Heilige Scheiße – Bill Maher contra Aberglaube und Scheinheiligkeit in “Religulous”

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Das deutsche Poster zum Film

Der Babytrizeratrops trägt einen Sattel. Seine Besitzer hatten ihn als Reittier domestiziert, denn Menschen und Dinosaurier lebten gleichzeitig auf der Erde. Klingt ein bisschen nach der Handlung eines Fantasyfilms. Eine andere Idee würde sich ebenfalls gut im Science-Fiction-Genre machen: Ein Außerirdischer kommt auf die Erde, stirbt, wird von einer menschlichen Frau wiedergeboren und rettet die Menschheit. Ganz so lustig erscheinen die beiden Ammenmärchen nicht, bedenkt man, dass Millionen Menschen weltweit ihnen anhängen. Letztes entspringt direkt der Bibel, erstes sieht man praktisch umgesetzt in einem amerikanischen Erlebnispark. Mechanische Saurierfiguren neben denen von Steinzeitmenschen sollen den Besucher lehren, dass Charles Darwin ein Scharlatan war. Denn wie könnte es unter einem unfehlbaren Gott eine Evolution gegeben haben? Irritiert durch die Idee der Kreationisten scheint nur einer der Anwesenden. US – Komiker und Fernsehmoderator Bill Maher. Amüsieren tut er sich trotzdem. Über die Borniertheit und Unlogik des Vergnügungsparkleiters, der ihm sein Projekt erläutert. Maher ist Sohn eines Katholiken und einer Jüdin. Seit seinem Anfang mit der TV-Sendung “Publically Incorrect” zählen Fundamentalismus und organisierte Religion zu den Lieblingsthemen des scharfsichtigen Fragenstellers. Denn Maher ist nicht Quer- sondern fast einziger Geradedenkender in “Religulous”. Der Irrglaube seiner Gesprächspartner ist erschreckend. Angesichts des “geheilten” Vorsitzenden eines Umerziehunsvereins für Homosexuelle oder des gläubigen Jesusdarstellers in einem Bibelvergnügungspark bleibt einem das Lachen im Hals stecken.

Wie kann ein vernünftiger, gebildeter Mensch ernsthaft annehmen, eine Jungfrau könne ein Kind bekommen, Schlangen sprechen, Wasser zu Wein und Wein zu Blut werden? Die Frage stellt sich neben Maher auch der Zuschauer. Statt an Wunder zu glauben, wundert sich der Satiriker. Sein gegenüber konfrontiert er ungeniert damit und bringt die Diskussionspartner mittels simpler Fragen dazu, sich zu entlarven. Einer von ihnen ist Jeremiha Cummings. Einst Moslem und Soulsänger, sieht er seine Berufung heute im Verkauf eigener Erweckungs-DVDs. Seiner Suche nach Gott verdanke er seinen Reichtum, so Cummings. Dies glaubt man dem mit Schmuck behangenen Geldscheffler aufs Wort. “Religulous” ist voll solcher Augenblicke der grotesken Komik. Maher verhöhnt seine Diskussionspartner nicht. Er lässt sie reden, stellt Fragen, weist auf Widersprüche in ihren Ansichten hin. Ein bisschen erinnert das an Michael Moore oder auch Morgan Spurlock. Nur ist Bill Maher weit offensiver, desillusionierter und direkter. Die Massenkompatibilität Moores steht ihm fern. Er ist politisch unkorrekt und zynisch. Wie sollte man angesichts des Fundamentalismus und Fanatismus, der ihm entgegenschlägt, nicht verbittern? Da druckst ein muslimischer Rapper herum, es sei eigentlich gerechtfertig, Schriftsteller Salman Rushdie für sein literarisches Werk ermorden zu wollen. Ein Professor der Wissenschaft erklärt, die Bibel sei von Augenzeugen verfasst worden. Oder zumindest von “Beinahe-Augenzeugen” – ein unmöglicher Begriff, denn entweder hat man etwas gesehen oder nicht. Da erscheint der Verkäufer christlicher Souvenirs geradezu harmlos mit seinem Glauben, es habe einmal geregnet, weil er darum betete.

Überhaupt lässt Bill Maher dem still Glaubenden seine Ruhe. Er befragt die, die unangenehm ihren Glauben auch anderen Menschen indoktrinieren wollen und dabei nicht auf das Wörtchen „glauben“ Bezug nehmen, sondern auf das angebliche Beweisen. Wer die Bibel wörtlich nimmt und dies als Beweis führt, wie die amerikanischen Vulgärchristen, der ist schon verloren. Der hat nie gelernt, was symbolische Handlungen sind, der hat nie gelernt, was symbolische Sprache ist. Arme Menschen schwach an Geist, aber stark in ihrer Überzeugung, Recht zuhaben. Und die Rechthaberei ist es, die angebliche Gewissheit, diese Selbstzufriedenheit und Verbohrtheit, den einzigen richtigen Weg zu gehen – eben nicht die Wege des Heiligen Augustinus – sind es, die durch Bill Maher so sinnlich, so spitzfindig, so überdeutlich aufgezeigt werden, dass ein wirklich gläubiger Mensch dies sofort mitträgt. Ein solcher Mensch und die Ungläubigen wissen, dass die Bibel ein Konstrukt ist, aber auch, dass sie die kulturelle Grundlage unserer Kultur und unseres europäischen Wertesystems sind, mit dem alten Testament auch das Judentum dabei ist und mit der griechischen Philosophie die Antike. Dazu muß man nicht glauben, das ist geschichtlicher Hintergrund, der wahr ist. Aber die Bibel in ihren zwei Teilen als Wahrheit zu nehmen, danach zu leben und dies von anderen zu verlangen, das ist gefährliche Dummheit, die die von Maher gestellten Fragen entlarven.

Gleich zu Beginn proklamiert ein Straßenschild, an dem das Kamerateam vorüber fährt, wo es lang geht in den USA: Hell is real. Die Hölle auf Erden aber bereiten sich die Menschen selbst durch Krieg, Terror und Gier. Nicht selten angetrieben von dem, was sie Glaube nennen. Bill Maher konfrontiert den Zuschauer mit der passenden Definition des Begriffs: Glaube  ist eine Ermutigung für die Menschen, nicht zu denken. Ihm setzt der geistreiche Moderator den Zweifel entgegen. “Ich stelle Fragen.”, sagt er über sich selbst. Die Antwort zu besitzen, gibt er nicht vor. Vielmehr zeigt er die Gefährlichkeit der Religion, die darin liegt, die Menschen glauben zu lassen, sie hätten die Antwort auf alles. Unangenehm fallen dennoch die letzten Szenen von “Religulous” ins Auge, worin Krieg und Zerstörung drohend gezeigt werden. Hier schwingt sich der Gegner von Heilsdoktrinen selbst zum Verkünder einer Hiobsbotschaft auf. Der Intelligenz der satirischen Dokumentation setzt dies keinen Abbruch. Die organisierte Religion gleicht einer tickenden Zeitbombe. Wann und wo sie hochgeht, ist noch unklar. Für unsere Apokalypse haben wir selbst gesorgt. Sehen Sie den Film, der blasphemisch, gottesfeindlich und ketzerisch ist. Wenn der nicht läuft, sehen sie “Religulous”!

Titel: Religulous – Man wird doch wohl fragen dürfen

Genre: Dokumentation

Land/Jahr: USA 2008

Regie: Larry Charles

Laufzeit: 100 Minuten

Buch: Bill Maher

Mit: Bill Maher

Verleih: Central Film

FSK: Ab 12

Internet: www.centralfilm.de

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