Die nackte Wahrheit – Mit sanften Linien zeichnet Manuele Fior Comic die harsche Geschichte des „Fräulein Else“.

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Der tragische Ausgang von Schnitzlers sozialkritischer Skandalnovelle ist bekannt. Der italienische Autor Manuele Fior ergründet in kunstvollen Bildern jede psychologische Nuance der Titelfigur. Surreale Zartheit und unbarmherziger Realismus verschmelzen in seiner (Alp)Traumnovelle nach Arthur Schnitzler. Klar und offen zeichnet Fior die Augen Schnitzlers junger Heldin. „Wie wär ´s wenn ich mich heute Abend versteigerte?“, fragt sie schließlich in verzweifeltem Selbsthohn. Die Spielregeln des heuchlerischen Bürgertums durchschauen diese Augen mit Scharfblick, weit weniger desinteressiert, als Else vorgibt. „Dann liegen sie zusammen im Bett.“, weiß Else über ihre Bekannte Cissy und den Cousin Paul. „Unappetitlich“ Ihren Ekel weckt das Vulgäre der Affäre. Paul, der Else mit plumpen Annäherungsversuchen belästigt, und die falsche Freundin Cissy ergänzen einander in ihrer emotionalen Oberflächlichkeit. Nach Elses Auftritt tändeln sie erregt von Häme und Schaulust am Krankenlager. Elses dunkler Liebhaber ist der Tod.

Voll schwärmerischer Koketterie träumt Else sich in in eine Marmorvilla an der Riviera. „Ich bin für ein sorgenloses Leben geboren.“ Diese Sorglosigkeit findet sie am Ende im Selbstmord. Ihr Freitod ist der zweite Akt der Selbstbestimmung gegen die sexuellen Kontrollansprüche Pauls, Dorsdays und des Vaters. Else ist weder prüde noch spröde, bereit „ein Luder“ zu sein. „Aber nicht eine Dirne.“ Die Lebemänner, zu denen es sie heimlich lockt, glaubt sie anfangs für sich gefährlich. Zu Fall bringt sie ein distinguierter Herr. Else glaubt nicht an die Wohlanständigkeit. Für diese aber muss sie sich opfern; zuerst physisch, dann psychisch. Ihre Entblößung enthüllt die Gesellschaft. Aber man zeigt nicht mit nacktem Finger auf angezogene Leute. Der Affront endet fatal. .

Flucht in die Finsternis

Elses verzweifeltes seelisches Ringen kleidet Fior in surreale Traumbilder, inspiriert von den impressionistischen Szenen Munchs und Kirchners. Nur gedacht, nie ausgesprochen verlieren sich die quälenden Sinnfragen der jungen Frau in den feinen Pinselstrichen der Grafik. Niemand Vertrautes hat Else, dem sie sie stellten könnte. So gibt ihr das Leben eine bittere Antwort. „Die Mörder.“, denkt sie von ihrem verlogenen Umfeld, als der Giftkelch schon an ihren Lippen liegt. „Ihr habt mich umgebracht. Ihr alle.“ Ein später Widerhall ihres früheren Gedankenschreis „Ich hasse alle.“ Schnitzler verschlossene Heldin emanzipiert sich durch ihren Kampfgeist zu einer selbstbestimmten Figur. Trotz ihrer Verwirrtheit ist ihr Verstand bei ihrem Entschluss zum Suizid klar. Unter der kindlichen Theatralik, die Fior ihr mitgibt, verbirgt sich Mut. Der Mut zu einem das Vulgäre, Beschämende und Schäbige auslöschenden Tabubruch. Ihr letzter Wunsch gilt der Lebenslust. Die endgültige Opferrolle verweigert sie trotzig.

Unter den Paaren und Cliquen des Kurhotels ist Else eine Einzelgängerin. Auf den ersten und letzten Bildern ist sie Abwesend, obwohl die zentrale Aktion von ihr ausgeht. Elses Umfeld, auch Paul und die Tante, definiert sie über ihren Körper. Nachdem Else ihn entblößt hat, ist er für Paul reizlos, für die Tante ein Schandfleck, der in einer Nervenheilanstalt entsorgt werden muss. Als Individuum existiert Else einzig für sich selbst. In ihr Seelenleben, die Finsternis geistiger Umnachtung flüchtet sie sich, als die Welt ihr unerträglich wird. In den Tod ist es von dort nur ein kleiner Schritt. „Die Dämmerung starrt herein. Wie ein Gespenst starrt sie herein. Wie hundert Gespenster.“ Hundert Gespenster, eines ist sie selbst. Die blasse junge Frau geistert durch die Szenen, scheint mit der Landschaft zu verschwimmen. Bis das Schwarz der letzten Seiten sie verschluckt.

Titel: Fräulein Else. Nach der Novelle von Arthur Schnitzler/ Autor: Manuele Fior/ Verlag: Avant-Verlag/ Jahr: 2010/ Seiten: 87/ Preis: 19, 95 Euro

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