Flugzeuge im Bauch – Serie: Riesen-Airbus lernt schwimmen zwischen Elbe und Loire (Teil 1/2)

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MS City of Hamburg, einlaufend

Gorch Fock hätte mehr als gestaunt über das, was da heute, sozusagen im Schatten seines Elternhauses, geparkt ist: das weltgrößte Flugzeug A 380. Die alles überragenden bunten Leitwerke weisen auf ihre internationalen Auftraggeber hin. Von den Emirates über Quantas bis zur Lufthansa. Es ist gerade ein paar Tage her, dass die erste Maschine mit dem Kranich-Logo auf dem werkseigenen Flughafen auf den Namen „Frankfurt am Main“ getauft worden ist

Verhüllter Christo

Am Werkstor ist die Frage nach Klaus schnell abgehakt. Ein scheckkartengroßer Besucherausweis legitimiert schließlich dazu, den Shuttlebus zu besteigen. Am Ende eines Tunnels, über den die Rollbahn verläuft, taucht man ein in eine weitläufige Hallenlandschaft.

Plötzlich, mitten auf der Straße, Flugzeuge. „Abgestellte Schaustücke“, erklärt der Fahrer seelenruhig. Um die Ecke eine weitere Überraschung: Flugzeugteile, festgezurrt auf Tiefladern. Ein europäisches Airbus-Puzzle aus Flügelstücken, Rumpfsektionen und Leitwerken, bereit zum Verladen.

„Da sind wir!“ Der Bus stoppt neben einer tintenblauen Wand. Beim Aussteigen wird man fast erschlagen von den riesigen weißen Lettern „Airbus on board“. Klaus winkt lässig von seinem Wachhäuschen herab und wünscht gute Reise. Aha, also das ist Klaus! Etwas ratlos steht man vor einem großen schwarzen Loch mit Klappe. Weit hinten im Dunkeln etwas wie von Christo Verhülltes: die Ladung. Unter der schützenden Plane zeichnen sich markante Umrisse ab: unfassbar hoch und raumfüllend, Teile des Riesenvogels A 380.

Weit und breit kein Mensch. Bis einer wie aus dem Nichts auftaucht: roter Overall mit LDA-Reederei-Logo auf der Brusttasche und weißem Schutzhelm. Er entpuppt sich als Matrose des Ro-Ro-Frachters „City auf Hamburg“. Der braunhäutige Mann zeigt strahlend seine weißen Zähne und fragt nach dem Begehr des Besuchers. „We are lucky“, sagt er, dass das Schiff einen Fahrstuhl habe, „bei zehn Decks zu viele Treppen“. Trimmübungen hat der schlanke Mann von den Philippinen nun wahrhaftig nicht nötig. Die Außentüren sind durch Codeschlösser gesichert. Allein die Überführung des hochmodernen Frachters von der Werft in Singapur Ende Dezember 2008 mitten durch piratenverseuchte Gewässer hat das für die Crew überlebensnotwendig gemacht.

Bester Logenplatz

„Bienvenu í  bord, welcome aboard!“ heißt einen der Commandant, wie sich der sehr zivil aussehende Kapitän vorstellt, freundlich und zweisprachig willkommen. Dupré de Boulois aus Paris, ein Adliger sogar, gewissermaßen meerwasser-blaublütig. Passt zur Ausstrahlung und Figur. Zwar ein gewichtiger Mann, aber mit nur wenig Ladung an Bord: gerade mal 60 Tonnen, sagt er und ergänzt, dass man schließlich kein Bulkcarrier mit Massenladung sei. Flugzeuge müssen leicht sein. Im Gegensatz dazu steht die offizielle Typenbezeichnung „High Heavy Vehicle Carrier“, ausgelegt also für hohe, schwere Fahrzeuge.

Zweiter Offizier Loic Fernagut zeichnet für die notwendigen Formulare verantwortlich, die einige Unterschriften vom Passagier verlangen. „Sorry!“, meint er halb entschuldigend, „aber das ist international vorgeschriebenes Reglement“.

Der junge Mann aus der Bretagne übernimmt auch die Einweisung in die Schiffssicherheit, die mit einem Rundgang durch die oberen Decks verbunden ist. „Weiter unten ist das nicht notwendig, da sind nur Stellflächen“. Das Schiff könne nämlich auch „ganz normal“ als Autotransporter eingesetzt werden.

Der unverbaute Blick aus dem Fenster der (Passagiers-)Lotsenkammer verleitet zum Schwärmen: über die von allerlei Schiffen befahrene Elbe auf das Blankeneser Villenviertel. Für Hamburger Hafenverhältnisse geradezu ein Logenplatz. „Die da drüben“, zeigt Loic auf die teuren Häuser, „schauen nur auf das Airbus-Werk und müssen auch noch viel dafür bezahlen“. Der Passagier hingegen hat es besser, darf das aber auch nur ein paar Stunden lang genießen.

Gesunde Policy

Im Gang pfeift jemand fröhlich, ausgerechnet ein – Wasserschutzpolizist. Ob er denn nicht wisse, wird er angefrotzelt, dass das das nach altem Seemannsaberglauben Unglück bringe? „Ich fahr ´ doch nicht mit!“, grinst er breit und stapft mit seinem Aktenkoffer ins Schiffsbüro, wo der Kapitän schon wartet. Aus der Kombüse um die Ecke dringt aufgekratzter Gesang auf den Gang. Chefkoch José-Walter mit riesiger weißer Kochmütze und Messesteward Rolando üben im Koch- und Spülduett für den Karaoke-Abend auf See. Die motivierenden Begrüßungsworte, dass ihre Arbeit für die Stimmung an Bord wichtig sei, nehmen sie dankbar und bescheiden strahlend zur Kenntnis. Der Zweite antwortet auf die Frage, wie es denn um die berühmte französische Küche an Bord bestellt sei: „Das müssen sie noch lernen, aber sie geben sich jedenfalls redlich Mühe, es uns recht zu machen“.

Zum Mittag bedient sich jeder im Self-Service an der Kombüsen-Luke, auch der Commandant höchselbst. Chefkoch José-Walter füllt die Teller mit Tintenfisch und Tomatensauce, als Vorspeise gibt es Thunfisch-Pizza, von der allein man schon satt wird, dazu Salat und zum Dessert Kuchen mit Schlagsahne. Geradezu üppig für ein unspektakuläres Werktagsessen. Es ist nicht mal Donnerstag, „Seemannssonntag“. Zum Käse mit Baguette kein Rotwein? „Unser Schiff ist trocken“, bemerkt Chiefofficer Gautier Padellec, „nach zwei Monaten Fahrtzeit ist hier jede Leber wieder topfit“. Aber Spaß beiseite: „Natürlich betreibt unsere Reederei Louis Dreyfus diese Policy aus Sicherheitsgründen“. Stattdessen gebe es Softdrinks gratis, so viel man mag. Gut auch für die Gesundheit.

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Infos

MS „City of Hamburg“ : Bauwerft: Singapore Technologies Marine; Bau-Nummer: BO 615; Kiellegung: 17.9.2007; Ablieferung: 4.12.2008; erstmals in der Patenstadt Hamburg: 28.1.2009; IMO-Nr.: 9383558; Länge: 126,47 m; Breite: 20,64 m; Tiefgang (max.): 5,50 m; Seitenhöhe bis Hauptdeck: 19,65 m; BRZ: 15.643; Deadweight: 3564,3 t; Typ: Ro-Ro-Vessel, High Heavy Vehicle Carrier (Klassifizierung durch Bureau Veritas); Ladefläche: 9400 qm; Maschinen: 2 x MAN B & W í  2940 kW (8000 PS); Dieselgeneratoren: 2 x (STX í  970 kW);Wellengeneratoren: 2 x LEROY í  1000 kW; Geschwindigkeit: 17,5 Knoten (Verbrauch dabei max. 36 t/Tag); Bugstrahlruder: Rolls-Royce (750 kW); Verstellpropeller: Schottel; Eigner: ANITA SNC, Bereederung: LOUIS DREYFUS ARMATEURS SAS und Hoegh, Norwegen (gemeinsam mit LDA-Logo am Schornstein), Betreiber: FRET CETAM; Charterdauer: 20 Jahre; Heimathafen: Marseille; Flagge: Frankreich; Crew: 19; Schwesterschiff: „Ciudad de Cadiz“, „Ville de Bordeaux“ (etwas größer, in China gebaut); bediente Rundreise-Häfen mit Airbus-Rumpfsektionen: Hamburg, Mostyn/Wales, Cadiz/Spanien, Saint-Nazaire, Pauillac/Frankreich; Mitfahrtanfragen bei Reederei Louis Dreyfus Armateurs: www.lda.fr

Airbus A 380-800-Superlative: 220 Kabinenfenster, 16 Türen, 22 Räder (2 Bug, 20 Hauptfahrwerk), ca. 530 km Kabel, ca. 100.000 Einzelkabel, ca. 40.300 Stecker, ca. 550 qm Teppich, 18.000 Nieten und Bolzen verbinden Rumpf und je 28 Tonnen schwere Tragflächen, rund 4 Millionen Einzelteile von 1500 Firmen aus 30 Ländern weltweit sind in der A 380 verbaut, Anmeldung von 380 Patenten im Rahmen der Entwicklung, Länge: 72,2 m, Spannweite: 79,8 m, Höhe: 24,1 m, Tragflächen: je 846 qm, Rollout: 18.1.2005, Erstflug: 27.4.2005, Sitzplätze: 526, Tankkapazität: 310 t (Verbrauch pro Passagier u. 100 km: 3,4 l), max. Startgewicht: 569 t, Reichweite: 12.000 km, Reisegeschwindigkeit: Mach 0,85, Stückpreis für das größte Passagierflugzeug der Welt: 346 Millionen Dollar.

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