Die neue Skulptur: der Körper als Ausdrucksträger des Geistes – „Rodin und Wien“ war zu sehen in der „Orangerie, Unteres Belvedere“ in Wien

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Damals hatte Rodin seine ersten Wienerfahrungen schon hinter sich. Die waren positiv. 1901 wurde seine EVA in Wien ausgestellt und machte Furore. Nicht glatt und gefällig im Stil der Zeit, sondern als kraftvoll, expressiv und roh wurde sie empfunden, aber auch, daß diese Figur ihre seelische Befindlichkeit in Stein ausdrücke. Es war ein Liebesverhältnis, das die Stadt Wien mit diesem derben Menschen, dem Künstler Rodin mit den wundertätigen Händen verband. Denn anders ist nicht zu erklären, daß das Belvedere über so viele Rodins als eigener Besitz verfügt, die die Grundlage dieser Ausstellung sind, zu der sich reichlich Leihgaben aus dem Musée Rodin aus Paris gesellen, die in wunderbarer Komplizenschaft in der Ausstellung kleine Inseln bilden, eine Ausstellung, die überschaubar ist. Und das ist selten bei Rodin, der meist im Großformat ganze Ausstellungshallen füllt.

Da staunt man, wenn ganz am Anfang Johannes der Täufer aus dem Jahr 1878 dort steht oder besser predigend unterwegs ist. Er kommt aus Leipzig und natürlich muß man sofort an all die Schreitenden seit Rodin 1899 und später Giacometti denken und eben auch an den Jahrhundertschritt des Wolfgang Mattheuer, den dieser 1984 seine Figur machen ließ, gut 100 Jahre nach Rodin und dessen Tradition fortsetzend. Wir verstehen bald, daß die einzelnen Stationen der Wienaufenthalte gekoppelt werden mit den Werken, die Rodin in gleicher Richtung weiterentwickelte. Denn sein Arbeitsprinzip war, seine Vorstellung vom Kunstwerk im Kopf möglichst mit der Realisierung in Übereinstimmung zu bringen, also viele Entwürfe zu tätigen, auf daß sich das Ideale herausschäle.

Das wird besonders deutlich bei den Fassungen des Kopfes von Gustav Mahler, bei den Bürger von Calais, bei der Porträtbüste Henri Rochefort, beim Denkmal Balzac und letzten Endes bei jeder Skulptur, von der kaum eine nur einzeln steht. Man ist beglückt, diese um ein Thema rankende Ansammlung zu sehen und auch, wie stark das hier angedeutete Höllentor die vollplastischen Figuren in sich aufnimmt. Besonders interessant dann und nur im Belvedere mit seinem grandiosen Bestand möglich, ist dann die rodinsche Schülerschaft österreichischer Künstler in Beispielen.

Dabei geht es nicht nur um formale Weiterführungen wie in den Plastiken von Fritz Wotruba und Anton Hanak, die vor allem von der Idee des Fragments, des Torso fasziniert sind, sondern ebenfalls um inhaltliche Fragen der Kunst wie die Betonung des Geschlechtlichen, wie Rodin sie sowohl in den Skulpturen wie auch Aquarellen festhielt und was insbesondere von Gustav Klimt und Egon Schiele aufgegriffen wurden. Verblüfft sieht man auf einmal in der bekannten Hockhaltung „Hockende Frau“ von Egon Schiele, die dieser für „Blinde Mutter“ zeichnete, die Kauernde aus Bronze, die Rodin 1882 schuf. Es gehen einem die Augen über, wenn man erst einmal die Korrespondenzen näher anschaut und mit eigenen Augen erkennt, in welchem Ausmaß dieser handfeste Kerl da aus Paris ihnen allen die Augen geöffnet hatte für eine neue Sicht der Welt durch den Künstler, der Stein zum Weinen bringt.

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Katalog: Rodin und Wien, Hrsg. von Agnes Husslein-Arco und Stephan Koja, Hirmer Verlag 2010 . Es ist Eva, die verschämt ihren Busen abdeckt und das Gesicht in die Armbeuge senkt, die uns auf dem Titel in sanftem Bronzeton gegenüber steht, der gräulich glänzend auf zart gefärbtem Hintergrund schimmert. Diese Eva von 1881 gehört dem Belvedere. Und in der ersten Umschlagseite ist es wieder Eva, auf deren sehr irdische Rückfront wir blicken, ein Blick, der in die Parklandschaft weitergeht. Das ist ein schön gestalteter Katalog, der viele historische Aufnahmen enthält, die in Sepiabraun gehalten sind oder dem matten Schwarz-Weiß. Der Katalog ist unabhängig von der Ausstellung ein Buch über Rodin und Wien. Sicher ist dieses Kunst- und Kulturbuch deshalb so systematisch aufgebaut. Es teilt minutiös von den Wiener Ausstellungen mit, ab wann sich Rodin mit welchen Werken beteiligt hat und stellt diese in Fotos vor. Die weiteren Kapitel analysieren die Triebfedern und Strukturelemente der Kunst Rodins. Immer mit Beispielen versehen, weshalb man von diesem Buch immer beides hat: die Interpretation und das Bild. Weiter geht es um „Rodin und die Politik“ und im hinteren Teil um die Folgen, will sagen die Wirkungen, die Rodin auf die Wiener Kunst, auf ihre Künstler nahm.

Reiseliteratur:

Felix Czeike, Wien, DuMont Kunstreiseführer, 2005

Baedecker Allianz Reiseführer Wien, o.J.
Lonely Planet. Wien. Deutsche Ausgabe 2007
Walter M. Weiss, Wien, DuMont Reisetaschenbuch, 2007
Marco Polo, Wien 2006
Marco Polo, Wien, Reise-Hörbuch

Ganz neu und in Wien immer sehr gut zu gebrauchen ist von M.P.A.Sheaffer „Jugendstil. Auf den Spuren Otto Wagners in Wien“ aus dem Pichler Verlag. In neun Touren mit der Trambahn, der U- und S-Bahn sowie den Bussen entlang den Werken Wagners in Wien erfahren wir, weshalb der Architekt und Städteplaner Otto Wagner unter so viel guten Architekten und Künstlern des Jugendstils die Übervaterrolle eingenommen hat. Wichtig dabei war und ist seine Affinität zur Technik, denn allzuoft haben Künstler das Technische abgelehnt, statt den zivilisatorischen Nutzen in eine anschaubare Ästhetik zu zwingen. Nein, unsere heutige Plastikunkultur wäre einem Otto Wagner nie eingefallen. Es verband die technische Funktionalität mit der Eleganz der Linie und nicht nur seine Stadtbahnstationen sind dafür ein noch heute sichtbarer Ausdruck. So werden die Wagner-Villa in Hütteldorf, dem XIV. Bezirk besucht und natürlich die Kirche am Steinhof, die weithin sichtbar geblieben ist und der auch Thomas Bernhard literarische Referenz erwies, einfach, weil sie die Kirche der psychiatrischen Anstalten war. Derzeit gilt dem „Chef-Bauzeichner“ Wagners, Joseph Maria Olbrich, eine sensationelle Ausstellung im Leopoldmuseum, in der auch dessen Arbeiten für Wagner eine tiefere Bedeutung erhalten und spezielle Applikationsmotive wie die Sonnenblume – ein Merkzeichen Wagners – nun auf Olbrich zurückgeführt werden. Das tut weder der Bedeutung Wagners, noch diesem Jugendstilführer irgendeinen Abbruch, zeigt aber, wie noch immer alles im Fluß ist. Das Buch ist zweisprachig, linke Seite auf Englisch, rechts das Deutsche und die Fotos bringen das alles ins Eins. Uns gefielen vor allem die praktischen Beschreibungen, wie man wohin kommt, gut.

Tip: Gute Dienste leistete uns erneut das kleinen Städte-Notizbuch „Wien“ von Moleskine, das wir schon für den früheren Besuch nutzten und wo wir jetzt sofort die selbst notierten Adressen, Telefonnummern und Hinweise finden, die für uns in Wien wichtig wurden. Auch die Stadtpläne und U- und S-Bahnübersichten führen– wenn man sie benutzt – an den richtigen Ort. In der hinteren Klappe verstauen wir Kärtchen und Fahrscheine, von denen wir das letzte Mal schrieben: „ die nun nicht mehr verloren(gehen) und die wichtigsten Ereignisse hat man auch schnell aufgeschrieben, so daß das Büchelchen beides schafft: Festhalten dessen, was war und gut aufbereitete Adressen- und Übersichtsliste für den nächsten Wienaufenthalt.“ Stimmt.

Anreise: Viele Wege führen nach Wien. Wir schafften es auf die Schnelle mit Air Berlin, haben aber auch schon gute Erfahrungen mit den Nachtzügen gemacht; auch tagsüber gibt es nun häufigere und schnellere Bahnverbindungen aus der Bundesrepublik nach Wien.

Aufenthalt: Betten finden Sie überall, obwohl man glaubt, ganz Italien besuche derzeit Wien! Überall sind sie auf Italienisch zu hören, die meist sehr jungen und ungeheuer kulturinteressierten Wienbesucher. Wir kamen perfekt unter in zweien der drei Hiltons in Wien. Sinnvoll ist es, sich die Wien-Karte zuzulegen mitsamt dem Kuponheft, das auch noch ein kleines Übersichtsheft über die Museen und sonstige Möglichkeiten zur Besichtigung in Wien ist, die Sie dann verbilligt wahrnehmen können. Die Touristen-Information finden Sie im 1. Bezirk, Albertinaplatz/Ecke Maysedergasse.

Mit sehr freundlicher Unterstützung von Air Berlin und den Hilton Hotels Wien.

Von Claudia Schulmerich

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