Die „Neuen“ James Ellroy und Jo Nesbí¸ führen die KrimiBestenliste anKrimiwelt: Die Bestenliste von Welt, Arte und Nordwestradio für Februar 2010

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Sich selbst nennt er „Höllenhund“, der US-Amerikaner, der grundsätzlich nur Bestseller schreibt. Das liegt daran, daß er die Verhältnisse offen beim Namen nennt und die sind in der amerikanischen Gesellschaft zwischen Politik und Wirtschaft, sprich Unterweltkriminalität angesiedelt. Diese Zwischenwelt beschreibt er lakonisch und ohne Aussicht auf Besserung. Aber allein aufzuklären, ist deshalb schon die halbe Miete. Ellroy wurde zum Kult für andere Krimiautoren, die ihm nacheifern, weil er mit der L.A.-Tetralogie das Genre seines Vorbildes Raymond Chandler beleben konnte. Ellroys Leben gleicht selbst einem Krimi, als seine Mutter erdrosselt aufgefunden wurde, als er zehn Jahre alt war. Von Alkohol, Drogen, Gefängnisaufenthalten ist sein Leben gezeichnet gewesen, alles Stoff für seine Bücher, die „große politische Romane“ werden sollten. Und geworden sind.

Für den dritten Band seiner Unterwelt-Trilogie hat er nach eigenen Angaben acht Jahre gebraucht. Das Buch stellt er jetzt auf einer Deutschlandtournee vor. Den Inhalt entnehmen Sie bitte der Liste. Eine Kommentierung folgt das nächste Mal. Das gilt auch für Jo Nesbí¸s „Leopard“, dessen Vorgänger „Schneemann“ den Killertyp aufzeigt, der als Serienkiller auch jetzt sein Unwesen treibt. In Norwegen ist manches unheimlich. Nicht nur Munchs „Schrei“ oder die Sicherheitsverhältnisse im Munch Museum in Oslo. Held Harry Hole versucht alles, um im Gestrüpp des Bösen nicht selbst unterzugehen, sondern mit und ohne Alkohol dem standzuhalten und das Böse nicht nur zu bekämpfen, sondern auszurotten.

Auch í…ke Edwardsons Roman “Toter Mann” , neu auf Platz 5, ist im Ullstein Verlag erschienen. Dazu führt Tobias Gohlis, der Sprecher der Jury, aus: „Ein sehr ruhig, bedächtig und reflektierend erzählter Roman, der seine inneren Bedingungen (Puzzle oder Mysterium?) bedenkt und dem vielfältigen Schweigen der Zeugen auf psychologisch interessante Weise nachgeht. Der Fall, der erst nach und nach Kontur gewinnt, bis er sie auf den letzten Seiten wieder verliert, hat seine Wurzeln im Verschwinden eines Mädchens aus einem Sommerlager vor 25 Jahren.“

Der vierte Neue ist „Das München Komplott“ von Wolfgang Schorlau, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, wo erneut ein zurückliegender Fall thematisiert ist, der durch die Winter Olympia-Bewerbung von München neue Aktualität gewinnt. Es war 1972 als die Olympischen Sommerspiele durch den Überfall palästinensische Terroristen auf israelische Athleten insgesamt 17 Todesopfer forderte und es war 1980, als auf dem Oktoberfest „auf der Wien“ 13 Menschen getötet und 200 teilweise sehr schwer verletzt wurden, durch ein Bombenattentat. Dieses habe angeblich einer, der mitzerfetzt wurde, Gundolf Köhler, als Einzeltäter geplant und durchgeführt. Bis heute herrschen an dieser ’Beweislage` große Zweifel. Die drückt auch Wolfgang Schorlau aus, dessen Stuttgarter Privatdetektiv Georg Dengler neue Erkenntnisse gewinnt, die mitten hinein in den rechtsextremen Sumpf der Bundesrepublik führen. Genug neuer Stoff also für Krimifans und die, die es werden wollen.

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Lfd.

Nr.

Rang

Vor-monat

Titel

1

1

(-)

James Ellroy: Blut will fließen

Aus dem Amerikanischen von Stephen Tree

Ullstein, geb., 784 S., 24,90 €

Los Angeles/Las Vegas/Washington: Drei Männer auf der Jagd nach der Beute aus einem Raubüberfall. Zwei rote Göttinnen. Dazu Kokser, Rassisten, FBI, Hetzjagden, Counterinsurgence. Ellroys Abschluss der US-Unterwelt-Trilogie: Monumental-Cluster alles Bösen der Jahre 68-72. Inkommensurabel, grandios gehämmert.

2

2

(-)

Jo Nesbí¸: Leopard

Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob und Maike Dörries

Ullstein, geb., 704 S., 21,95 €

Oslo/Kigali/Sydney/Hongkong: Harry Hole bleibt nicht trocken. Im Wettkampf mit einem Büro-Karrieristen jagt er, ob nüchtern oder voll, mit begnadeter Intuition einen Mörder, der ihn als ebenbürtigen Gegner erkannt hat. Norweger Nesbí¸ in Schwede Mankells Spuren: schneller, schlaksiger, internationaler.

3

3

(1)

Don Winslow: Frankie Machine

Aus dem Amerikanischen von Chris Hirte

Suhrkamp, TB, 366 S., 8,95 €

San Diego/Hawaii: Frankie ist der Sonnyboy vom Anglerladen und der friedliche Sheriff auf der Touristenpier. Doch wer sich mit ihm anlegt, lernt ihn als Frankie Machine kennen. Als raffinierten, kaltblütigen Killer. Ein flotter Ritt durch die West-Coast-Abteilung der amerikanischen Mafia.

4

4

(2)

Gerard Donovan: Winter in Maine

Aus dem Englischen von Thomas Gunkel

Luchterhand, geb., 208 S., 17,95 €

Maine, Tal des St. John River: Julius Winsome ist nicht so einnehmend wie sein Nachname verspricht. Als jemand seinen Terrier Hobbes erschießt, intensiviert der Einsiedler sein Studium von Shakespeares Wortschatz und legt jeden Jäger in seinem Revier um. Der Hund hieß Hobbes und war trotzdem Julius treu.

5

5

(-)

í…ke Edwardson: Toter Mann

Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch

Ullstein, geb., 542 S., 19,95 €

Göteborg: Ein fahrerloser Wagen mit laufendem Motor. Ein Schussloch in der Rückenlehne. Ein Autor, der über ein verschwundenes Mädchen schreibt und sich vor einem Schuss fürchtet. Im neunten Roman mit Komissar Erik Winter pirscht Edwardson in kleinen Sprüngen 30 Jahre zurück. Nestelt am Schuldgeflecht.

6

6

(9)

Jim Nisbet: Dunkler Gefährte

Aus dem Amerikanischen von Frank Nowatzki und Angelika Müller

Pulp Master, TB, 192 S., 12,80 €

Los Angeles, Las Vegas: Das Unternehmen, dem Banerjhee Rolf jahrelang Intelligenz und Lebenskraft gegeben hat, wird durch einen Heuschreckenkonzern übernommen. Rolf ist arbeitslos, aber nicht unglücklich. Bis ihn sein dämlicher Nachbar auf einen Drink einlädt. Pechschwarze Satire auf Kalifornienträume.

7

7

(7)

William Boyd: Einfache Gewitter

Aus dem Englischen von Chris Hirte

Berlin Verlag, geb., 452 S., 25,–€

London: Wie das Leben so spielt. Als Adam Kindred den Pharmakologen Philip Wang auffindet, begeht er den Fehler, ihm das Messer aus der Brust zu ziehen. Nun gilt Adam als Mörder – und den Mördern als Geheimnisträger. Adam könnte einen Pharmakonzern ruinieren – und hat doch kaum sein Leben in der Hand.

8

8

(4)

Angelo Petrella: Nazi Paradise

Aus dem Italienischen von Bettina Müller Renzoni

Pulp Master, TB, 120 S., 12,80 €

Neapel: Der namenlose Ich-Erzähler und Abonnent von „Skin-News“ hat Pech. Beim Verdreschen des Negers, der eine Kameradin gebumst hat, fällt er den Bullen in die Hände. Für sie muss er den PC eines Villenbesitzers auf Capri cracken. Sonst gibt es Knast. Überraschende Memoiren eines Neofaschisten: Fix und dreckig.

9

9

(8)

Giampaolo Simi: Camorrista

Aus dem Italienischen von Ulrich Hartmann

C.Bertelsmann, geb., 352 S., 19,95 €

Italien/Großbritannien/Deutschland: Rosas erster Job als Polizistin im italienischen Zeugenschutz ist ein 18-jähriger Mafia-Widerling, Mörder, Kokser, Macho, Capozona. Zwischen Biest und Chefs auf sich gestellt, tastet Rosa ihren Kurs. Simi hat von Leonardo Sciascia gelernt: eine Entdeckung. Spannend dazu.

10

10

(-)

Wolfgang Schorlau: Das München-Komplott

Kiepenheuer&Witsch, TB, 336 S., 8,95 €

München/Berlin: Was reitet das BKA? Georg Dengler wird von seinem früheren Dienstherrn beauftragt, den Anschlag von München 1980 zu untersuchen. Dengler ist Spielball einer Intrige höchster Kreise. Und stochert als detektivische Sonde im Urschlamm des europäischen Rechtsextremismus. Hart am politischen Wind.

Die „Bestenliste“ wird normalerweise im Hörfunk immer am letzten Wochenende des Monats: Samstag 8.05 – 9.00 Uhr; Sonntag 15.05 – 16.00 Uhr in der „Literaturzeit“ des NordwestRadio vorgestellt. Aber zum Jahreswechsel wurde dies vorgezogen auf den 24. 12. 2009. Das Beste vom Besten: Immerhin erscheinen übers Jahr verteilt über 800 Kriminalromane auf Deutsch. An jedem letzten Samstag im Monat (diesmal als Weihnachtsgeschenk) geben 19 Literaturkritiker und Krimispezialisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz die Kriminalromane bekannt, die ihnen am besten gefallen haben. Sie halten nach dem literarisch interessanten, thematisch ausgefallenen, besonderen Kriminalroman Ausschau. Die besten Zehn werden mit Bibliographie und Kurzbeschreibung hier veröffentlicht.

Die Jury setzt sich zusammen aus:

Tobias Gohlis, Hamburg, Kolumnist DIE ZEIT, Moderator und Jury-Sprecher der KrimiWelt Volker

Albers, Hamburg, Hamburger Abendblatt, Herausgeber „Schwarze Hefte“

Andreas Ammer, Berg, „Druckfrisch“, Dlf, BR

Sven Boedecker, Zürich, Sonntagszeitung

Kathrin Fischer, Frankfurt/Main, Hessischer Rundfunk

Fritz Göttler, München, Süddeutsche Zeitung

Michaela Grom, Heidelberg, SWR

Lore Kleinert, Bremen, Radio Bremen

Thomas Klingenmaier, Stuttgart, Stuttgarter Zeitung

Ekkehard Knörer, Berlin, Perlentaucher, Crime Corner

Kolja Mensing, Berlin, Tagesspiegel

Ulrich Noller, Köln, Deutsche Welle, WDR

Jan Christian Schmidt, Berlin, Kaliber 38

Jochen Schmidt, Düsseldorf, elder critic

Margarete v. Schwarzkopf, Köln, NDR

Ingeborg Sperl, Wien, Der Standard

Sylvia Staude, Frankfurt/M., Frankfurter Rundschau

Hendrik Werner, Bremen, DIE WELT

Thomas Wörtche, Berlin, Kolumnist Freitag, Plärrer

Alle weiteren plazierten Krimis entnehmen Sie bitte den Krimi-Besprechungen in den vormonatlichen Artikeln, die Sie unter Kultur.Bücher oder unter dem Autorennamen im Archiv finden. Dreimal darf ein Buch einen Platz bekommen, dann scheidet es aus und hat nur noch die Chance, in der Jahresbestenliste wieder aufzutauchen, die diesmal Ende Januar herauskommt.

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