Erich Mühsams Tagebücher in fünfter Symphonie – Annotation

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© Verbrecher Verlag

Herrschaftszeiten! Fehlen ja nur noch 10 Teile. Wir hangeln uns mit Mühsam durch die Kriegsjahre 15-16. Zwar ist der Vater endlich tot, Mühsam hat die Taschen voll Geld und ein holdes, doch etwas einfach gestricktes Weib geehelicht. Trotzdem sind die Leiden groß, denn Erich sieht wachen Geistes dem großen Umbringen zu, ohne sich publizistisch einbringen zu dürfen. Verdun und andere Schlachtfelder fordern hohen Blutzoll, der Kaiser ist immer noch kriegsgeil und die Parteien, inklusive der SPD, denken nicht daran das Morden zu stoppen. Außer Karl Liebknecht und einigen SPD-Genossen vom linken Rand ist die große Arbeiterpartei verkommen wie eh und je. Kriegskredite werden durch gewunken und die Opposition eingekerkert. Mühsam darf seine Meinung nicht veröffentlichen, nur das sein Tagebuch bleibt ihm als publizistisches Mittel, und so führt er es redlich im stillen Kämmerlein, hält die schlimmsten Schweinerein fest, führt eine Presseschau und bleibt weitestgehend hilflos. Eine Allianz der linken Kräfte kommt nicht zusammen, zu schwach sind die zersplitterten Kräfte, auch zu ängstlich. Liebknecht wird inhaftiert, 1916 kommt es in München zu einer spontanen Hungerrevolte, die ohne Folgen bleibt. Mühsam schreibt und wartet auf die Revolution. Seine gute Hausfrau Zenzl organisiert den Haushalt und passt auf, dass der Erotomane Erich nicht in fremden weiblichen Gefilden wildert. Ja, sie ist extrem kleinlich und eifersüchtig wie die Pest. Erich bleibt nix anderes übrig, als sich in sein Schicksal als treuer Ehemann zu fügen. Vorbei die Zeit des ewigen Geschnaxels, tabu die Unterbuxen seiner neuen Bekannten. Wir werden sehen, ob das auf die Dauer gut geht. Ohne die erotischen Verwicklungen und wechselnden Verliebtheiten und Buhlschaften ist die Lektüre ein wenig fad. Der Krieg bestimmt das Tagebuch, es bleibt leider wenig Raum für privates und das schöne Leben der Boheme findet auch nur noch selten statt. Freuen wir uns auf den sechsten Teil, der mindestens eine Revolution, und hoffentlich wieder Schwung in Mühsams Liebesleben bringt!

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Erich Mühsam, Tagebücher. Band 05: 1915-1916, herausgegeben von Chris Hirte, Conrad Piens, Leinen mit Lesebändchen, 352 Seiten, Verbrecher Verlag, Berlin 2013, ISBN: 9783940426819, 28 Euro (D)

Die Ausgabe der „Tagebücher“ in 15 Bänden erscheint zugleich als Online-Edition unter www.muehsam-tagebuecher.de. Der Anmerkungsapparat im Internet bietet neben ergänzenden Materialien die digitalisierte Handschrift und umfassende Suchfunktionen, sowie ein Sach- und Personenregister, das in jeweils aktualisierter Fassung heruntergeladen und ausgedruckt werden kann.

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