Geostratege Brzezinski hat neue Strategic Visions

Zbigniew Brzeziński auf der sogenannten Münchner Sicherheitskonferenz am 01.02.2014 in München. Foto: Tobias Kleinschmidt, CC BY-SA 3.0

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Zbigniew Brzezinski ist ein einflussreicher Polit-Stratege der USA, nach Henry Kissinger vielleicht wichtigste graue Eminenz des außenpolitischen Establishments der USA. Dekade um  Dekade wiederholte er sein Hauptanliegen, die Zerstörung Russlands, in verschiedenen Variationen –bis jetzt. Sein neues Buch „Strategic Visions“ brachte eine überraschende Wende: Brzezinski befürwortet erstmals ein Bündnis des Westens mit Putins Russland.

Brzezinski war 1977-81 als Berater des demokratischen US-Präsidenten Jimmy Carter ein Hardliner im Umgang mit der Sowjetunion, mehr noch, dem Exil-Polen wurde eine Abneigung gegenüber allem Russischen nachgesagt. Als Mentor von Madeleine Albright, Bill Clintons Außenministerin, war er weiterhin bei den Demokraten in Washington präsent, doch seine Position im Center for Strategic and International Studies (CSIS), dem u.a. Henry Kissinger angehört, sicherte seinen Einfluss auch in Kreise der Republikaner hinein. Vor allem Ronald Reagan und die beiden Bush-Präsidenten griffen gerne auf die geopolitische Ansätze des gut vernetzten Strategen Brzezinski zurück.

Doch Brzezinski war auch gut für Überraschungen: 1998 enthüllte er dem Le Nouvel Observateur in einem spektakulären Interview, dass die USA die afghanischen Mudschaheddin bereits vor dem Einmarsch der Roten Armee (1980) finanziert hatten. Ziel war, Moskau in “seinen Vietnamkrieg“ zu treiben und zu zermürben –eine Strategie, die aufging und maßgeblich zum Niedergang der Sowjetunion beigetragen haben dürfte. Brzezinskis aktuelle Wende hin zu einer Kooperation mit Putins Russland ist auch so eine Überraschung.

Noch 2008 hatte Brzezinski Putin mit Hitler verglichen, sprach sich damals während der Georgienkrise für eine dauerhafte Isolierung Russlands aus. In Brzezinskis letztem großen Buch „The Grant Chessboard“ (1998) ging es noch um die Kontrolle über Zentralasien, und er sprach dort von einer „neuen Seidenstraße“, geschaffen durch eine ostwärts expandierende EU und eine Nato, die sich Georgiens und der Ukraine annehmen sollte. Ein Gürtel aus Handelsrouten, Pipelines, pro-westlichen Staaten und US-Militärbasen sollte diese „neue Seidenstraße“ sogar zum Rückgrat einer neuen Weltordnung unter Führung Washingtons machen.

2008 sah Brzezinski die Rolle der USA schon weit weniger enthusiastisch, sprach aber immerhin noch von einer „Second Chance“, so sein Buchtitel, für die unipolare Supermacht Amerika. Er ging mit der Politik der republikanischen Neocons hart ins Gericht. Ihr übertriebener Imperialismus hätte das Ansehen Amerikas ramponiert und damit verhindert, dass seine, Brzezinskis, Vorhersagen sich hätten in die Tat umsetzen lassen. Gegen die Entwicklung einer Achse Moskau-Peking, so Brzezinski in „Second Chance“,  hätte eine glücklose US-Außenpolitik zu wenig getan. Den Rest gab der US-Diplomatie vermutlich 2010 die Publikation der US-Depeschen durch WikiLeaks.

Angesichts zahlreicher Rückschläge sieht Brzezinski heute  in seinen „Strategis Visions“ die Washingtoner Pläne einer unipolaren Weltordnung als Makulatur an. Er konstatiert eine wachsende Schwäche des Westens, der inzwischen unter Führung der USA sogar in eine globale Isolierung zu geraten droht. Das politische Gravitationszentrum der Welt verlagere sich nun von Westen nach Osten. Die neuen Medien hätten zudem eine Welle von erwachendem politischen Bewusstsein ermöglicht, etwa in der tunesischen Jasminrevolution. Einen neuen Ansatz sieht Brzezinski in seinen neuen „Strategic Visions“ in einer Annäherung des Westens an Russland und die Türkei.

Seine Begründung klingt harsch: Die USA seien heute in einer vergleichbaren Lage, wie die Sowjetunion der 80er Jahre. Es drohe ein Bankrott durch Rüstungsausgaben und militärische Abenteuer, namentlich in Irak und Afghanistan; eine politische Klasse von Privilegierten kümmere sich zu wenig ums eigene Volk, folglich sinkender Lebensstandard der Mehrheit; Versuche, von inneren Problemen durch äußere Feinde abzulenken und eine Außenpolitik, die in Isolation zu führen droht. Der globale Legitimitätsverlust westlicher Außenpolitik sei bereits heute weit größer als unsere Medien uns glauben machen, eine 500jährige Epoche atlantischer Vorherrschaft ginge zu Ende.

Bei Verlust der dominanten US-Position drohe der Welt aber eine Periode wachsender Instabilität und kriegerischer Konflikte. Mit gewaltsamen Konflikten sei vor allem in den Randbereichen der Großmächte zu rechnen, etwa in der Ukraine, Georgien, Afghanistan, Pakistan, Israel, Taiwan oder Südkorea. Europa und die Europäer hat Brzezinski in seinen „Strategic Visions“ weniger im Blick, kritisiert hauptsächlich ihre mangelnde Fähigkeit zur Überwindung politischer Zerstrittenheit. Er fordert aber implizit, die Aufnahme der Türkei in die EU endlich voranzutreiben.

Das Schlimmste ließe aber ein Ausfall Amerikas erwarten –er würde die instabile Welt, die wir schon heute erleben, noch chaotischer machen:

„The world needs an America that is economically vital, socially appealing, responsibly powerful, strategically deliberate, internationally respected, and historically enlightened in ist global engagement with the new East.“ Z.Brzezinski: Strategic Visions, Foreword

Quellen:

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