Ein Krimi: so wahr wie falsch, so übertrieben wie echt – „BaD Fucking“ wünscht Kurt Palm alle Übel an den Hals – aus dem Residenz Verlag

Und ein Moralist auch nicht. Oder doch? Denn was ist Kurt Palm am Ende anderes, als einer, der die Wesenszüge der Gebirgler, aber auch die höheren Gefühle der höheren Beamtenhierarchie in der Metropole Wien, so genau beschreibt, daß sich am Ende in ihnen die ganze Welt wiederfindet. Denn Kurt Palm – für die einen als literarischer und szenischer Begleiter der Alpenrepublik eine absolute Kultfigur, für die „Deitschen“ ganz schön unbekannt – ist so einer, der so lange übertreibt, die unwahrscheinlichsten Personen und Abläufe vor einem ausbreitet, eine jugendliche weibliche Bande von Cheerleadern auch noch reinrührt, ein, zwei, drei, vier und noch mehr Personen umkommen läßt, bis man vollends den Überblick über die Toten und wenigen Zurückgebliebenen verloren hat, der auch noch die heimische Innenministerin entführen läßt, von einer, die ihr ähnlich sieht, und die als österreichische Innenministerin dann in München den russischen Innenminister erschießt, ein Autor, der einem keine einzige nette Szene zu Liebe und Sexualität gönnt, nur fiese Möpse und dann auch noch Vergewaltiger, schrecklich und widerlich, wobei Kot und Urin und ’Notfürze` überhand nehmen, der also alptraumhaft alles zusammenkommen läßt, was es an Schrecken, Gemeinheit, Zufall, Bösem gibt, so lange, bis es am Ende dann schon wieder stimmt.

Also, lassen Sie die Finger davon, wenn Ihnen „Gargantua und Pantagruel“ und solche Sachen zu deftig sind, wenn Sie immer feinsinnig sind, wenn Ihnen kaugummikauende junge Mädchen mit Tatoos auf dem Hintern, weshalb sie immer die Hose herunterziehen müssen, vor allem aber wegen ihrer Sprachfetzen von „Leck Arsch“, „Sau“, „Arschkratzschmäh“ bis „Bam, Oida, jetzt bin ich gefickt! Und das ausgerechnet in Bad Fucking.“ zu ordinär sind oder einundzwanzig von derartigen jungen Dingern einfach zu viel. Wir haben uns also amüsiert, haben innerlich auf einen harten Klotz einen derben Keil gesetzt, uns sehr an der Phantasie des Kurt Palm begeistert, nur ab und zu mal gelangweilt auf allzu Unflätiges reagiert, alles in allem vergnügte Lesestunden verbracht.

Nur eines nehmen wir Kurt Palm übel. Daß der Autor am Schluß nicht klärt, ob es ein Mord war, zumindest ein Totschlag, an dem der Vitus Schallmoser (Sonderling) verendete oder ein Unfall. Denn mit seinem blutenden Kopf und dem leblosen Körper, den ausgerechnet der alte treue Bartl (ein Schelm, der denkt: wo der Bartl seinen Most holt) auffindet, beginnt diese Groteske, die man genauso einen Politkrimi, aber doch lieber analog „Geschichten aus dem Wienerwald“, „Geschichten aus dem Wald“ nennen sollte. Sie treten alle auf, die Kleinstadtfiguren wie der Zahnarzt Dr. Ulrich, der wegen seiner lustlosen Ehefrau Nacktaufnahmen der Scham seiner Putzfrau Jagoda Dragicevic macht und deshalb sowohl von ihr wie auch der Fotoentwicklerin erpreßt wird, was ihn nur zum Lachen bringt, aber am Schluß ist er auch tot.

Rührend fanden wir, daß die einzige nette, also sympathische Person des ganzen Krimis diese Putzfrau ist, weil wir ihre Motive verstehen, aber auch, warum sie auf keinen grünen Zweig kommt. Irre die Offiziellen, wie Camilla Glyck vom Bundeskriminalamt, die erst mal rasch mit einer präparierten Wurst einen sie nervenden Hund vergiften will, mit dem Strychnin, das sie von dem Pathologen bekommt, mit dem sie schlafen soll, das aber beim Hundebesitzer wirkt, weil der die Wurst seinem Hund stibitzt hat, was aber nicht auffallen wird, denn er wird von dem Pathologen obduziert, der ja das Gift besorgt hatte: für den Hund. Völlige berufliche Versager sind sie alle, aber übel nimmt es ihnen der Verfasser nur, wenn sie dazu noch gemein werden. Und das werden sie beim unaufhörlichen Schielen darauf, wie sie die Karriereleiter hochfallen können und andere dabei runterstoßen.

Die wichtigsten Personen allerdings sind der Bürgermeister und seine Früchtchen, die Herren Söhne. Der hatte nicht nur sechs Millionen Euro der Gemeinde einem Finanzhai in den Rachen geschleudert, sondern sein eigen Geld auch noch, da er dumm und raffgierig genug war. „Nicht zu hoch hinaus, es geht übel aus“, ist eine der Moralen, die Wolf Biermann der sibirischen Nachtigall verkündet. Lassen wir es dabei und zitieren die Rückseite des Buches, in dem Kurt Palm zugeschrieben wird, er sei „schräg, brillant, irrwitzig, durchgeknallt, peinlich, unterhaltsam, zwangsoriginell, grenzgenial…und vieles mehr. Alles das ist auch „BaD Fucking“.

Kurt Palm, Bad Fucking, Residenz Verlag, 280 Seiten, 21,90 Euro

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