bei der Beurteilung internationaler Politik kommt es auf die Perspektive an. Nehmen wir das Beispiel Ukraine! Sie gehörte über Jahrhunderte größtenteilszum festen Bestand Russlands. Die Kiewer Rus ist ein Urelement Russlands. Dementsprechend kann die Ukraine Moskau kaum gleichgültig sein, zumal sich auf der Krim, die nun zur Ukraine gehört, seit Zarenzeiten der Stützpunkt der russischen Schwarzmeer-Flotte befindet.

Eine militärische Einrichtung von dieser strategischen Bedeutung auf westlichem Einflussgebiet zu wissen, muss der Kreml nicht unbedingt beruhigend finden.Dass der russische Präsident versucht, mit wirtschaftlichem Druck die Ukraine an die Seite Russlands zurückzuholen, kann ihm durchaus als Erpressung ausgelegt werden. Aus seiner Sicht ist es zur Absicherung elementarer russischer Interessen erforderlich.

Ein eitler Bundespräsident

Wie sieht es nun mit den deutsch-russischen Beziehungen aus? Hierzu die Umfrage eines polnischen Instituts. Danach haben die Deutschen ein skeptisches, eher ablehnendes Verhältnis gegenüber Russland. Die kritische Berichterstattung in unseren Medien weckt offenbar alte Vorurteile vom unberechenbaren Volk der Russen.Die Gräueltaten der Roten Armee beim Einmarsch in Deutschland sitzen tief und fest in unserem nationalen Gedächtnis.

Auf der anderen Seite genießt Deutschland in Russland unter allen anderen Staaten das höchste Ansehen. Wie Deutschland mit seiner Demokratie und Wirtschaftsleistung dasteht, finden die Russen vorbildlich. So möchten sie auch regiert werden.

Angesichts des Überfalls von Nazi-Deutschland auf die Sowjetunion, den schrecklichen Verbrechen, die von Deutschen dabei begangen wurden, der immensen Zerstörung im europäischen Teil des Landes und der 28 Millionen Kriegstoten, ist das eine unglaublich erfreuliche Entwicklung.

Der Bundespräsident hat mitteilen lassen, er werde die Olympischen Winterspiele in Sotschi nicht besuchen. Das ist in Ordnung. Eitel ließ das Bundespräsidialamt anschließend durchsickern, die Absage sei aus politischen Gründen erfolgt.

Auszüge aus einem Beitrag von Prof. Helmut Digel, ehemals Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes und Council-Mitglied des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, in der Zeitschrift des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB):

Politiker wollen sich in Szene setzen

Das Thema der Verletzung der Menschenrechte ist nur eines unter vielen Themen, mit denen in der deutschen Presse und in der deutschen Öffentlichkeit die Olympischen Spiele von Sotschi in Frage gestellt werden. Von der "Festung Sotschi" ist die Rede, wenn von den Sicherheitsvorkehrungen zu berichten ist. Mit Kampf-Jets und Kriegsschiffen wird demnach versucht die Sicherheit der Spiele zu gewährleisten, nachdem es zu religiös-motivierten Terroraktionen in Wolgograd gekommen war.

Die Berichterstattung suggeriert, dass sich die Sicherheitsvorkehrungen durch eine Totalität auszeichnen, wie sie so noch nie zu vor anzutreffen war. Dass in London im Jahr 2012 Kosten in Millionenhöhe zur Gewährung der Sicherheit entstanden sind, dass bei allen Spielen zuvor vergleichbare Sicherheitsvorkehrungen notwendig gewesen sind, seit in München 1972 islamische Terroristen jüdische Athleten und Trainer ermordet hatten, wird dabei allenfalls am Rande erwähnt.

Vorgetragen wird solch eine Kritik zumeist von Politikern, die sich damit öffentlich in Szene setzen und sich anmaßen, die Organisationen des Sports in Bezug auf die Ausrichtung ihrer sportlichen Großveranstaltungen belehren zu müssen. Auffällig ist dabei, dass solcher Kritik meist nur ein Wissen zugrunde liegt, das nahezu ausschließlich auf die Berichterstattung in öffentlichen Medien Bezug nimmt.

Deutschen Medien folgen Leithammel-Gruppe

Die Berichterstattung insbesondere die Sportberichterstattung wiederum wird von einem norma-tiven Phänomen geprägt, das schon seit längerer Zeit zu beobachten ist. Die Leitmedien der deutschen Berichterstattung (dpa, FAZ, SZ, etc.) geben die Themen und die Richtung der Berichterstattung vor und alle übrigen Medien folgen dann dem Leithammel, so dass man von einer ungewollten Gleichschaltung der Massenmedien zu sprechen hat. Fundierte Recherchen liegen den einzelnen Berichten nur selten zu Grunde, Recherchen vor Ort haben meist gar nicht stattgefunden, und Pro-und-contra-Recherchen scheinen auch nicht erwünscht zu sein.

Vergewissern wir uns des Sachverhalts, dass die Spiele bereits vor sieben Jahren an Russland vergeben wurden und man eben diese sieben Jahre Zeit gehabt hätte, fundiert das IOC und den russischen Ausrichter zu kritisieren, so kann vieles von dem, was heute an Kritik gegenüber den Olympischen Spielen in Sotschi vorgetragen wird, nur als Heuchelei, teilweise aber auch als Dummheit bezeichnet werden.

Im Interesse einer spektakulären öffentlichen Aufmerksamkeit bedient man sich kurzfristig des Sports, um sich mit seiner moralischen Urteilskraft ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zu bringen. Dort wo die Politiker in ihrer eigentlichen Verantwortung gegenüber Russland zu handeln haben, dort wo sie die Menschenrechtsverletzung zu kritisieren hätten, im Dialog zwischen den Regierungen, bei Wirtschaftsverhandlungen und bei Besuchen von Parlamentariern in Russland, haben sie in den vergangenen Jahren ständig versagt und benutzen nun den Sport als Alibi-Thema, um sich öffentlich als kritische Mahner zu präsentieren.

Selbst einige westliche Demokratien müssten dabei in Frage gestellt werden. Amnesty International dokumentiert für das Jahr 2013 in 112 Staaten Folter und Misshandlungen und in 101 Staaten Einschränkungen der Menschenrechte.

Die Kritik an Sotschi wurde in den vergangenen sieben Jahren mehrfach auch aus Kreisen des Sports vorgetragen, sie war jedoch für das Politiksystem nicht resonanzfähig, weil sie einem gewünschten Spektakelinteresse nicht entsprechen konnte. In diesen Tagen gelingt es hingegen den politischen Heuchlern einmal mehr, sich diese Kritik zu Eigen zu machen, sie zu instrumentalisieren, und sie schaffen eine Atmosphäre gegenüber den Athletinnen und Athleten, dass diese sich beinahe zu entschuldigen haben, wenn sie an den Spielen teilnehmen.

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