Die letzen Sechs! Zum Ersten. – Serie: Deutscher Buchpreis 2010 (Teil 4/5)

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Die diesjährige Jury

Dieses Jahr hat die Jury also für die kurze Liste folgende Romane nominiert, hier in alphabetischer Reihenfolge:

– Jan Faktor, Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag (Kiepenheuer & Witsch, März 2010)

– Thomas Lehr, September. Fata Morgana (Carl Hanser Verlag, August 2010)

– Melinda Nadj Abonji, Tauben fliegen auf (Jung und Jung Verlag, August 2010)

– Doron Rabinovici, Andernorts (Suhrkamp Verlag, August 2010)

– Peter Wawerzinek, Rabenliebe (Galiani Berlin, August 2010)

– Judith Zander, Dinge, die wir heute sagten (Deutscher Taschenbuch Verlag, September 2010)

Überraschung. Überraschung. Denn überraschend ist dann immer, wer fehlt. Wir schalten uns ab der Zwanzigerliste ein und versuchen auf dieser Basis etwas zu den Finalisten zu sagen. Und da fehlt einem erst einmal, ach, das später. Denn die Jury trifft natürlich keine Aussagen zu denen, die sie nicht mehr dabeibehalten bei der Auswahl zum Deutschen Buchpreis, sondern allein zu den Letztnominierten. "Einen Tag lang haben wir über die Kandidaten für unsere Shortlist diskutiert. Nicht immer, das gehört dazu, waren wir uns einig. Wir freuen uns, nun sechs außergewöhnliche Finalisten zu präsentieren, sechs sehr unterschiedliche literarische Stimmen: poetisch, komisch, experimentell. Es sind Romane, deren Gemeinsamkeit wohl vor allem in ihrer Welthaltigkeit zu finden ist", sagt Jurysprecherin Julia Encke, Literaturkritikerin bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.  Die sieben Jurymitglieder haben in den letzten fünf Monaten insgesamt 148 Titel gesichtet, die zwischen Oktober 2009 und dem 8. September 2010 erschienen sind.

Die Auswahlbegründungen sind interessante Neuigkeiten. Da wird gesprochen „von sechs sehr unterschiedliche literarische Stimmen: poetisch, komisch, experimentell“ und die Auswahl wird unter eine Gemeinsamkeit gestellt: „ Welthaltigkeit“. Damit wagt die Jury zum ersten Mal, die subjektiven Leseauswahlgründe zu objektivieren, indem die ausgesuchten Büchern unter eine inhaltliche Klammer gestellt werden, die ansonsten immer nur hieß: sehr gut geschrieben, überzeugend, hervorragendes Deutsch, spannend, gesellschaftlich relevant etc.

Schauen wir uns also unter diesen Prämissen die letzten sechs Romane an und vergleichen diese Begründung anschließen kurz mit der Zwanzigerliste in Auswahl, wobei auffällt, daß von den vielen nominierten Frauen jetzt nur noch zwei übrig sind, Judith Zander und Melinda Nadj Abonji gegenüber vier Männern. Doron Rabinovici,“ Andernorts“ im Suhrkamp Verlag, hat die Bezeichnungen der Jury von „experimentell“ bis „Welthaltigkeit“ schon durch seinen Lebensweg gerechtfertigt. Er ist 1961 in Tel Aviv geboren und lebt seit 1964 in Wien und ist sowohl ein israelisch-österreichischer Historiker, wie deutscher Schriftsteller. Zu seinem Roman können wir noch nichts sagen, weil es für uns das zwanzigste Buch war, also ausgerechnet das, was noch nicht gelesen wurde, was sich spätestens bis zum Abend des 4. Oktober geändert haben wird.

Aber „Rabenliebe“ von Peter Wawerzinek aus dem Verlag Galiani, Berlin, gehört sicher in die Gattung, wo Welthaltigkeit schon deshalb ein Thema ist, weil Heimat nicht vorhanden ist. Der auch bisher in der BRD als Autor bekannte Schriftsteller, der auch Regisseur, Hörspielautor und Sänger ist, hat mit seinem Buch etwas gewagt, was oft nach hinten ausgeht und dann, wenn es klappt, besonders unter die Haut geht. Er hat sein eigenes Schicksal literarisch verarbeitet. Denn seine Mutter ging in den Westen und ließ ihn, das Kleinkind in der DDR zurück, wo er eine Odyssee von Kinderheim über potentielle Adoptiveltern, Gastfamilie zurück ins Kinderheim erlebte, das für ihn vielleicht besser gewesen wäre als die Adoptivfamilie, bei der er landete, sie aber nie als Heimat empfand und sich bei der Adoptivmutter unwohl fühlte.

Diese Verlassenheitsgefühle sowie Muttersehnsucht hatte er, konnte sie aber nie direkt, sondern nur vermittelt über andere Stoffe literarisch verarbeiten, bis er endlich seine leibliche Mutter nach dem Fall der Mauer kennenlernte und mit ihr acht Halbgeschwister, die allesamt in derselben Kleinstadt leben. Viel zu viel Familie auf einen Schlag. Peter Wawerzinek auf jeden Fall kümmerte sich nun nicht um die aufgefundene Familie, sondern verfiel sozusagen in einen Schreibwahn, in dem er sich sein Trauma aus Körper und Seele schrieb und auf 428 fesselnden Seiten uns teilhaben läßt, wie das ist, der Mutterliebe nicht teilhaftig zu werden und diese durch Schreiben sich selbst zu geben. Das könnte kitschig und peinlich sein, wie gesagt, aber es ist es nicht, denn ihm gelingt aus Realität eine Fiktion zu machen, deren anteilnehmende Leser wir werden. Fortsetzung folgt.

Info:

Der Träger des Deutschen Buchpreises, der Börsenverein, gibt – in fragwürdigem Deutsch! – zudem bekannt: Auszüge aus den nominierten Romanen stehen über www.libreka.de kostenlos zum Download bereit. Sie können auf einen Computer oder E-Book-Reader herunter geladen und dort gelesen werden. Anlässlich der Nominierung der Longlist-Titel gibt die MVB Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels GmbH, eine Wirtschaftstochter des Börsenvereins, das "Lesebuch zur Longlist Deutscher Buchpreis 2010" heraus. Darin werden Leseproben und Hintergrundinformationen zu den auf der Longlist nominierten Romanen veröffentlicht. Es ist ab kommender Woche in Buchhandlungen erhältlich. Zudem finden im September in sechs deutschen Buchhandlungen und in fünf Goethe-Instituten im Ausland Blind Date-Lesungen mit den Nominierten statt.

Was unsere bisherigen Artikel ausführten, ist vom Börsenverein noch einmal zusammengefaßt: Der Jury für den Deutschen Buchpreis 2010 gehören neben Julia Encke an: Jobst-Ulrich Brand (Focus), Thomas Geiger (Literarisches Colloquium Berlin), Ulrich Greiner (Die ZEIT), Burkhard Müller (Süddeutsche Zeitung), Ulrike Sander (Osiandersche Buchhandlung, Tübingen) und Cornelia Zetzsche (Bayerischer Rundfunk). Von den Titeln der Longlist benennen die Juroren in einem nächsten Schritt sechs Titel für die Shortlist, die heute, am 8. September 2010 veröffentlicht wird. Erst am Abend der Preisverleihung des 4. Oktober 2010 erfahren die sechs Autoren, an wen von ihnen der Deutsche Buchpreis geht. Der Preisträger erhält ein Preisgeld von 25.000 Euro; die fünf Finalisten erhalten jeweils 2.500 Euro.

Der Deutsche Buchpreis wird von dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels Stiftung vergeben. Partner des Deutschen Buchpreises sind Paschen & Companie, die Stiftung der Frankfurter Sparkasse, die Frankfurter Buchmesse und die Stadt Frankfurt am Main. Die Deutsche Welle unterstützt den Deutschen Buchpreis bei der Medienarbeit im In- und Ausland. Die Preisverleihung findet am 4. Oktober 2010 zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse im Kaisersaal des Frankfurter Römers statt. Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur übertragen die Preisverleihung live im Rahmen von ‚Dokumente und Debatten‘ auf den LW 153 und 177 kHz, der MW 990 kHz sowie als Livestream im Internet unter www.dradio.de

Ab dem 22. September 2010 werden zudem Auszüge aus den Shortlist-Titeln in englischer Übersetzung und ein englischsprachiges Dossier zur Shortlist auf dem Internetportal www.signandsight.com präsentiert. Auszüge aus den 20 Romanen der Langen Liste sind abrufbar unter www.libreka.de.

www.signandsight.com

www.deutscher-buchpreis.de

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