Expedition in die Volksseele – Mit den Brüdern Grimm durch Hessen

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„Und wie es so dastand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel, und waren lauter harte blanke Taler. Und ob es gleich sein Hemdlein weggegeben, so hatte es ein neues an, und das war von allerfeinstem Linnen. Da sammelte es sich die Taler hinein und war reich sein Lebtag.“

Es ist der glückliche Ausgang einer Handlung, in der das Sterntaler-Mädchen für sein an  Selbstaufopferung grenzendes Mitleid von höherer Instanz eine großzügig bemessene Belohnung erhält. Entsprechend hart werden in anderen Märchen die Untugenden bestraft. Wenn etwa Schneewittchens Stiefmutter wegen ihrer Bosheit in rotglühenden Schuhen so lange tanzen muss, bis sie tot umfällt. Oder die Schwestern Aschenputtels wegen ihrer Falschheit für den Rest ihres Lebens mit Blindheit geschlagen werden. Ein gnadenloses „Auge um Auge“, wenn nicht sogar darüber hinaus?

Sexualangst und Trennungsschmerz

Zweifellos stehen die Märchen im Dienst eines bei den Zuhörern aus dem Lot geratenen Gerechtigkeitsempfindens, wie die hessische Märchenerzählerin Brigitte Uffelmann aus eigener Erzähl-Erfahrung zu berichten weiß. Darüber hinaus jedoch sind sie die Eingangstüren in die Tiefe der Volksseele, deren Gefühlsregungen sie umfassend ausloten und ausleuchten. Von der Sexualangst der Prinzessin im „Froschkönig“ bis hin zum Trennungsschmerz des Königssohns in „Rapunzel“.
 
Nicht zuletzt wegen dieser bis tief ins Unbewusste hinein reichenden Emotionen wurden die von den Brüdern Jakob und Wilhelm Grimm gesammelten „Kinder- und Hausmärchen“ seit ihrer Ersterscheinung vor zweihundert Jahren zu einem eifrig studierten Werk. Zeitweilig sogar unmittelbar nach der Heiligen Schrift, mit der sie den Wertekatalog und die Tugendvorstellungen weitgehend teilen.

Biografischer Ausgangspunkt

Grimms Märchen bieten jedoch nicht nur die Möglichkeit einer Reise nach innen in die eigenen Seelenlandschaften. Vielmehr laden sie auch ein zu einer Reise durch Deutschland vom Main bis zum Meer. Denn von Hanau bis Bremerhaven erstreckt sich die „Deutsche Märchenstraße“, die gespickt ist mit vielfältigen Handlungsorten, die den Märchen zugeschrieben werden. Von der Trendelburg mit ihrem Rapunzel-Turm bis hin zur Sababurg, in der Dornröschen einst die Zeit verschlafen haben soll. Noch heute ist sie das Vorbild für die Dornröschenschlösser in aller Welt.

Von besonderer Bedeutung jedoch ist im Grimm-Jubiläumsjahr 2013 der hessische Streckenabschnitt von Hanau bis Kassel, wie der Hanauer „Grimm-Beauftragte“ Martin Hoppe erklärt. Nicht ohne Stolz verweist er dabei auf das Grimm-Nationaldenkmal, das bereits seit 1896 unweit der Grimm-Geburtsstätte den Hanauer Rathausplatz ziert. Hier also wäre der biografische Ausgangspunkt für den hessischen Lebensweg, an dessen markanten Stationen das Brüderpaar einst aufwuchs, lernte und wirkte.

„Gestiefelter Kater“ als Stadtbegleiter

Im Anschluss an die Hanauer Jahre führte dieser Weg bereits im frühen Lebensalter zusammen mit der Familie in das Städtchen Steinau, unmittelbar gelegen an der alten Verbindungsstraße der Messestädte Frankfurt und Leipzig. Hier lassen sich noch heute im Brüder Grimm Haus, einem fast originalgetreu renovierten ehemaligen Amtshaus, ihre einstigen Wohnspuren mit Hilfe von Museumsleiter Burkhard Kling wiederentdecken. Im Anschluss daran wartet in Eingangsbereich mit etwas Glück ein „gestiefelter Kater“, dessen ausgezeichnete Ortskenntnis der Führung durch das herausgeputzte Städtchen mit all seinen Giebeln, Fassaden und Türmen eine charmante Note verleiht.

Als ähnlich romantisch präsentiert sich auch die Studentenstadt Marburg an der Lahn. Im Schatten des alles überragenden Landgrafenschlosses verbrachten die Brüder hier einst ihre Studienjahre. Dabei bauten sie durch intensives Studium bei „ihrem“ Professor Friedrich Carl von Savigny ihre weit reichenden Interessengebiete aus und legten damit die Grundlagen für ihre vielfältigen, weit über die Märchensammlung hinaus gehenden germanistischen Publikationen. Ein „Grimm-Dich-Pfad“ bildet heute mit seinen künstlerisch gestalteten Märchenfiguren eine rote Linie durch die verwinkelte Altstadt, so wie die Grimms diese sicherlich ähnlich während ihrer vierjährigen Studienzeit erlebt haben.

Berauschende Wortfülle

Alle Wege des Grimm-Gedenkens führen jedoch in diesem Jahr in die hessische Landeshauptstadt Kassel. In jene Stadt, in der das Brüderpaar nicht nur seine Schulzeit absolvierte, sondern nach dem  Marburger Studium auch die kurfürstliche Bibliothek verwaltete. In damaligen Zeiten keine besonders aufreibende Tätigkeit, sodass für andere Schwerpunkte, wie beispielsweise die Vorbereitung des umfangreichen „Deutschen Wörterbuches“, noch ausreichend Zeit blieb.

Im Grimm-Museum der Stadt kann man sich beim Blättern in dessen Faksimile-Endfassung berauschen an der Fülle deutscher Begriffe von Luther bis Goethe, die hier auch gleich noch in ihren regionalen Bedeutungsunterschieden erklärt werden. Oder an der sensationellen Erstausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“, die mit den handschriftlichen Anmerkungen der Grimms bereits ihren festen Platz im Unesco-Welterbe gefunden hat.

Fülle neuer Erkenntnisse

Hier in Kassel wurde Ende April 2013 in der Dokumenta-Halle auch die zentrale Ausstellung des Landes Hessen zum Lebenswerk des Brüderpaares Grimm in drei großräumigen Kabinetten eröffnet. Eine „EXPEDITION GRIMM“, so der Titel der Ausstellung, die nach Meinung von Eva Kühne-Hormann, der Hessischen Ministerin für Wissenschaft und Kunst, eine Fülle neuer Erkenntnisse zu den Grimms bereit hält. Indem sie, wie Kurator Dr. Thorsten Smidt ergänzt, hinein führt in deren Hauptwerke und diese mit den jeweiligen Lebensumständen konfrontiert.

Dabei wird schnell deutlich, dass die Grimms aus Enttäuschung über eine ausbleibende Festanstellung durch den Kurfürsten ausgerechnet ihrem Hauptwirkungsbereich Kassel den Rücken kehrten. Und sich dann mit hörbarem Murren außer Landes begaben in die Universitätsstadt Göttingen im äußersten Süden des einstigen Königreichs Hannover.  

Protest gegen den Obrigkeitsstaat

Doch dort gerieten sie aus dem Regen in die Traufe. Denn mit anderen Professorenkollegen protestierten sie als „Göttinger Sieben“ gegen die unerwartete Aufhebung der liberalen Verfassung durch den neuen Landesfürsten Ernst August.  Nach damaligem obrigkeitsstaatlichem Verständnis war dies ein Akt schweren Ungehorsams, der sie auch prompt ihren Arbeitsplatz kostete.

Einer der Höhepunkte dieser Ausstellung ist die sensationelle digitale Aufbereitung des einstigen Grimm-Wohnhauses in Steinau. Es ist dies ein wissenschaftlicher Beitrag des Fraunhofer-Institus für Graphische Datenverarbeitung in Darmstadt, der es ermöglicht, das Gebäude nicht nur zu betreten, sondern auch in maßstabsgerechter 3D-Rekonstruktion zu durchschreiten. In der Tat eine „EXPEDITION GRIMM“ in ein bislang wenig bekanntes Terrain.

Poetische Reise im „Schattenwald“

Auch außerhalb geschlossener Räume hat sich die Stadt Kassel etwas Originelles einfallen lassen. Im Bewusstsein der Bedeutung, die der Wald für die Märchenwelt der Brüder Grimm einnimmt, wird allabendlich unter dem Titel „Schattenwald“ zu poetischen Reisen in den nächtlichen Wald eingeladen. In eine Umwelt, in der sich bei schwachem Laternenschimmer schnell eine existenzielle Verbundenheit mit vorchristlichen und naturreligiösen Vorstellungen hervorzaubern lässt.

Als Zauberkünstler treten dabei auf die Schauspieler des „Theater Anu“, die während dieser Nachtwanderung an einigen Handlungsorten mit urtümlichen Figuren die mythische Märchenwelt existenziell erfahrbar machen. Mit Raben und Riesen, Göttern und Nornen, die zurückführen in Vorstellungsbereiche, die trotz aller heutigen Auf- und Abgeklärtheit in unserem kollektiven Unbewussten offenbar doch noch fest verankert sind. Eine Welt, der die Brüder Grimm vor genau zweihundert Jahren erneutes Leben einhauchten und sie dadurch für die Nachwelt vor dem allmählichen Vergessen bewahrten.


Reiseinformationen „Brüder Grimm in Hessen“

Anreise

Von Hanau über Steinau und Marburg nach Kassel – oder umgekehrt.

Reisezeit

Im Rahmen von „Grimm2013“ halten die hessischen Grimm-Orte im Sommerhalbjahr 2013 ein umfangreiches Programm bereit. „Expedition Grimm“ in Kassel bis 08.09.2013

Unterkunft

Hanau: Hotel Birkenhof, www.hotelbirkenhof.de; Steinau: Grüner Baum, www.gruenerbaum-steinau.de; Marburg: Hotel Vila Vita Rosenpark, www.rosenpark.com; Kassel: Hotel Gude, www.hotel-gude.de

Auskunft

Hessen Tourismus: www.hessen-tourismus.de; Grimm2013: www.grimm2013.de; Expedition Grimm: www.expedition-grimm.de

Reiseliteratur

Merian live! „Märchenhaftes Hessen. Auf den Spuren der Brüder Grimm“, inkl. Karte, 1. Aufl., München 2013, ISBN 978-3-8342-1242-9, Euro 12,99

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