Die Menschen im Osten feiern tatsächlich krasser – Interview mit Kerstin Ott

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Kerstin Ott am 1. Dezember 2019 in Leipzig. © 2019, Foto: Ralf Triesch

Leipzig, Deutschland (Weltexpress). Seit dem 20. November ist Kerstin Ott erstmals auf Tour unterwegs. „Endlich live in Concert“ führte die norddeutsche Singer-Songwriterin quer durch Deutschland. Im Gepäck: all ihre Hits und natürlich auch Songs aus dem aktuellen Album „Ich muss dir was sagen“ – ihrem bisher intimsten, mutigsten und emotionalsten Album.

Kerstin Ott hat viel zu erzählen. In eindringliche Songs verpackte Geschichten, mit denen sie jedes Mal wieder ein Millionenpublikum berührt. Oft sind gerade die kleinen Worte, die direkt von Herzen kommen, die aufrichtigsten und die schönsten. Kerstin Ott hat sich noch nie davor gescheut, sich ihren Fans zu offenbaren. Sie durch die Musik an ihrem Leben teilhaben zu lassen und sich dabei auch von ihrer verletzlichsten Seite zu zeigen. Einmal mehr lädt Kerstin Ott ihre Hörer ein, sie mit dem neuen Album ein weiteres Stückchen auf ihrem aufregenden Weg zu begleiten. Diese geerdete Authentizität legt die Künstlerin auch bei offiziellen Terminen an den Tag – wie z.B. beim Interview vor ihrem Konzert im „Haus Auensee“ Anfang Dezember in Leipzig.

Triesch: Frau Ott, der Grundstein für den Erfolg, der auch diese erste Tournee möglich machte, wurde durch die Fehlinterpretation von „Die immer lacht“ gelegt.


Ott: Das erste Mal hören war wirklich ungewohnt, weil ich selbst diese ganzen Beats usw. niemals da rein gepackt hätte. Aber es war nicht so, dass ich es schlimm oder doof fand. Es war einfach ungewohnt. Und auch heute finde ich es immer noch erstaunlich, dass es eine Partyhymne geworden ist. Weil es ja anders gedacht war und eine Ballade gewesen ist mit einem sehr ernsten Hintergrund. Trotzdem haben die Menschen von Beginn an laut „Die immer lacht“ mitgesungen. Vielleicht haben sie es erst beim 2. Mal Hören mitbekommen, dass es eine andere Aussage hat. Aber ich fand es einfach toll, dass die Menschen dieses Lied so angenommen haben und derart drauf feiern konnten.

Triesch: Und es damit zu einem wahren Hit gemacht haben.

Ott: Womit keiner rechnen konnte. Ich weiß gar nicht, wie viele Millionen Klicks es mittlerweile hat. Ich habe mich schon so sehr gefreut, als das Lied mit Platz 98 in die Charts eingestiegen ist. Damit war das im Grunde für mich schon wieder abgehakt. Aber dann kletterte es ja immer weiter nach oben.

Triesch: Bei der aktuellen Tour sind Sie die Hauptperson. Ist das anders als die Auftritte bisher?

Ott: Das ist tatsächlich was ganz anderes. Aber ich hatte im Vorfeld ein gutes Gefühl, auch in dem Wissen, dass es anders wird. Sonst waren es ja oft Halbplayback-Auftritte. Jetzt stehe ich mit meiner Band auf der Bühne und alles ist live. Deshalb war ich sehr, sehr aufgeregt und bin es auch noch. Es ist wirklich eine ganz andere Nummer, wenn du weißt, die Menschen kommen hier her, weil sie sich auf dich freuen. Dann liegt die ganze Verantwortung bei dir.

Triesch: Wollten Sie je zum Schlager? Ihre Texte sind ja doch mehr im Stil einer Liedermacherin.

Ott: Die Frage bekomme ich oft gestellt und kann das selber gar nicht wirklich beantworten. Ich mache Musik aus dem Bauch heraus. Und die Texte, die mir mit meinem Team dazu einfallen, sind eigentlich alltägliche Geschichten, die wir dann in Lieder einbauen. Damit haben wir wohl in gewisser Weise einen eigenen Stil gefunden.

Triesch: Der Schlager erlebt seit einiger Zeit einen echten Boom. Wie erklären Sie sich das?

Ott: Ich glaube, das hat u.a. damit zu tun, dass der Schlager in letzter Zeit im Allgemeinen sehr viel moderner geworden ist – im Vergleich zum Beispiel zu vor 10 Jahren. Zudem ist nach meinem Empfinden deutschsprachige Musik generell in den letzten Jahren viel mehr im Radio gespielt worden. Es ist wohl eine Mischung aus verschiedenen Punkten. Die Künstlerinnen und Künstler sind viel moderner. Das spricht vor allem auch junge Menschen viel mehr an. Bekennende Schlagerfans gibt es mittlerweile in allen Altersklassen.

Triesch: War die Zeit reif für „Regenbogenfarben“ oder hätten Sie den Text auch schon vor Jahren genau so geschrieben? Weil, so normal ist vieles doch noch nicht…

Ott: Das stimmt. Dennoch scheint es meines Erachtens in manchen Bereichen irgendwie „in Mode gekommen“ zu sein: Es ist ok, wenn du schwul, bisexuell oder lesbisch bist. Ich verstehe es aber auch, wenn Menschen Berührungsängste haben, weil sie bisher zu wenige Möglichkeiten hatten, damit im Alltag „umzugehen“. Aber ich glaube und hoffe, es wird besser mit der Zeit. Vor 15 Jahren hätte ich den Text so vielleicht schon geschrieben, aber sicherlich wäre der nicht auf großen Anklang gestoßen.

Triesch: Wie war das mit der“ großen“ Helene Fischer auf der Bühne?

Sie ist so eine tolle Frau und Künstlerin, die ihren Job sehr, sehr gut macht. Man merkt zu jeder Zeit, dass sie mit Leidenschaft dabei ist. Zudem ist sie einer der freundlichsten Menschen, die ich „auf der Bühne“ kennen gelernt habe.

Triesch: In „Berliner Luft“ singen Sie u.a. vom Mauerfall. Bemerken Sie noch Unterschiede zwischen Ost und West?

Ott: Wenn man z.B. auf ältere Menschen trifft, kann man schon noch Unterschiede feststellen. Ich habe den Eindruck, Menschen aus dem Osten fühlen sich viel mehr verbunden mit ihrer damaligen Heimat – was ich sehr gut nachvollziehen kann. Aber mittlerweile ist es 30 Jahre her und ich meine, wir sind als Republik schön sehr schön zusammengewachsen. Es ist einfach eine unfassbare Geschichte, wie das alles gelaufen ist.

Triesch: Wie ist das bei Auftritten?

Ott: Da habe ich festgestellt, dass die Menschen im Osten tatsächlich sehr viel krasser feiern. Das Publikum ist immer sehr herzlich und geht viel mehr mit. Es scheint, als würden die sich mehr trauen, aus sich herauszukommen. Bei uns in Norddeutschland läuft das z.B. ein wenig anders.(lacht)

Triesch: Vielleicht sehen diese Menschen in Ihnen den Kumpel von nebenan, der sie versteht?

Ott: Ich denke, ich kann mich sehr gut mit den Menschen verbinden. Alleine durch die Tatsache, dass ich selber nicht perfekt bin und da auch keinen großen Hehl draus mache. Ich habe mich schon des Öfteren mal von der schwachen Seite gezeigt und das finden die Menschen wohl gut. Überall zählt nur noch Hochglanz und das perfekte Bild, was letztendlich aber keiner aufrecht erhalten kann. Ich habe das von Anfang an erst gar nicht probiert.

Triesch: In Liedern wie „Marmeladenglasmomente“ oder „Schau mal“ rufen Sie den Blick auf die kleinen Dinge ins Gedächtnis. Warum?

Ott: Mir geht das leider ganz oft verloren. Dann muss ich mich daran erinnern, dass jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, auf das stolz zu sein, was man gerade gemacht oder geschafft hat. Aber das geht wohl jedem so. Man hetzt von einem Termin zum nächsten, will immer das nächst Größere bewerkstelligen. Dabei vergisst man leicht, sich einfach mal selber auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: Das war richtig klasse, was ich da geschafft habe. Sich einfach diesen Gedanken öfter mal ins Jetzt zu holen, das tut gut.

Triesch: Wie schaffen Sie das?

Ott: Das schaffe ich auch nicht immer. Manchmal, wenn alles wieder so sehr beschleunigt ist, nehme ich bewusst das Tempo raus, weil ich selber gar nicht mehr hinterher komme. Am besten gelingt das natürlich in Verbindung mit der Familie. Dann machen wir einfach mal das, was uns gut tut und besinnen uns darauf, was wir haben.

Triesch: Wie viel wahre Geschichte steckt in „Schweigen wurde ihre Art zu weinen“?

Ott: Ich mache mir sehr oft Gedanken, wie das ist, wenn Omis und Opis Alterseinsamkeit erleiden. Du hast dich dein ganzes Leben um die Familie gekümmert und irgendwann bekommst du das Gefühl vermittelt, egal zu sein. Das stelle ich mir ganz schlimm und schwierig vor. Es ist leider auch ein Thema, das in unserer Gesellschaft gerne tot geschwiegen wird. So nach dem Motto: die Alten werden halt nicht mehr gebraucht. Das berührt mich wirklich sehr.

Triesch: Was kann man noch dagegen tun- außer ein Lied schreiben?

Ott: Es ist wirklich das Wichtigste, im Gespräch zu bleiben. Warum scheuen wir uns, mal nach rechts und links zu schauen? Man bricht sich doch keinen ab, wenn man die Omi fragt, ob man ihre Tasche ein Stück tragen kann. Oder jemanden einfach mal so hilft. Ich registriere, dass die Hilfsbereitschaft sehr abgenommen hat. Jeder schaut nur noch aufs Smartphone. Irgendwie haben es die Menschen verlernt, miteinander zu kommunizieren. Das Zwischenmenschliche ist doch das größte Gut, das wir haben und auch bedienen müssen.

Triesch: „Wegen dir“ erinnert sehr an ein Lied Howard Carpendale? Wie kam es dazu?

Ott: Letztes Jahr bei den Schlagerchampions war ich als DJ unterwegs und habe das Lied „Nachts wenn alles schläft“ das erste Mal gehört. Danach hatte ich das über eine Woche ständig im Ohr. Ich habe es schon gehasst, weil ich es nicht mehr los geworden bin. Aber ich mochte die Melodie so gerne und das Lied an sich. Deshalb habe ich meinen Produzenten gefragt, ob wir da nicht mal was machen können. Dann ist die Idee entstanden, dieses „ha, ha, ha, ha, ha“ mit einzubauen. Howard fand das auch richtig gut.

Triesch: Was steht Weihnachten bei Ihnen an?

Ott: Wir sind schon das ganze Jahr ständig unterwegs. Deshalb gehört Weihnachten der Familie. Das sind wir auch drei Tage am Stück zu Hause. Das ist für uns das Fest, an dem man zusammen isst, einfach gemütlich miteinander zusammen sitzt und sich unterhält. Weihnachten muss man einfach bei den Kindern zu Hause sein.

Triesch: Inwieweit können Sie noch ein normales Leben führen zu Hause?

Ott: Mit Papparazzi z.B. habe ich immer noch Glück. Es gibt niemanden, der im Baum hockt und mich abschießt. Das finde ich auch sehr gut. Bei uns in Heide ist das auch nicht so, dass mir die Leute die Bude einrennen. Da kennt mich auch jeder – es ist eine kleine Stadt. Die Leute freuen sich mit mir. Ansonsten lebe ich da ganz normal als eine von ihnen. Das braucht man auch nach dem ganzen Stress.

Triesch: Da sind Sie also noch die Alte?

Ott: Ja. Das liegt auch daran, dass ich viel in der Stadt unterwegs bin und ganz normal meinen Alltag lebe. So wie vorher auch. Ich schotte mich nicht ab, wenn ich mal zu Hause bin. Mir ist es sehr wichtig, auch weiter am ganz normalen Leben in Heide teilzuhaben.

Triesch: Sie können sich vorstellen, mit Rapper Sido ein Duett zu machen?

Ott: Das ist eigentlich mal aus einem Spaß entstanden. Ich wurde gefragt, mit wem ich mir das vorstellen kann: also ein Duett mit jemandem, der nicht aus dem Schlagerbereich kommt. Ich finde, Sido ist ein charismatischer Typ. Das wäre jetzt so auf Anhieb ein Kandidat. Zumal man ja auch nicht unbedingt damit rechnen würde, dass wir Beide ein Duett zusammen machen.

Triesch: Welche Kriterien muss eine „Duettanfrage“ erfüllen?

Ott: Es muss halt einfach passen. Der Text, die Melodie, die Chemie. Ich könnte kein Lied machen, dessen Melodie ich ganz schrecklich finde oder wenn der Text nicht zu mir passt. Der ist sowieso das absolut wichtigste. Weil, wenn ich auf der Bühne stehe und da etwas singe von Wald und Wiesen – das würde ich mir selbst nicht glauben und erst recht nicht die Fans. Natürlich sollte man sich sympathisch sein, sonst funktioniert das nicht.

Triesch: Ist da was angedacht?

Ott: Wir sind am überlegen, was zu machen. Aber da kann und möchte ich jetzt noch nicht drüber sprechen.

Triesch: Inwieweit hilft Ihnen Ihr bisheriges Leben, auch jetzt am Boden zu bleiben?

Ott: Erfahrung ist in diesem Hinblick eine ganze Menge wert. Wenn ich mir vorstelle, dass ich das alles in ganz jungen Jahren erlebt hätte, dann kann man das schwer einordnen. Letztendlich ist es auch in vielen Bereichen wirklich eine große Seifenblase. Wenn man aber das ein oder andere durch hat in seinem Leben, kann man besser differenzieren und weiß genau: das ist der gute Weg, das ist der nicht so gute. Ich glaube, das fällt mir mit Mitte 30 leichter als jemandem, der gerade 18 oder 20 ist.

Triesch: Ein Lied der neuen CD heißt „Und sie träumt“. Wovon träumt Kerstin Ott?

Ott: Ich träume aktuell vom Januar, vom Urlaub. Da freue ich mich schon sehr drauf. Dann haben wir mit der Familie eine längere Phase am Stück für uns. Und wir können uns auch mal um Haus und Hof kümmern. Dann kommt wieder etwas Ruhe rein. Die letzten Monate waren schon extrem. Aber das ist in diesem Geschäft so und das weiß ich auch. Deshalb freue ich mich jetzt schon umso mehr auf den Urlaub.

Anmerkungen:

Ende 2020 geht Kerstin Ott auf große Deutschlandtour. Karten gibt es an den bekannten Vorverkaufsstellen. Weitere Infos und Termine: www.semmel.de oder www.kerstinott.de.

23.11.2020 – Cottbus ; 24.11.2020 – Erfurt; 25.11.2020 – Leipzig; 27.11.2020 – Oberhausen; 28.11.2020 – Lingen; 29.11.2020 – Aurich; 01.12.2020 – Frankfurt am Main; 02.12.2020 – Hamburg; 04.12.2020 – Berlin; 05.12.2020 – Siegen; 06.12.2020 – München; 07.12.2020 – Nürnberg; 09.12.2020 – Stuttgart; 10.12.2020 – Wetzlar; 13.12.2020 – Bielefeld; 14.12.2020 – Chemnitz; 15.12.2020 – Rostock; 17.12.2020 – Köln; 18.12.2020 – Hannover; 19.12.2020 – Göttingen

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