Ehrung für Zsuzsanna Gahse und Åžara Sayın – Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den Johann-Heinrich-Voß- und den Friedrich-Gundolf-Preis

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Şara Sayın

Friedrich Gundolf ist zumindest allen Germanistikstudenten wohl bekannt, denn der ebenfalls in Heidelberg verstorbene – am 12. Juli 1931 – Literaturwissenschaftler und Dichter hat Grundlegendes für das Fach geleistet und darüberhinaus Generationen mit dem Feuer seiner Forschung und Interpretation infiziert. Insbesondere seine Shakespeare-, Goethe- und Heinrich-von-Kleist Interpretationen haben das kulturelle Leben der Zwanziger Jahre bestimmt. Der mit 12 500 Euro dotierte Preis ist bestimmt für Germanistik im Ausland, wird also grundsätzlich für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland verliehen, 2010 an die türkische Germanistin Åžara Sayın.

Zu den Ausgezeichneten teilt die in Darmstadt beheimatete Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung quasi als Begründung mit: Zsuzsanna Gahse, die für ihre Übertragungen aus dem Ungarischen ausgezeichnet wird, ist eine der wichtigsten literarischen Übersetzerinnen aus dieser Sprache. Konzentriert hat sie sich auf zeitgenössische Autoren, die große Sprachvirtuosen sind: Sie hat zahlreiche Bücher von Péter Esterházy übersetzt, außerdem Péter Nádas, Miklós Mészöly, Lászlo Garaczi, Zsuzsa Rakovszky und István Vörös. Zuletzt übersetzte sie Gedichte von Ottó Tolnai („Göttlicher Gestank“. Edition Korrespondenzen, Wien, 2009).

Zsuzsanna Gahse ist eine phantasievolle, kreative Übersetzerin, die den immensen Herausforderungen der Texte mit spielerischem Knowhow und mit jener spürbaren Lust an der Spracharbeit begegnet, die sich auch in ihren eigenen literarischen Werken zeigt, wo kleine Prosaformen und poèmes en prose dominieren. Als Nachdichterin im besten Sinne des Wortes hat sie den bedeutendsten Sprachkünstlern unter den ungarischen Autoren zu einer deutschen Stimme verholfen. Zsuzsanna Gahse, geboren 1946 in Budapest/Ungarn, floh 1956 nach dem Ungarnaufstand in den Westen und wuchs in Wien und Kassel auf. Heute lebt sie als freie Schriftstellerin und Übersetzerin in Mühlheim/Schweiz. Für ihr schriftstellerisches wie übersetzerisches Werk wurde sie vielfach ausgezeichnet, unter anderen 2006 mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis.

Zur Preisträgerin des Friedrich-Gondolf-Preises schreibt die Akademie: Mit Åžara Sayın ehrt die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung eine der bedeutendsten Vermittlerinnen deutscher Literatur in der Türkei. Sie leitete lange Jahre auf eine in ihrem Land einzigartig demokratische Weise das Fach Germanistik an der Istanbul-Universität, gründete die Deutschabteilung der Fremdsprachenhochschule und leitete damit die Modernisierung der Deutschlehrerausbildung ein. Zu den Autoren, denen sie sich besonders gewidmet hat, gehören Goethe, Büchner, Grillparzer, Kafka. In vielen Vorträgen und Aufsätzen öffnete sie den Blick auf Tendenzen der Gegenwartsliteratur in den deutschsprachigen Ländern, für Fragen der Hermeneutik, der Rezeptionsästhetik und Interkulturalität. Eine Grundfrage ihres Forschens heißt „Was ist Verstehen?“, der sie in Aufsätzen über „Identitätsarbeit am Schnittpunkt der Kulturen“ nachgegangen ist. Wohl kein Germanist der Türkei hat so intensive Deutschland-Kontakte, wie sie Åžara Sayın auch heute als quicklebendige, geistvolle, gesprächsfreudige alte Dame pflegt.

Åžara Sayın wurde 1926 in Istanbul geboren, wo sie heute auch lebt. 1992 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz I. Klasse ausgezeichnet, 1995 wurde ihr „in Anerkennung ihrer Verdienste um den deutsch-türkischen Kulturaustausch“ in Weimar die Goethe-Medaille verliehen.

www.deutscheakedemie.de

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