Gegen die Zerstörung – „The Situation“, „Eine Version der Geschichte“ und „Metamorphoses 3 °: Retorica“ beim Theatertreffen

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Quelle: Pixabay
Zu den drei Berliner Theatern, deren Inszenierungen beim Theatertreffen zu erleben waren, gehörte, neben dem Deutschen Theater und der Volksbühne auch das Maxim Gorki Theater mit „The Situation“.
2015 war Yael Ronens Inszenierung „Common Ground“ als eine der zehn bemerkenswerten Inszenierungen ausgewählt worden. In diesem Jahr entschied sich die Jury des Theatertreffens erneut für ein Stück, das die Hausregisseurin des Gorki Theaters mit ihrem Ensemble erarbeitet hatte.
The Situation – so nennen die direkt Betroffenen den Nahostkonflikt, und im gleichnamigen Stück importieren sie diesen prekären Zustand nach Berlin. In Neukölln, bei Stefan im Deutschkurs, sitzen zunächst die Israelin Noa (Orit Nahmias) und der Palästinenser Amir (Yousef Sweid).  Sie sind ein Paar, das sich trennen will. Nicht aus politischen, sondern aus biologischen Gründen, denn, wie Noa sagt, ist er ein Mann und sie eine Frau, und deshalb passen sie nicht zusammen.
Die hinreißende Komödiantin Orit Nahmias präsentiert in köstlich gebrochenem Deutsch ein Feuerwerk von Pointen, geizt nicht mit schwarzem Humor und schert sich einen Dreck um political correctness.
Zu den beiden gesellen sich der aus Syrien geflüchtete Hamoudi (Ayam Majid Agha), die schwarze Palästinenserin Laila (Maryam Abu Khaled) und der Parcours-Sportler Karim (Karim Daoud) aus Palästina, der beeindruckende artistische Kunststücke vorführt.
Dimitrij Schaad als Deutschlehrer Stefan ist die Karikatur des deutschen Gutmenschen. Mit den Erfahrungsberichten, die er auf die im Sprachkurs vorgegebenen Fragen: „Wer bist du? Wo kommst du her? Was machst du hier?“ zu hören bekommt, ist er entschieden überfordert. Allzu gern möchte er The Situation in ein friedliches Miteinander verwandeln. Zudem hat er sich in den charmanten Hamoudi verkuckt, der ihn mit erfundenen Geschichten über seine Tätigkeit als Kopfabschneider beim IS schockiert.
Schließlich bekennt der vermeintlich typische Deutsche, dass er als Sergej in Kasachstan geboren wurde. In einem langen, spannenden Monolog erzählt Dimitrij Schaad die Geschichte von Sergej und seiner Familie und erklärt, weshalb Gorbatschow für die Menschen in Kasachstan kein Held ist.
Die SchauspielerInnen haben eigene Erfahrungen in ihre Texte eingebracht. Sie sitzen auf einer gelben Treppe oder stehen an der Rampe, und auf einmal wird, nur durch seine gesprochenen Worte, das Bild von Karim vor Augen geführt, wie er in Qalqilya über die Mauer klettert oder die Erscheinung des kleinen Jungen, der in einem Neuköllner Café, umgeben von Palästinensern, auf iwrit eine Bestellung tätigt.
Auf brillante kabarettistische Weise sorgt das großartige Ensemble für die Verwirrung des Publikums, bringt es zum Lachen, zum Erschrecken und zum Denken. Am Ende bleibt, über alle Feindseligkeiten hinweg, die gemeinsame Hoffnung, dass die Situation nicht endgültig festgefahren sein möge.
Experimente mit alternativen Theaterformen, wie am Gorki erfolgreich erprobt, prägen auch den Stückemarkt des Theatertreffens. Hier geht es mittlerweile weniger um die Präsentation geschriebener Texte und mehr um die Ästhetik ausgearbeiteter Performances.
Eine szenische Lesung gab es in diesem Jahr mit Simone Kuchers neuem Stück „Eine Version der Geschichte“. Die Einrichtung hatte Bettina Bruinier übernommen mit sieben SchauspielerInnen und einem kleinen Mädchen. Im Halbdunkel des Camps waren sie manchmal nur schemenhaft zu sehen. Ein Hörspiel ist das Stück jedoch nicht. Die zarten, poetischen Dialoge haben eine starke theatralische Wirkung und lassen sich ganz sicher auch auf einer großen Bühne realisieren.
Es geht um die verschütteten Erinnerungen von ArmenierInnen. Die Ich-Erzählerin Lusine ist Musikerin, lebt in Berlin und hat einen amerikanischen Pass. Ihre Mutter besteht darauf, dass Lusine Armenierin sei, weigert sich jedoch, über die Vergangenheit zu sprechen. Lusines Großvater, der gestorben ist, als Lusine und ihr Bruder Charles noch Kinder waren, hat nie über seine Herkunft gesprochen.
Im Radio hören die Geschwister eine Stimme, die sie an ihren Großvater erinnert, obwohl es sich nicht um ihn handeln kann, denn die Aufnahme stammt aus einem Kriegsgefangenenlager nach dem ersten Weltkrieg, als der Großvater noch ein Junge war.
Charles spricht mit einer Wissenschaftlerin, die sich mit solchen Aufnahmen beschäftigt. Sie erzählt von der Erfindung des Phonographen und der damaligen Begeisterung darüber, dass nun auch die Toten reden könnten.
Sie haben lange geschwiegen, die Toten und auch die Überlebenden des Völkermords, den die Türkei so nicht genannt wissen will und dessen 1,5 Millionen Ermordete sie auf eine viel geringere Zahl zusammenstreicht. Auch Deutschland trägt eine Mitschuld an den Gräueltaten.
Es gibt ein Foto des Großvaters im Alter von vier Jahren mit seiner Familie. Es gibt Geschichten von einem Paradiesgarten, der wohl nur eine Fantasie ist. Immer wieder taucht das Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein auf. Das kleinste Geißlein hat im Versteck überlebt. Von einem Versteck des Großvaters ist nichts überliefert.
Charles will auf Spurensuche in die Türkei reisen. Seine Mutter will ihn davon abhalten. Ein alter Mann spricht Lusine nach einem Konzert an und zitiert einen armenischen Dichter. Als Kind hat der alte Mann Erschießungen gesehen. Der türkische Musiker erzählt, er habe erst nach dem Tod seiner Großmutter erfahren, dass sie Armenierin war.
Simone Kucher lässt ihre Protagonistin Mosaiksteine zusammentragen zu einer Geschichte, die so aber auch ganz anders gewesen sein könnte, und die erst der Anfang einer Geschichte ist, die endlich gefunden und aufgezeichnet werden muss.
Ein Werkauftrag für ein neues Stück wurde erstmals vom Theatertreffen Stückemarkt in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung auf Grund von Pitching vergeben. Die zum Stückemarkt eingeladenen AutorInnen hatten zehn Minuten Zeit, um eine geplante Arbeit zu pitchen, d.h. vorzustellen und bekamen dazu von PublikumsberaterInnen Fragen gestellt. Die Veranstaltung wurde live ins Netz und ins Schauspiel Dortmund gestreamt. Die ZuschauerInnen in Berlin, Dortmund und im Netz konnten über die Vergabe des mit 7000 € dotierten Werkauftrags abstimmen. Die ausgewählte Arbeit soll 2017 am Schauspiel Dortmund produziert werden.
Das Verfahren stieß auf heftige Kritik und lässt die Frage aufkommen, ob es angesichts der Befürchtungen, dass durch TITIP eine Verflachung von Kunst und Kultur herbeigeführt werden könnte, klug ist, die Realisierung eines Theaterstücks von seiner Massen- und Markttauglichkeit abhängig zu machen.
Massenware produzieren die von einer Jury zum Stückemarkt eingeladenen AutorInnen aber ohnehin nicht,  und so ist der Werkauftrag-Pitch wohl eher ein Gag, ein absurder Einfall, der sehr gut zu den Arbeiten des slowenischen KünstlerInnenduos Bara Kolenc und Atej Tutta passt, dem mit den meisten Stimmen der Werkauftrag zuerkannt wurde.
Bara Kolenc, promovierte Philosophin, Performerin, Tänzerin und Choregrafin und der visuelle Künstler und Filmemacher Atej Tutta arbeiten gemeinsam an der Projektserie „Metamorphoses 1 ° – 5 °“, aus der „Metamorphoses 3 °: Retorika“ beim diesjährigen Stückemarkt zu erleben war.
Zu Beginn wallt Nebel über die Bühne, auf der überall Mikrofone herumstehen, dazu etliche Lautsprecherboxen, im Hintergrund wird eine männliche Büste auf einem Sockel erkennbar und auf der linken Seite ein hoher Stapel Matratzen.   
Die Suche nach einer verständlichen Geschichte erweist sich in der 60minütigen Performance als vergeblich. Trotzdem kommt keine Langeweile beim Publikum auf. Getragen von Musik bewegen sich die fünf DarstellerInnen mit einer immensen Spannung, die sich auf die ZuschauerInnen überträgt. Jede Aktion scheint zielgerichtet zu sein, auch wenn sie keinem erkennbaren Zweck dient wie das Herumtragen der Mikrofone oder wenn die Matratzen von der Bühne geworfen werden.
Mehrfach ist die Europahymne zu hören. Gesprochen wird englisch, die Sprache, in der EuropäerInnen sich verständigen können. Akustisch verständlich sind jedoch nur einzelne, zusammenhanglose Worte. Bara Kolenc steht an einem Mikrofon und hält eine Rede, die von Störgeräuschen übertönt wird. Dann steht Sanja Neskovic Persin an einem zweiten Mikrofon. Beide Frauen halten politische Reden, gleichzeitig, sich überschneidend, wobei manchmal Teile der einen oder der anderen Rede hörbar werden.
Kolenc und Neskovic Persin beginnen ein vertrauliches Gespräch. Männer erscheinen und schieben Matratzen zwischen die Frauen, immer mehr Matratzen, sodass ihre Worte unverständlich für einander und für das Publikum werden.
Durch die Geräuschkulisse dringen Zitate berühmter Philosophen, Dichter, Wissenschaftler und Politiker, Kulturerbe, in Gehirnen gespeichert, in neue, beliebige Zusammenhänge gebracht.
Eingeschlossen zwischen Lichtsäulen schreit Bara Kolenc nach Stille. Sprachlos ist jedoch nur die Gewalt. In rotem Licht und bei ohrenbetäubend dröhnender Musik treten die drei Performer-Techniker gegen die Matratzen, werfen sie durcheinander und begraben Bara Kolenc darunter. Es ist eine Szene von erschreckender Brutalität.
Das Ensemble baut eine Mauer aus den Lautsprecherboxen. Darauf ist ein Name zu lesen: Love Brenner. Der Name wird auch ausgesprochen. Es gibt Informationen dazu, die wiederum nur bruchstückhaft hörbar werden. Love Brenner, berühmte slowenische Juristin, die stets Männerkleider trug, wird hier gleichrangig neben berühmte Männer gestellt, zu deren Namen nichts erklärt werden muss.
In einem Workshop, den Bara Kolenc und Atej Tutta während des Theatertreffens veranstalteten, zeigten sie die Verfilmung eines früheren Teils ihres Metamorphosen-Projekts, in dem es um Love Brenner geht. Eigentlich geht es aber nicht um sie, denn die Lebensgeschichte der Juristin, die Bara Kolenc erzählte, hat mit der Person im Film kaum etwas zu tun. Hier wird Love Brenner dargestellt von der Opernsängerin Rebeka Radovan, und ihre Biographie ist unterlegt mit der eines amerikanischen Tennisspielers.
Am Ende von „Metamorphoses 3 °: Retorika“, nachdem die PerformerInnen die Bühne verlassen haben, ist ganz hinten im Zuschauerraum die Stimme einer Sopranistin zu hören. Es ist Rebeka Radovan. In Männerkleidern, mit Hut als Love Brenner wandert sie gelassen, mit wunderschöner Stimme a cappella eine Arie singend, auf die Bühne zu, überquert sie, und im Hintergrund öffnet sich die Tür nach draußen. Die Vorstellung fand am Nachmittag statt. Rebekka Radovan ging singend ins Licht hinaus, und ihr Gesang verband sich harmonisch mit dem Vogelgezwitscher vom Band.
Das letzte, von Rebeka Radovan sehr deutlich intonierte und mehrfach wiederholte, Wort war gossip. Und auf einmal erschien alles vorher Erlebte, die Informationsflut, die Sprachverhinderungen, die Einsamkeit, Gewalt und Verzweiflung wie überflüssiges Geschwätz, beiseite gefegt von der Schönheit einer Stimme, die keine Zusammenhänge und keine Erklärungen braucht.
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