Die wilde Küste von Donegal – Wandern, Inselhüpfen und Trad Music

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© WELTEXPRESS, Foto: Petra Sparrer

"Touristen werden ausgesperrt", grinst Paddy Clarke und öffnet das Gatter an der Straße zum oberen Parkplatz von Slieve League, den imposanten 600 m hohen Klippen an der irischen Südwestküste, die zu den steilsten Europas zählen. "Nein, nur die Schafe sollen nicht raus", erklärt er. 30 Bauern dürfen ihre Tiere auf dem Berg frei weiden lassen. Manche Tiere gehören auch zwei Bauern. Sie sind dann einem roten und blauen Strich gekennzeichnet. Vom Aussichtspunkt führen Kammwege über die Klippen. Man sollte schwindelfrei sein. Manchmal kommt schnell Nebel auf. »Heute wehen gefährliche Windböen«, warnt Paddy. Nichts als Schafe weit und breit – sie drücken sich in kleinen Gruppen an windgeschützte Kanten.
Die steilen Klippen über dem Meer locken pro Jahr 100 000 Besucher an. Paddy, Wanderführer und gemeinsam mit seiner Frau, Inhaber des Tí­ Linn, des einzigen Cafés und Souvenirshops an der Straße zu den Klippen, freut sich darüber. In der Hochsaison hat er wie zu früheren Zeiten als Fischer alle Hände voll zu tun. Der Erlös muss für das ganze Jahr reichen. Vom Minibustransfer über das Lachseangeln bis zu archäologischen Touren und Trad Music Sessions organisiert er alles. »In dieser Gegend kennt jeder jeden und deshalb ist vieles möglich«, sagt Paddy. Geht es ruhiger zu, hat er seinen Gästen bei Scones und Tee viel zu erzählen. Über die gälische Sprache, für die Donegal eine Hochburg ist, oder wo man am besten zelten oder toll wandern gehen kann.

Walking Festivals am Mount Errigal

Donegals Superlativ für Wanderer ist der 749 m hohe Mount Errigal. Er sieht aus wie eine Pyramide und der Aufstieg kann es – je nach Wetter und Kondition – in sich haben. Die einfachere Strecke (5 km) dauert 2 Std. Alternativ geht es teilweise kletternd über Geröll am Nordwestkamm entlang eine halbe Stunde länger zum Gipfel. Bei gutem Wetter ist der Panoramablick über Donegal und die Küste fantastisch, bei Wind und Nebel eher Vorsicht angebracht. Wer lieber gesellig wandert, kann sich in Donegal im April und Oktober zu Walking Festivals mit geführten Touren anmelden. (Infos z. B. im Errigal Hostel (60 Betten, am Fuß des Mount Errigal).

Am Pier von Magheroarty

Lange weiße Strände, ein paar weißgetünchte Häuser, kleine Fischerboote vor Steinhütten, eine Kapelle und das Tickethäuschen für die Fähre Tuasmara nach Tory Island. Das ist Magheroarty. Am Ende des langen Piers verladen Inselbewohner Bretter auf die Fähre. Da heißt es warten, den Mount Errigal noch im Blick. Die gut einstündige Überfahrt zum 14 km entfernten Tory Island soll an einer der geheimnisvollsten und unberührtesten Inseln Irlands vorbeiführen. Die Filmregisseurin Neasa Ní­ Chianáin und der Produzent David Rane sprechen von Inishbofin. Sie drehen dort einen 90minütigen Dokumentarfilm. »Traditionell ziehen die Fischer im Sommer in ihre Hütten nach Inishbofin und kehren erst im Herbst wieder auf das Festland zurück, wenn das Wetter sie zwingt", erzählt David. »Die Insel, ihre Vogelwelt, das Licht – alles hat einen solchen Zauber, dass sie jedes Jahr am liebsten länger bleiben möchten." Eine Fähre nach Inishbofin gibt es nicht, man muss ein Privatboot nehmen oder an einem Ausflug teilnehmen.

Magisches und rätselhaftes Inishbofin

In dem Film geht es um Neal Mac Gregor, den die Insel so magisch anzog, dass er sie nicht mehr verließ. Acht Jahre lebte der Eremit in einem niedrigen Hühnerhaus aus Naturstein, bis er vor 22 Jahren auf der Insel starb. Er war gebildet, hatte am Shoreditch College in der Nähe von London in den 1960er-Jahren Kunst studiert und Kunstwerke für Londoner Museen restauriert. »Er war selbst ein Künstler,« sagt David. Er hinterließ drei Ritzzeichungen – eine Möwe, einen Hummer und eine Möwe – und ein unglaublich detailliertes Notizbuch mit akribischen Zeichnungen. Sein Leben und sein Tod bleiben ein Mysterium und heute kennt hier niemand mehr seinen Namen, bis auf die alten Fischer, die ihm damals begegneten. »Mit Neals Geschichte, dem was wirklich geschah und der Fantasie seiner Zeitgenossen, möchten wir eine typische traditionelle irischsprachige Inselgemeinschaft porträtieren«, sagt Neasa. Neal half den Fischern bei der Arbeit und rettete einmal einen von ihnen vor dem Ertrinken. »Wir möchten zeigen, wie sich die katholischen Inselbewohner an ihren Alltag erinnern und was sie über den ungewöhnlichen Eindringling aus dem fernen London dachten, der zwar wenig, aber ganz anders sprach als sie und noch dazu Atheist war.« Beobachtete er mit seinem Fernglas nur die Seevögel oder war er ein Spion? Der Film soll im Oktober fertig sein und muss noch verkauft werden. Die Ungewissheit, ob er  bei den Sendern gut ankommt, nehmen die beiden in Kauf. Schließlich sind sie auch sie Künstler, jedenfalls wenn es ums Überleben geht.

Wind, Musik und Irlands einziger König

Davis und Neasa bleiben am Hafen zurück. Die Bretter sind verladen, die Fähre legt ab. Einige Passagiere meinen es offensichtlich ernst. Sie haben potente Objektive dabei, um Vögel heranzuzoomen. Auf Tory Island gibt es 130 ganzjährige Bewohner und Tausende von Vögeln. Toraigh heißt »hohe felsige Klippen«. Hier nisten Austernfischer, Kiebitze und Papageientaucher, die Insel beheimatet mehrere Möwenarten und Tölpel. Die Gischt spritzt, das Boot schaukelt, die meisten Gespräche verstummen. Bob aus Letterkenny ist raue See gewöhnt. Der Telekommunikationstechniker soll etwas an der Telefonanlage des Inselleuchtturms reparieren und war schon oft auf der Insel. »Patsy Dan Rodgers, den Inselkönig, klar den verrückten Kerl kennt hier oben in Donegal jeder«. Verrückt spricht er hochachtungsvoll aus, denn der im Einvernehmen mit der Inselgemeinde selbst ernannte einzige Inselkönig Irlands ist beliebt. Im einzigen Inselpub, dem »Social Club« mit Bar, Billiardtisch und Tanzboden für Ceilidhs, sorgt er für Musik und Stimmung. Musiker vom Festland kommen gern hierher. Zum Guiness stimmen oft auch die Inselbewohner mit irischen Trink- oder Liebesliedern ein. Sie leben die irische Sprache und Kultur intensiver und inbrünstiger als auf dem Festland. Manchmal beginnt jemand zu »lilten«, eine Art onomapoetisches Dichten, das mit zunehmendem Alkoholpegel ansteckend oder auch entgleisend anstrengend werden kann. »Black & Decker, Black & Decker« … » Das muss man einfach erleben», sagt Bob. »Auf Toraigh gibt es keine Polizei«, grinst er dann vielsagend. »Da kann auch nach 23 Uhr noch gefeiert und getrunken werden, ohne dass der Wirt die Tür von innen abschließen muss. Did you ever get locked in in a pub?«

Ist mal so ganz und gar nichts los, spielt der Inselkönig Patsy Dan Rodgers auch allein auf seinem Akkordeon. »Playing the foot«, das Stampfen mit dem Fuß auf den Boden, ist dabei ein Stimmungsbarometer. Sind tanzende und klatschende Gäste dabei, folgt der Fuß ihrem Rhythmus, wird wie sie müde und tankt neue Energie.

Tory Island, letzte Bastion im Atlantik

Der Rundturm von West Town (An Baile Thiar), Donegals einzig erhaltener, rückt ins Blickfeld und schon heißt es am Pier »Fáilte romhat«.  Besucher sind herzlich willkommen auf einer einsamen Insel im rauen Atlantik, dem letzen Stück irischen Land vor Amerika. Deshalb steht Patsy zur Begrüßung und zum Abschied jeder Fähre immer am Pier. Er ist schwarz gekleidet, hat eine schwarze Seemannsmütze auf. An den Fingern und im Ohr trägt er Ringe, ganz in der Tradition der Piratenkönige, die es auf Tory schon in der Bronzezeit gegeben haben soll. An Kamerablitze ist Patsy gewöhnt und neugierige Fragen beantwortet er gern.

»Come to the Social Club«, heißt es dann und wer ihn bittet, bekommt auch ein Autogramm mit seinem irischen Namen. »Was ich eigentlich gar nicht sagen dürfte, ich bin in Dublin geboren«, zwinkert Patsy. Der 68jährige ist seit 32 Jahren verheiratet, hat vier Kinder und ist vielleicht deshalb zum kuriosen Repräsentanten von Tory geworden, weil er einfach ein Ire ist, wie er im Bilderbuch steht.
1974 stürmte es gnadenlos. Das  5 km lange und 1 km breite Tory war acht Wochen lang von der Außenwelt abgeschlossen. Die Regierung wollte die Bewohner daraufhin für immer evakuieren. An der Seite des Inselpfarrers engagierte sich der heutige König Patsy für eine Protestkampagne. Dank internationaler Sponsoren behielten die Insulaner ihr Wohnrecht, bekamen Strom und einen regelmäßigen Fährdienst. Heute kommt zweimal pro Woche ein Arzt. Ist die See zu rau, gibt es einen Helikopterservice. Tory hat zwei Schulen, eine Bank, ein Hostel, mehrere B&Bs, Zelten ist erlaubt, es gibt eine Tauchschule und ausgeschilderte Wanderwege.

Hochburg der Primitive Art

Patsy bietet sich als Guide an, kennt die Stellen, wo sich Tölpel oder Robben gern aufhalten, erklärt den Weg zum Kiesstrand, in die Kirche von West Town oder nach East Town (An Baile Thoir). »Auf der Insel gibt es nur einen einzigen Baum und Millionen Kaninchen, eine Plage». Patsy schimpft und mit der Kaninchenplage fängt er an, über irische Missstände zu reden. Aber Besucher atmen hier auf. Endlich fester Boden, Atlantikluft, Ruhe, Weite, Licht. Was kann es Besseres geben, als in diesem Palast König zu sein? Einen Nachfolger hat er noch nicht. Doch was tut man hier, wenn es dunkel und stürmisch wird? Die Frage erübrigt sich, wenn man den Inselbewohnern beim Malen über die Schulter geschaut hat. Seit der englische Maler Derrick Hill in den 1950er-Jahren nach Tory kam, entwickelte sich dort eine lokale Schule der naiven Malerei. Viele Insulaner malen gefällige kontemplative bunte Inselporträts, teilweise mit Bootslack. Die erste gemeinsame Ausstellung war 1968 in der New Gallery in Belfast. Inselkönig Patsy versteht sich als Mitbegründer der Malerschule. Bis in die USA hat er seine Werke verkauft und in Michigan sogar ausgestellt. »Immer wieder kommen Maler als Gäste zu uns auf die Insel. Wir inspirieren sie und sie inspirieren uns.« So lässt es sich aushalten. Doch irgendwann heißt es dann »Slán go fóill« – »good bye for now«.  

Noch eine Insel und noch mehr Musik

Wer noch nicht genug hat, vom Inselhüpfen oder vom Wandern auf einer Insel, kann in Burtonport Hummer essen und in 15 Minuten zur Insel Arranmore übersetzen. Sie hat sechs Pubs, eine Disko, 450 Einwohner, darunter einige deutsche Residenten, und einen sympathischen Leuchtturmwärter. Wer inzwischen Fan der traditionellen irischen Musiksessions ist, darf sich auf dem Rückweg zum Flughafen den Besuch in Leos Taverne in Meenaleck nicht entgehen lassen. »Ich bin der einzig Unmusikalische der Familie«, erzäht Inhaber Bartley Brennan, der jüngere Bruder von Enya, der spätestens seit ihrem Soundtrack zur Herr der Ringe-Verfilmung vielleicht international berühmtesten irischen Folk-Sängerin. Als die Eltern, beide Musiker, den Pub 1968 eröffneten, ahnten sie nicht, dass hier einmal Bono sein Pint an der Theke kaufen würde. Auf der Bühne des Pubs wurde die Band Clannad geboren, U2 und die Dubliners traten hier auf. Bartley hält als einziger im Familienbetrieb des kleinen Heimatorts die Stellung. »Good Pub Food und gute Trad Sessions, damit bin ich aufgewachsen, das ist mein Irland«, sagt er. Also, hinsetzen, zuhören, mitsingen, mittanzen, erzählen, wiederkommen …

Weitere Informationen

Irland Information: Gutleutstr. 32, 60329 Frankfurt am Main, Tel. 069/66 80 09 50, www.entdeckeirland.de
Anreise: www.airlingus.com
www.toryislandferry.com, 26 €, Überfahrt von Bunbeg und Magheroarty, 9 und 11.30 Uhr, zurück am späten Nachmittag
www.errigalhostel.com
www.littleireland.ie/patsydanrodgers die Webseite des Inselkönigs
www.oileanthorai.com Webseite der Touristeninformation von Tory Island
www.arranmoreferry.com (Überfahrt 20 €)
www.arranmoreco-op.com (Webseite der Inselkooperative)
www.leostavern.com

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