Gotteslob und Glaubenszuversicht – Bachs Johannespassion in der Kölner Philharmonie

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Markus Stenz © Foto: Catrin Moritz

Das Karfreitagskonzert mit Johann Sebastian Bachs Johannespassion war eines davon. Die bis auf den letzten Platz ausverkaufte Aufführung in der Kölner Philharmonie erwies sich als sichtbarer Gradmesser für die hohen Erwartungen des Kölner Publikums.

Fein geschliffene Diamanten

Bereits im Eingangschor „Herr, unser Herrscher“ liefern das Vokalensemble Kölner Dom (Eberhard Metternich) sowie das kammermusikalisch besetzte Gürzenich Orchester in einem exzellent aufeinander abgestimmten Zusammenspiel ihre Visitenkarten ab. Beide auf Augenhöhe in durchsichtiger und verständlicher Artikulation. Dazu in einer Klarheit, die auch in den perlenden  Koloraturen der virtuos vorgetragenen Turba-Chöre hervorsticht. Selbst beim Pianissimo in einer Strahlkraft, an der besonders der glockenrein agierende Sopran seinen Anteil hat.

Faszinierend, mit welchen fast unsichtbaren und doch äußerst  präzisen Anweisungen Markus Stenz das Geschehen bestimmt und Bachs Musik szenisch ausdeutet. Einerseits das „Kreuzige ihn!“, das unmissverständliche Aggressionen freisetzt, die wie Hammerschläge hernieder prasseln. Andererseits die über die gesamte Passion verteilten  Choräle wie „In meines Herzens Grunde“, die in geradezu ätherischer Schönheit wie fein geschliffene Diamanten von höchster Stimmkultur zeugen.

Passion und Erlösung

Auch das Zusammenspiel von Gesangssolisten und Soloinstrumenten lässt nichts zu wünschen übrig.
Die Alt-Arie (Anke Vondung) „Von den Stricken meiner Sünden“, die meditativ Passion und Erlösung in einen Zusammenhang bringt, wird spielerisch umrahmt von den Oboen und einem geradezu tänzelnden Fagott. Ähnlich die Sopran-Arie (Anna Lucia Richter) „Ich folge dir gleichfalls“, in der die mit Hilfe der Soloflöten erzeugte freudige Stimmung sich schnell auf das Auditorium überträgt.

Demgegenüber bringt die Tenor-Arie (Mirko Roschkowski) „Ach, mein Sinn“ glaubhaft die Reue des Petrus zum Ausdruck, der soeben seinen Herrn verraten hat. Und Thomas Bauer überzeugt in seiner Bass-Arie „Mein teurer Heiland“, in der Sologesang und Chor meditativ über die auf den Kreuzestod Jesu folgende Erlösung der Welt reflektieren.

Befreiender Lobpreis

Als Bindeglied zwischen allen musikalischen Teilen bewährt sich hervorragend der Tenor Julius Pfeifer als Evangelist, dem die dramatische Ausgestaltung des Passionsstoffes in jedem Moment vortrefflich gelingt. Mit seiner Hilfe ist lautmalerisch deutlich zu vernehmen, wie nach dem Kreuzestode Jesu der Vorhang im Tempel von oben bis unten in zwei Stücke zerreißt. Ein ruhender Pol ganz anderer Art bleibt zu jedem Zeitpunkt Rudolf Rosen als Christus. Bei seinem imponierenden Bass-Klangvolumen und seinem souveränen Auftreten gegenüber Pontius Pilatus (Thomas Bauer), glaubt man bereits seine göttliche Berufung als Erlöser hindurch zu spüren.

Im „Ruht wohl“ des Chores schließlich erfolgt der Übergang von tiefer Trauer in gläubige Gewissheit, die im abschließenden Choral – unter den beschwörenden Gesten des Dirigenten – umschlägt in befreienden Lobpreis des Erlösers. Danach sekundenlange Stille, bevor der Beifall losbricht, der in stehenden Ovationen seinen Abschluss findet. Fürwahr, ein außergewöhnlicher Abend!

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