„Es ist schwer, zu singen, wenn du hungrig bist“ – Das Konzert-Drama „Defiant Requiem“ erinnert an die Aufführung des Requiems von Giuseppe Verdi im Ghetto Theresienstadt

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In Theresienstadt internierten die Nazis zahlreiche prominente Künstler und Wissenschaftler aus Tschechien, Deutschland, Österreich und Westeuropa. Trotz harter Fronarbeit, Hunger und Kälte spielten sie als ihr Mittel zum Überleben Theater und Kabarett, musizierten und organisierten Ausstellungen und Vorträge. Die Nazis duldeten es, beobachteten aber sehr wohl, was »gespielt wurde«, und verboten, was Widerstand atmete. Diese Freiräume waren zugleich Teil einer Propagandastrategie, die Theresienstadt als Heimstätte für alte und kriegsversehrte Juden anpries. Eine Schranke für  jegliche Belebung waren die kontinuierlichen Transporte nach Auschwitz und in andere Vernichtungslager. Die trafen die Gefangenen wahllos und erstickten jede Initiative.

Von den künstlerischen Unternehmungen, die überliefert sind, ist die Aufführung von Verdis Requiem legendär. Der Dirigent und Pianist Rafael Schächter aus Prag organisierte im KZ gemeinsames Singen und studierte populäre Opern ein. Seine größte Idee war die Einstudierung der Messa da Requiem von Giuseppe Verdi, gegen den Widerstand des Ältestenrates. Die Nazis hielten die Juden, die eine katholische Messe sangen, einfach für verrückt. Die Bedingungen waren unsäglich. Geprobt wurde in einem kalten Keller, ohne Noten, mit einem verstimmten Klavier. Ein Orchester gab es nicht. Die Sänger kamen zur Probe nach 12 Stunden harter Arbeit, hungrig, müde, in ständiger Gefahr. Aber der Gesang stärkte ihren Widerstandswillen. »Schächter schaffte es, die Gefangenenmentalität zu vertreiben, die von uns allen Besitz ergriffen hatte«, erzählt der Bassist Edgar Krasa, der heute in den USA lebt. Andere sagen: »Die Musik hat mir das Leben gerettet.«

Schächter arbeitete mit einem Chor von 150 Sängern, der dreimal durch Deportationen dezimiert wurde. Etwa 400 Sänger durchliefen die Proben und Konzerte. 16 Aufführungen brachte Schächter im Ghetto zustande. Am Ende hatte er noch 60 Sänger. Zum Alibi-Besuch des Internationalen Roten Kreuzes am 23. Juni 1944 sollten sie das Requiem singen. Schächter lehnte ab. Die SS drohte. Schächter sagte: »Wir singen den Nazis, was wir ihnen nicht sagen können – Dies irae und Libera me. Wir singen es als Totenmesse für die untergegangenen Nazis«. Er sagte seinen Leuten, dass es gefährlich ist. Keiner verließ den Chor. Die Nazis aber hatten ihre Show. Im Oktober 1944 wurden Schächter und der Rest seines Chores nach Auschwitz gebracht und ermordet.

Ist es möglich, die Aufführung zu rekonstruieren? Der amerikanische Dirigent Murry Sidlin entwickelte das Konzert-Drama »Defiant Requiem« (trotzig, aufsässig). Er inszeniert Verdis Requiem in ungekürzter Fassung, ergänzt mit Filmsequenzen von Interviews Überlebender von Theresienstadt und Ausschnitten aus dem Propagandafilm »Der Führer schenkt den Juden eine Stadt«. In den Satzpausen lesen der Dirigent und zwei Schauspieler (hier Iris Berben und Ulrich Matthes) überlieferte Worte von Rafael Schächter und anderen Gefangenen. Es ist eine Montage, perfekt »geschnitten« wie ein Film. Nach 20 Aufführungen in den USA, Israel und Europa holte das Jüdische Museum Berlin das Konzert-Drama nach Berlin. Am Dienstag dirigierte Sidlin das Konzerthausorchester und, analog Theresienstadt, Laienchöre: den Chor des Jungen Ensembles Berlin und die Vokalakademie Berlin. Überzeugend. Am Ende gingen alle Sänger und Musiker still von der Bühne, eine Violine spielte die letzten Takte. Kein Beifall, Schweigen. Wiederholungen in allen deutschen Großstädten wären zu wünschen.

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