Die Verschwörung der Idioten – Ein Buch und ein Vortragsabend zu Horst Wessel

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Wenige Wochen später starb Sturmführer Wessel an den Folgen des Überfalls, dessen Hintergründe nie eindeutig geklärt werden konnten. Goebbels vermerkt nun „Ein neuer Märtyrer für das Dritte Reich.“ Die Propagandamaschine wird angeworfen und wir wissen, was folgte. Der Horst-Wessel-Mythos mit Lied, Film, Aufmarsch, Straßen- und Platzbenennungen. Was dieser junge Mann, der 1929 einen für die Berliner SA recht unbedeutenden Trupp im Friedrichshain übernahm, selbst dachte, fühlte und obendrein zu Papier brachte, ist nun aus erster Hand nachzulesen. Wie wurde er eigentlich Nationalsozialist?

Mit dem von Manfred Gailus und Daniel Siemens herausgegebenen Buch „Hass und Begeisterung bilden Spalier“ wird die politische Autobiografie Horst Wessels erstmals vollständig veröffentlicht, kommentiert und in den historischen Kontext eingeordnet. Wenige Monate vor seinem Tod schrieb Wessel seine 38 Seiten starke und mit etlichen Zeichnungen und Fotografien angereicherte Politika, aus welcher sich seine Schwester bediente, die 1933 eine parteioffizielle Biografie Horst Wessels herausgab. Gemeinsam mit dem Fahrtenbuch, einer vermutlich 1928 von Wessel verfassten Niederschrift zu seinen „Deutschlandfahrten“, lagert das Original-Manuskript heute in der Jagiellonen-Bibliothek in Krakau/Polen.

Der Historiker Daniel Siemens, zurzeit am University College in London tätig, trat bereits 2009  mit seiner ausgezeichneten Horst Wessel Biografie „Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten“ in Erscheinung. Gemeinsam mit dem Berliner Professor für Neuere Geschichte Manfred Gailus untersuchte er die Umstände der Nazi-Werdung eines jungen bürgerlichen Mannes der „Lost-Generation“ des letzten Jahrhunderts. Gleichaltrig mit Klaus Mann (der sich später selbst literarisch mit Horst Wessel beschäftigen sollte) erlebte Wessel die Jahre seines erwachenden Bewusstseins nach einem Weltkrieg und in Krisenzeiten mit deutlich anderen Konsequenzen.

„Wie ich zu den Nationalsozialisten kam? Aus Enttäuschung eigentlich. Mein nationaler Radikalismus oder auch mein radikaler Nationalismus waren nicht auf ihre Rechnung gekommen”¦ Ich versuchte jede politische Richtung zu verstehen, und dabei kam ich dahinter, daß es im roten Lager ebensoviel, vielleicht noch mehr fanatische, opferbereite Idealisten gibt als auf der Gegenseite”¦“

Horst Wessel bekannte sich zu seiner neu erworbenen Gesinnung, grölte und prügelte nach dem Motto, „wer nicht offen für uns ist, ist gegen uns“. Prahlte mit verkloppten Schupos und ausgiebigen Sauftouren. Kaum ein halbes Jahr lang Parteimitglied, fuhr Wessel 1927 mit dem Fahrrad nach Nürnberg, um den Reichsparteitag zu erleben. Diese Reise wurde ebenfalls im vorliegenden Buch unter dem Kapitel „Die große Deutschlandfahrt“ kommentiert publiziert.
Frappierend ist die eitle Selbstinszenierung eines desorientierten jungen Mannes, dem zu früh der Vater abhanden kam. Auf der Suche nach einem Leitbild wirkte er schließlich selbst an der Verschwörung der Idioten mit, fatal.  

Fazit: Ein spannendes, kenntnisreich aufgearbeitetes Zeit-Dokument, wertvoll!

Termin: Zeit: am Dienstag, den 14. Februar um 19.00 Uhr. „Eigentlich erwartete man jeden Tag einen Putsch.“ Horst Wessels politische Autobiografie von 1929. Vorträge: Manfred Gailus, Berlin, Daniel Siemens, London. Moderation: Andreas Nachama. Ort: Topographie des Terrors Auditorium, Niederkirchnerstraße 8, Berlin-Kreuzberg, Eintritt frei

Manfred Gailus, Daniel Siemens (Hg), "Hass und Begeisterung bilden Spalier", Horst Wessels politische Autobiographie, 200 Seiten, 28 Abb., be.bra verlag, Berlin, 2011, 18,- €

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