Es hält ein Zug im Nirgendwo – Bildgewaltig und humorig: „Öndög“ von Wang Quanan zeigt Elementares im Wettbewerb der Berlinale

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Szene aus dem Film "Öndög". © Wang Quan'an

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Eiskalt bläst der Wind über die mongolische Steppe. Im Gras liegt eine nackte Frau. Tot, sie wurde ermordet. Nun gilt es, die grausige Fundstelle in der menschenleeren Einöde zu sichern. Ein junger Polizist (Norovsambuu Bathmunkh), fast noch ein Kind, muss Nachtwache schieben, seine Kollegen lassen ihn alleine zurück. Zum Glück kommt eine einheimische Hirtin (Dulamjav Enkhtaivan) auf einem Kamel angeritten, sie soll ihm zur Seite stehen, sie kennt die Gefahren. Sie macht Feuer, wehrt Wölfe ab und ist ihm auch ansonsten sehr behilflich. Laute Geräusche hallen über die Steppe. Die Menschen stöhnen, das Kamel röhrt.

Dinosaurier nennen ihre Nachbarn diese Steppenprinzessin, eigenwillig und eigenbrötlerisch zugleich. Mit der Bezeichnung kann sie offensichtlich leben. Sie habe ein Öndög (Dinosaurier-Ei), stellt sie scherzend fest, nachdem sie schwanger wurde. Die Polizisten, ebenso gut gelaunt, flirten mit ihrer Praktikantin, geben ihr sogar ein Abschiedsständchen. Sie tauschen unverdrossen Weibergeschichten aus, während direkt neben ihnen der mutmaßliche Täter steht, mit Handschellen an eine Heizung gekettet, einen Raum weiter wird die Leiche obduziert. Später begleitet der junge Polizist die junge Frau zu ihrem Zug nach Ulan Bator. Er besteht aus einer Lok, einem Waggon, und hält im Nirgendwo der menschenleeren Steppe. Szenen, mal komisch, mal absurd-surreal, das hat beinahe etwas von Kaurismäki.

Szene aus dem Film „Öndög“. © Wang Quan’an

Bei allem Humor, der Film hat einen ernsten, sehr elementaren Hintergrund. Und schon gar nicht will er eine Romanze sein, wie der chinesische Drehbuchautor und Regisseur Wang Quanan in der anschließenden Presskonferenz erklärt. Vielmehr gehe es um das Überleben eines Volkes, wenn nicht der gesamten Menschheit. Das Eis sei dünner, als manche glauben. „Wir sind vielleicht die Dinosaurier der heutigen Zeit“, sagt der Regisseur. Die ausgestorbenen Riesen machen einem klar, dass auch die Menschheit vielleicht nur ein Wimpernschlag in der Geschichte ist.

Darum auch die gewaltigen Bilder, die langen Einstellungen, die alleine den Film schon so sehenswert machen. Oft sieht man Gras, soweit das Auge reicht, darüber ein gewaltiger Himmel. Die Menschen erscheinen dann ganz klein. Natur pur, grandios und grausam zugleich. Die mongolischen Nomaden brauchen ihren starken Überlebensinstinkt, sie leben in einer Umgebung, die keinen Fehler verzeiht. Newcomerin Dulamjav Enkhtaivan muss sich da nicht groß verstellen, sie stammt vom Land und kennt die Gegebenheiten, beißende Kälte inklusive.

Szene aus dem Film „Öndög“. © Wang Quan’an

Die Menschen sind eben ein Teil der Natur, auch wenn viele das vergessen haben. Die mongolischen Nomaden zumindest sehen sich als Teil der Natur, was auch der Soundtrack deutlich macht. Anfangs schallt noch „Love me tender“ von Elvis über die Steppe, der junge Polizist tanzt dazu, um sich aufzuwärmen. Doch nach weiteren Popsongs ertönt zum Schluss, endlich, der berühmte mongolische Kehlkopfgesang, mit dem die Interpreten Naturgeräusche wie Tierstimmen oder Wind nachahmen und so die Natur ehren. Bei der Auswahl der Musik habe es sich der Regisseur recht einfach gemacht, gesteht er. Er fragte Norovsambuu Bathmunkh nach seinem Musikgeschmack und ließ sich einfach ein paar Songs von seinem Handy vorspielen. Dann folgt noch ein Geständnis: Eigentlich hatte er, so Wang Quanan, 2017 Mitglied der Jury im Wettbewerb und 2007 Gewinner des Goldenen Bären, gar keine Lust, zu dieser Zeit einen Film zu drehen. Aber er habe dies für den scheidenden Festival-Direktor Dieter Kosslick getan. Ein Abschiedsgeschenk.

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