Es kommt, wie es kommen muss – Überflieger, Werwölfe und alte Leinwandbekannte bevölkern die Kinos im neuen Jahr

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Als Kind liebte man selbst Trailer über alles. Selbst miserable Filme konnten erstklassige Trailer haben („Independece Day“, „Godzilla“). Heute hingegen… Lehnen Sie sich mit etwas Mikrowellen-Popcorn zurück und lesen Sie, was 2010 in den Lichtspieltheatern auf dem Programm steht. Wenn Sie nicht möchten, müssen Sie es nicht sehen.

Hoch hinaus will Hilary Swank als „Amelia“ in Mira Neirs Filmbiografie über die amerikanische Flugpionierin Amelia Earhart. Von Emanzipation scheint in dem Drama wenig übrig zu bleiben. „Amelia“, die als erste Frau den Atlantik überflog, erreicht ihre Ziele laut Presseankündigung dank „Unterstützung und unendlicher Liebe“ ihres von Richard Gere gespielten Partners. Terry Gilliams „The Imaginarium of Dr. Parnassus“ konnte schon auf dem Filmfest in Toronto kaum überzeugen. Glanz verleiht dem Fantasy-Drama Gilliams zauberhaften Ausstattung und ein hochkarätiges Ensemble. Neben Christopher Plummer, Lily Cole und Tom Waits ist der 2008 verstorbene Heath Ledger in seiner letzte Rolle zu sehen. Um seinen Film trotz Ledgers Tod vollenden zu können, besetzte Gilliam dessen Part mit Jude Law, Johnny Depp und Ethan Hawke. Wes Anderson verfilmte Rolad Dahls Kinderbuch „The Fantastic Mr. Fox“ über eine Fuchssippe, die es mit den menschlichen Betreibern eines Supermarktes aufnimmt. Die Sprecher der animierten Charaktere können sich hören lassen: George Clooney, Angelica Huston, Bill Murray, Meryl Streep und Willem Dafoe.

Literaturverfilmungen sind das große Thema des kommenden Kinojahres. Wird Werbefilmer und Regisseur Guy Ritchie Arthur Conan Doyles Kokain spritzenden Meisterermittler Sherlock Holmes wie eine Reklame für Pfeifen und Deerstalker inszenieren? Robert Downey, Jr. Spielt den Sherlock in Ritchies „Holmes“. Der bisher als ältlich und korpulent dargestellt Dr. Watson darf, verkörpert von Jude Law, dafür erstmals richtig gut aussehen. Tim Burtons lange verschobener Fantasyfilm „Alice im Wunderland“ mit Johnny Depp als verrückten Hutmacher, Helena Bonham Carter als Herzkönigin und Christopfer Lee kommt im März in die Kinos. Mit Lewis Carolls Kinderbüchern hat Burtons Werk, in dem eine erwachsene Alice ins Wunderland zurückkehrt, hauptsächlich die Charaktere gemeinsam. Ende des Jahres ist Komiker Jack Black in Rob Lettermans Verfilmung von Jonathan-Swifts „Gullivers Reisen“ zu sehen. Der Fokus des Regisseurs richtete sich dabei wohl mehr auf Fantasyspektal denn Swifts Sozialsatire. Ist der Bücherschrank derart geplündert, greifen Produzenten auf ungewöhnliche Vorlagen zurück. Actionspezialist Jerry Bruckheimer lässt Regisseur Jon Turteltaub in Deutsch nachsitzen: „Der Zauberlehrling“ soll mit Nicholas Cage als Gruselstreifen verfilmt werden. Wer sich in der Schule einst durch „Walle, walle, Besen, Besen“ quälte, dem steht jetzt schon die Angst ins Gesicht geschrieben.

Auch auf Zelluloidklassiker besinnen sich das Kino. Anthony Hopkins und Benicio Del Toro sollen das Publikum mit „The Wolfman“ aufheulen lassen – vermutlich vor Schrecken darüber, was die Modernisierung aus dem Original, Urvater der Werwolf-Filme, macht. Spezialeffekte sollen auch die Stop-Motion-Animationen Ray Harryhausens aus dem Fantasy-Klassiker „Kampf der Titanen“, der mit Liam Neeson und Ralph Fiennes neu verfilmt wird, ersetzen. Die Neuauflage von George Romeros Kult-Horror „The Crazies“ zeigt die mörderische Seite des Dorflebens. Das wahre Grauen spielt sich in Krisenzeiten jedoch in der Großstadt ab: „Wall Street 2“ betitelte Oliver Stone die mit Michael Douglas besetzte Fortsetzung seines Börsen-Thrillers „Wall Street“, der lehrte, dass Banker tatsächlich die skrupellosen Verbrecher sind, für die man sie insgeheim immer hielt. In der Fortsetzung soll der aus der Haft entlassene Schurke allerdings geläutert auftreten. Fragt sich, ob die Banken die Fortsetzung sponserten. Horrorfigur Freddy Krueger ist auch nicht mehr der alte Messerhandschuh-Träger, wenn er in der Neuverfilmung von „A Nightmare on Elm Street“ Alpträume bereitet. Dem Publikum Alpträume bescheren könnten auch die Macher von „Akira“. Ein Realfilm basierend auf dem Animé „Akira“ nach dem gleichnamigen Manga-Klassiker soll mit Leonardo DiCaprio in der Titelrolle in die Kinos gelangen. Andere Filme will man nicht wiedersehen, weil sie schon in der Originalversion unerträglich waren. Braucht die Welt noch einen „Conan, der Barbar“ oder „Mortal Kombat“ – letzter vermutlich der erste von vielen?

Im nächsten Jahr setzt sich unweigerlich das Gesetz der Serie fort: „Sex and the City 2“ mit der üblichen Besetzung, „Toy Story 3“ mit den üblichen Sprechern, „Final Destination 4“ mit den üblichen unbekannten Jungdarstellern, „Iron Man 2“, „Shrek 4 forever after“ und „Twilight 3 – Eclipse“ mit dem blutleeren Robert Pattinson und prüder Moralbotschaft, „Harry Potter 7“, Teil 1, mit den gleichen alten Zaubertricks. So fühlt sich der Kinobesuch 2010 mehr nach einem Fernsehabend auf dem Sofa bei einer TV-Serie an. Darauf erst einmal eine Zigarette zur Entspannung – leider ist rauchen in Kinos außerhalb der Leinwand seit den Sechzigern nicht mehr erlaubt -sogar in Filmen mit Titeln wie „I love You, Phillip Morris“. Der handelt nicht vom blauen Dunst, sondern dem realen Gefängnisausbrecher und Betrüger Steven Jay Russel. Jim Carrey spielt Russel, der sich in den von Ewan McGregor gespielten Titelcharakter verliebt. In Jason Reitmans Rezessionssatire „Up in the Air“ wird George Clooney zum fanatischen Sammler von Bonusflugstunden; wenige Wochen zuvor, in Grant Heslows skurrilem auf tatsächlichen Ereignissen basierenden Irak-Kriegsfilm, sind er, Ewan McGregor und Stanley Tucci „Männer, die auf Ziegen starren“. Pünktlich am heilig Abend setzen die Disney Studios ihre in diesem Jahr mit „Küss den Frosch“ wiederbelebte Tradition des Weihnachtszeichentrickfilms fort. „Rapunzel“ soll sich an den klassischen Märchenadaptionen wie „Cinderella“ und „Dornröschen“ orientieren. Noch ohne Starttermin ist John Currans „The Brautiful and the Damned“ über das Leben Zelda Fitzgeralds. Keira Knightley spielt in der Romanverfilmung die psychisch labile Ehefrau des Schriftstellers F. Scott Fitzgerald. Dann ist es schon wieder Zeit für die nächste Trailer-Vorschau, die eine Ausblick auf Kinokatastrophen und Filmfavoriten von 2011 gibt.

Ehrlich gesagt, man selbst liebt Trailer immer noch. Und wer Trailer nicht ausstehen kann, wird hier nach ganz polemisch zum Kinomuffel erklärt! Trailer sind einfach toll. Sogar die von Roland Emmerich (obwohl man selbst es ihm gegenüber nie zugeben würde). Frohes Neues Filmjahr.

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