Grips besiegt Kraft – Der »Grüffelo« – Stargast beim Familienkonzert der Berliner Philharmoniker

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Wie jeder Star ließ »Grüffelo« auf sich warten. Weil auch er sich an die literarische Vorlage halten muss, tanzen zunächst bunte Schmetterlinge ihre Reigen auf der grünen Lichtung. Eine kleine Maus kommt pfeifend des Wegs. Aber der Wald ist nicht nur lauschig, sondern auch voller Gefahren: für Fuchs, Eule und Schlange wäre das Mäuschen ein feines Appetitshäppchen. Doch das lässt sich nicht einfach schlucken, sondern seine Fantasie spielen. Es erfindet flugs einen Freund, der sehr groß und stark ist, gewaltige Zähne und Krallen hat und überhaupt mit jedem fertig wird: Grüffelo. Und als die kleine Maus noch Grüffelos Lieblingsspeisen aufzählt: Fuchsspieß, Schlangenpüree und Eule mit Zuckerguss – da schlagen sich die großen Tiere in die Büsche. Man muss halt nicht unbedingt stark sein, aber mutig und sich was einfallen lassen, wenn es einem an den Kragen gehen soll.

Das darf die kleine Maus prompt ein weiteres Mal beweisen. Als wieder einer Appetit auf Mäusespeck hat: der Grüffelo persönlich. Abermals unterdrückt das Mäuslein die Angst und fesselt auch ihn mit phantastischen Berichten, wie es mit Fuchs, Eule und Schlange fertiggeworden ist. Der Grüffelo verlangt den Beweis. Und da die Tiere tatsächlich wegrennen, als sie die Maus mit ihrem unheimlichen Freund kommen sehen, hält auch das dicke Ungeheuer es für klüger, sich davon zu machen, ehe es zu Grüffelogrütze verarbeitet wird.

Soweit die Geschichte. Von der Oma erzählt. Ausgedacht hat sie sich die Engländerin Julia Donaldson. Die liebenswerten Figuren zeichnete Axel Scheffler, ein gebürtiger Hamburger, der heute als Kinderbuchautor, Graphiker und Cartoonist in London lebt. Er schuf ein Monster der Extraklasse, das stark, aber nicht böse, nicht nur grimmig, sondern auch gemütlich, kurzum: der einer ist, den man gern zum Freund hat. Besonders wenn man zu den Kleineren, Schwächeren gerechnet wird. Kein Wunder, dass das »Trost-Buch« in England schon zu den Kinderbuchklassikern zählt. Es wurde bereits in 26 Sprachen übersetzt, weltweit über zwei Millionen Mal verkauft, verfilmt und im Fernsehen gezeigt. Und es gibt auch – wie könnte es anders sein – eine Fortsetzung: das Grüffelokind. Noch ein Kuscheltier von der Art, wie es die Kinder zu hause haben. Es durfte selbstverständlich im zweiten Teil des Familienkonzerts mitmachen und wurde von den kleinen Besuchern lauthals begrüßt. 

Dies war für »Hans Wurst Nachfahren« nicht überraschend. Die Puppenspieler, die seit 30 Jahren allabendlich ihren Handpuppen, Stabfiguren, Marionetten, Klappmaulpuppen oder Schattenfiguren Leben einhauchen, sind es gewohnt, dass Kinder und Erwachsene gleichermaßen begeistert sind und die Geschichten mitleben.

Nun probierten sie etwas Neues: Als Erste im deutschsprachigen Raum haben Hans Wurst Nachfahren die Grüffelogeschichte zu einem Szenarium mit Bühnenreife entwickelt. Begleitet von den Berliner Philharmonikern – vertreten durch das Scharoun-Ensemble – ließen die hinter einer Tischbühne agierenden, schwarz gewandeten Künstler die Puppen tanzen. Sie bewegten alle Tiere »artgerecht« und zugleich exakt im Rhythmus der Musik. Die die Philharmoniker im Rahmen ihres Education-Programms in Auftrag gegeben hatten. Diese ist nicht lediglich eine Geräuschkulisse oder Untermalung, sondern bestimmt wie in der großen Oper die Abläufe und alle Bewegungen. Iris ter Schiphorst hat sie eigens für das gemeinsame Projekt geschrieben. Die Komponistin orientierte sich vorrangig an den Bewegungen der Tiere und hat beispielsweise den ersten Teil – dem aufregenden Waldspaziergang der Maus entsprechend – mit musikalischen Promenaden strukturiert.

An das bekannte Beispiel, wo »Peter und der Wolf« und die anderen Figuren jeweils mit »ihrem« Instrumenten assoziiert werden, wollte Frau ter Schiphorst nicht anknüpfen. Sie fand das schon als Kind ziemlich langweilig. Viel interessanter ist für sie die Möglichkeit, nach der Uraufführung ihrer Komposition weiter an der Partitur zu arbeiten. Denn auch die Puppenspieler werden weiter ausloten, wie das Tempo des Spiels und der Musik am besten harmonieren. Bei den Möglichkeiten der heutigen Schneidetechnik kein Problem.

Die Auftritte des Grüffelo werden von Tanzrhythmen begleitet. Die bewältigt das liebenswerte Monster mit soviel Charme, dass es garantiert bei jedem Auftritt seinen Freundeskreis erweitert – ganz ohne Facebook.

Und weil nicht sicher ist, ob das Spektakel in der Philharmonie noch einmal wiederholt werden wird – den Berlinern Philharmonikern fällt ja immer wieder etwas Neues ein – sei ein Besuch bei »Hans Wurst Nachfahren« am Winterfeldplatz in Berlin-Schöneberg empfohlen. Dort steht Der Grüffelo regelmäßig auf dem Programm. Und auch da bewegt er sich nach Musik – allerdings vom Band. Die Aufführung kann von Catherine Milliken, die nach erfolgreichen zehn Jahren ihre Arbeit im Education-Projekt beendet, als gelungener Schlußpunkt gewertet werden.

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