Echternacher Springprozession steht für Fortschritt, auch im Europäischen Rahmen – Serie: Unesco Weltkulturerbe in Luxemburg (Teil 1/3)

© WELTEXPRESS, Fotos: Eva-Maria Koch

Immer am Pfingstdienstag findet die Prozession statt und Petrus meint es gut mit allen: die Sonne lacht mit 30 °C vom Himmel. Der Dresscode: weiße Oberbekleidung und schwarze oder blaue Hosen. Jane aus London hat sich von Brigitte aus Luxemburg das passende Outfit geliehen. Auch ihr steht ein großes Strahlen  im Gesicht, obwohl Protestantin – die gute Stimmung ist ansteckend. Immer mehr Pilger kommen zusammen, insgesamt 14.000 (9000 Springer), bevorzugt aus der „Grande Région: Saarlorlux, Rheinland-Pflalz und Belgien. Die Pilger aus Prüm und Waxweiler in der Eifel, in 3-tägiger Prozession per Pedes angekommen, wirken erschöpft, aber glücklich. „Ich bete für eine bessere Zukunft!“, gesteht Monika aus Prüm.

Hier ist sie sich mit den Kirchenoffiziellen der Grande Region einig, die zahlreich auf dem Podium der Abtei im Abteihof die Gläubigen segnen. Der neue Luxemburger Erzbischof Jean-Claude Hollerich hält die Auftaktansprache Open Air nach der Eröffnungsmesse in der Basilika. „Wir wollen den Europäischen Charakter unserer Prozession betonen“, bedankt er sich bei allen Pilgern für ihr Kommen in den Landessprachen der Grande Région (Französisch, Luxemburgisch, Deutsch, Holländisch und viele andere mehr). Für seine aufgeschlossene, fortschrittliche Haltung wird er von den Gläubigen gelobt.
„Entschieden muss dem falschen Bild wiedersprochen werden, dass die Echternacher Springprozession für Rückschritt steht.“ sagt Jos Schmid, leitender Organisator in der Eröffnungspressekonferenz. „Es ist ein Irrtum, dass die Springprozession drei Schritte vorwärts geht und einen zurück! Hier entstand ein falscher Eindruck, da beim einstündigen Gang rund um die Basilika immer wieder Rückstau’s entstanden auf den Treppen zur Basilika und zur Krypta. Die Echternacher Springprozession steht somit eigentlich für Fortschritt!“

Der Aufmarsch der Musikkapellen und Gruppen beginnt. Die goldene Statue des heiligen St. Willibrord (658 – 739) leuchtet in der Sonne auf – sie wird von schmucken Feuerwehrleuten auf einer Trage vorbeigetragen.“St. Willibrord stammte eigentlich aus Irland.“ Erklärt Pierre Kauthen, pensionierter Französisch- und Lateinlehrer, Präsident des Willibrordus-Bauvereins, „seine Geschichte ist die eines armen Jungen im Mittelalter, Halbweise, der von der Kirche großgezogen wurde und 698 in Echternach eine Benedektinerabtei gründete.  Seitdem wird er in der ganzen „Grande Région“ jährlich mit einer Prozession zu seinen Ehren gewertschätzt und mit Fürbitten angesprochen.“ Pierre erläutert die vielen Zerstörungen und Wiederaufbauten der Basilika – zuletzt zerstört durch die Bombardierung der Deutschen im 2. Weltkrieg. Erneuter Wiederaufbau.  Pierre spielt den Guide und führt zur  Krypta, in der der Sarg St. Willibrordus liegt. Eine Quelle dort soll Heilungen bewirkt haben, berichtet Pierre. Weiter geht’s zum Benediktinerkloster mit seinem Abteimuseum. Schätze, wie der Codex aureus (das goldene Evangelienbuch aus Echternach) aus der Zeit der Schreibschule im XI.Jhdt. sind dort zu bewundern.

In den 5-er-Reihen, begleitet von unendlich vielen unterschiedlichen Musikkapellen für die verschiedenen Blöcke von tanzenden Pilgern, fasst Suzette das eine Ende des weißen, kleinen Tuchs und Leonie das andere. Es wird mit je  einem Knoten am Ende versehenen, damit man es besser greifen kann. Alle reihen sich auf, Steven aus Brüssel, Ann aus Luxemburg, Graham, auch aus London und Katrin aus Paris.

„Viele sehr kleine Kinder und Jugendliche nehmen in Gruppen teil, auch ganze Schulklassen inclusive des Lehrkörpers – das unterscheidet die Echternacher Springprozession von anderen Prozessionen, sagt Jos Schmidt. Luxemburg ist katholisch.

Léonies Lampenfieber steigt: ihre Gruppe 12 darf antreten. Und los geht’s: die Musikkapelle, die Gruppe 12 zugeteilt ist, spielt die Ohrwurm-Melodie, die aus dem Mittelalter stammt. „Die Volksweise findet sich in ganz Europa in unterschiedlichen Varianten.“ erklärt Fernand Theisen vom Echternacher Marschverein (ab Juli 2012 unter www.hme.lu).  Und nun mit Links – die Melodie ist so fröhlich, dass manche sie mitpfeifen und singen. Die polka-ähnliche Weise ist Ausdruck christlicher Fröhlichkeit und  prägt sich für immer ein. Drei Minuten wird vom rechten aufs linke Bein gesprungen, dann gegangen oder pausiert – die Musikkapellen der anderen Gruppen stimmen die Melodie an und die Gruppen vorne und hinten tanzen. Eine wundervoll gelöste Stimmung – Léonie geht voll auf, aber auch Katrin und Jane haben ein strahlendes Lächeln im Gesicht. Am Straßenrand haben sich Zuschauer eingefunden. Ein Seniorenheim hat seine Stühle aufgebaut und die Gläubigen profitieren. Aber auch die Kneipen, Restaurants und Obergeschosse der kleinen Gässchen, durch die die Prozession von 9.30 Uhr bis 13.30 Uhr zieht, ist voller interessierter Menschen. Es geht ringsherum um die Basilika durch die festlich herausgeputzten, mittelalterlichen Gässchen Echternachs.

Die Echternacher Springprozession (im Französischen Tanzprozession) wurde von der UNESCO AM 16.November 2010 in die repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.

www.lcto.lu ist die  offizielle Webseite des Luxembourg city tourist office
www.visitluxembourg.lu Landesverkehrsamt Luxemburg
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www.hotel-basilique.luLecker und preiswert essen in exquisitem Rahmen, mitten im Geschehen
Mit der Luxembourg-Card kommt man für 11 Euro pro Tag kostenlos oder mit Prozenten  in Luxemburg herum, Bus, Bahn, Schiff, Museen und vieles andere mehr. www.visitluxembourg.lu/card-de.html

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