Eisbrecher „Swanti“ auf Einsatzposition verlegt – Die Weiße Flotte Stralsund rüstet sich für den kommenden Winter

Swanti vor der Speicherkulisse im Nordhafen von Stralsund. © 2020, Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther

Stralsund, Breege, Deutschland (Weltexpress). „Wo wollt ihr denn hin“, wundert sich ein Stralsunder   Morgenspaziergänger am Ippenkai. „Eis brechen“, bekommt er lakonisch zur Antwort, während der Mann im Blaumann grinst, nicht mal aufblickt und weiter mit Leinen und Kabeln hantiert.

Auslaufen mit Gorch Fock I im Hintergrund durch den Nordhafen. © 2020, Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther

„´Swanti` – Stralsund traffic“, hört man ein UKW-Gespräch von der Brücke, „wir wollen auslaufen“. Es ist die Stimme von Uwe Colbow (76), der „sein“ Schiff bei der Revierzentrale in Rostock-Warnemünde gerade ordnungsgemäß abgemeldet hat. Der Richtenberger ist Kapitän des Stralsunder Weiße-Flotte Eisbrechers „Swanti“ und der am längsten bei dem Unternehmen Beschäftigte. Aus dem Maschinenraum-Niedergang steckt Maschinenwart Paul Pohl aus Semlow den Kopf, nachdem er sich überzeugt hat, dass in seinem Kellerreich, aus dem ein gesunder SKL-Diesel bullert, alles in Ordnung ist. Die Stralsunder Binnenschiffer-Azubis Maximilian Beitz und Paul Schönfeldt, beide 18 Jahre alt und Abiturienten im ersten Lehrjahr, stehen mit ihrem Ausbilder Thomas Meller, sonst Schiffsführer der „Altefähr“, in Warteposition an den Leinen. Die Reise steht deshalb auch unter dem Motto „Ausbildungsfahrt“. Warum sie Binnenschiffer werden wollen? „Das hat uns schon immer interessiert und man ist abends meistens zu Hause“, meint Maximilian, und Paul sieht in der Hochseeschifffahrt heutzutage keine Perspektive mehr. Binnenschiffer sei ein gefragter Beruf.

Kapitän Uwe Colbow auf der Brücke der Swanti. © 2020, Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther

Kein Museumsdampfer

08.35 Uhr: „Leggo!“, ruft Colbow, „dann woll´n wir mal“. Vorsichtig legt er die Telegrafen der beiden 150-PS-Hauptmaschinen auf „Voraus“ und bewegt den großen Yoystick-Steuerhebel. Willig folgt der knapp 30 Meter lange 156-Tonner seinen sparsamen Fingerbewegungen, bis er sich von der Pier gelöst hat und ins Fahrwasser eindreht. An der „Gorch Fock“ (I) vorbei schiebt sich das bullige Spezialschiff durch die beiden Leuchtfeuer der Nordmole an ein paar Anglern vorbei hinaus auf den Strelasund. Der glänzt und strahlt in der Morgensonne. Im Lagebericht meldet der Wachlotse Wind aus Südwest der Stärke vier Beaufort mit auffrischenden Böen. „Gestern war´s ja temperaturmäßig noch richtig frühlingshaft“, meint Colbow, der nur einen Blick für die rot-grünen Tonnen voraus und den Ruderlageanzeiger hat: „Sonst tanzt der mir hin und her. Bei Schleppfahrt liegt er ruhiger, und im Eis muss er unbedingt wendig sein“, erklärt Uwe Colbow. Er ist jahrzehntelang in verschiedenen Funktionen zur See gefahren, bei der Binnen- und Seeschifffahrt mit Kapitänspatent AG in großer Fahrt. Normalerweise steht ihm seit fünf Jahren noch sein Kollege und Hochseefischerei-Chief Harry Tetzner (80) zur Seite, der aber krankheitsbedingt nicht dabei sein kann. „Wir sind die Jugendbrigade der Weißen Flotte“, zwinkert Colbow, der die ganze Welt gesehen, auch schnelle Katamarane und das Stralsunder Ölfangschiff „Orfe“ gefahren hat, es jetzt aber ruhiger liebt: „Unsere ´Swanti` betreuen, weil es uns Spaß macht, denn wir sind mit ihr auch irgendwie verwachsen, quasi als eine Art Hobby“. Man sei zwar ein musealer Oldtimer, aber kein Museumsdampfer und erfülle alle Vorschriften eines Berufsschiffes mit der Zulassung für die Zone 2 „Küstengewässer“ Sund und Bodden. Die Seeberufsgenossenschaft fordere darüber hinaus eine jährliche arbeitsmedizinische Untersuchung, ohne die man nicht zur See fahren dürfe.

Motorenwart Paul Pohl ergänzt Schmieröl im Maschinenraum. © 2020, Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther

Weiße Flotte-Steak

„Da das Wasser- und Schifffahrtsamt bei Eisgang nur die Hauptfahrwässer freihalten kann“, ergänzt er, „übernehmen wir mit Sondergenehmigung diese Aufgabe für die Strecken nach Hiddensee, für das wir im Notfall auch Versorgungsschiff sind“. Im Falle eines Falles stehen an Bord sogar 20 Plätze für Passagiere zur Verfügung und für die Crew vier Kojen. Auf dem Achterdeck haben noch drei Paletten Platz. „Swanti“, der in Berlin gebaute frühere Eisbrecher und Schlepper auf der Oder, erfülle quasi wie eine „eierlegende Wollmilchsau“ gleich mehrere Aufgaben. Namensvorgängerin war von 1925 bis 1968 übrigens ein in Stettin gebautes Seebäderschiff mit Verbunddampfmaschine.

Mit erst knapp, dann über neun Knoten und weißem Bart schiebt „Swanti“ nach Norden. Sozusagen mitten durch ihr – sie ist ein Schiff und daher weiblich – ureigenstes Revier, ist sie doch benannt nach der obersten Gottheit und dem Kriegsgott der Ranen auf Rügen, dem vierköpfigen Svantevit.

Querab Schaprode kommt die „Hansestadt Stralsund“ von Hiddensee entgegen, und man begrüßt sich per Typhon. Colbow hat sich extra ein laustärkeres einbauen lassen, „damit man uns auch hört“. Übersehen kann man das bullige Schiff nicht, das bis zu 15 Zentimeter Kerneis brechen kann. „Dafür haben wir unsere Stampfanlage im Vorschiff“, erklärt der Kapitän, „die auf dem Prinzip der Unwucht funktioniert, das Vorschiff auf und ab durchs Eis bewegt und bricht“. Wenn er im Winter von Bord nach Hause gekommen sei und immer noch genickt habe, hätte seine Frau Bescheid gewusst, wo er war. Und lacht fröhlich, bis Paul Pohl zwei Pötte Kaffee und später Bockwurst mit Brötchen – genannt „Weiße Flotte-Steak“ – durch den Niedergang zur Kombüse und Messe heraufreicht.

Zwischen Seehof und Bug schiebt der Wind ordentlich mit: ein Knoten mehr. Auch die Kollegen von der Wittower Fähre werden lautstark begrüßt. Bis an Backbord voraus der Hafen von Breege in Sicht kommt, während nach Steuerbord die Fahrrinne nach Ralswiek abzweigt und voraus der Schaabe-Wald den Jasmunder Bodden begrenzt.

Eisbrecher Swanti hat in Breege auf Rügen angelegt. © 2020, Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther

Nach gut drei Stunden und 25 Seemeilen legt Kapitän Uwe Colbow „Swanti“ gekonnt bei seitlichem Schiebewind vor der „Seebad Breege“ an und meldet sich ab bei Stralsund traffic. „Von jetzt an besuchen wir sie jede Woche, erledigen Pflegearbeiten und lassen die Maschinen drehen“, sagt Colbow, „damit wir einsatzbereit sind für den Tag X“.

Infos:

„Swanti“,  Eisbrecher und Schlepper (6 Schwesterschiffe); Bauwerft: VEB Yachtwerft Berlin-Köpenick; Bau-Nr.: 2413-5;  frühere Namen: „Widder“, „Widder II“, „Rotehorn“, „Eis-Ed“; Länge: 29,20 m; Breite: 7,41 m; Tiefgang (max.): 1,45 m; Höhe: 3,65 m; Verdrängung: 156 t; Antrieb: 2 x SKL 257 kW; 2 Hilfsdiesel, 1 Stampfmaschine; Besatzung: 4 Pers.; Eisbrechkapazität: 15 cm Kerneis; Eiseinsätze: Januar 2016, März 2018; Reederei: Weiße Flotte GmbH, Tochter der Flensburger Förde Reederei Seetouristik (FRS); Flagge: Deutschland; Heimathafen Stralsund.