Die Ingbrigtsen-Geschichte – Warum sollen Jungens aus Norwegen nicht so schnell laufen wie Afrikaner?

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Ein Flagge Norwegens. Quelle: Pixabay

Berlin, Deutschland; Glasgow; VK (Weltexpress). Nicht nur in Seefeld, Österreich, bei den Nordischen Ski-Weltmeisterschaften wurde deutlich, dass die Norweger ein spezielles Know-how über das Ausdauervermögen im Leistungssport verfügen. Parallel zur Siegesserie per Ski holten die Norweger im schottischen Glasgow, das noch immer Teil des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Nordirland ist, zwei Titel und vier Medaillen in Läufen von 400 m bis 3000 m bei den Hallen-Europameisterschaften der Leichtathleten. Damit übertraf das bevölkerungsarme Norwegen schon mal in der Länderwertung die Bundesrepublik Deutschland (fünf Medaillen, aber kein Titel).

Die Nordländer bejubelten Karsten Warholm, den Welt- und Europameister im Freien über 400 m Hürden, für seinen Erfolg über 400 m in 45,05 Sekunden, womit er den Hallen-Europarekord des DDR-Läufers Thomas Schönlebe aus dem Jahre 1988 egalisierte. Und sie feierten natürlich das 18-jährige Laufwunder Jakob Ingbrigtsen, der souverän am Samstag über 3000 m gewann und am Sonntag in einem Spurtrennen über 1500 m nur dem routinierten Polen Marcin Lewandowski unterlag.

Über 3000 m stand sein Bruder Henrik Ingebrigtsen als Dritter neben ihm auf dem Siegerpodest. Der heute 28-jährige Henrik, optisch mit seinem Oberlippenbärtchen, einer übergroßen Sonnenbrille und Gel im Haarschopf im Läuferpulk hervorstechend, hatte 2012 durch den Gewinn der Europameisterschaft über 1500 m die fast wundersame Erfolgsstory der Laufbrüder aus Norwegen begründet.

Der Dritte im Bunde des Trios aus Sandnes, einem Örtchen bei Stavanger, ist der 25-jährige Filip Ingebrigtsen. Er holte sich 2016 die EM-Goldmedaille über 1500 m und gehört mit seinem Landesrekord von 3:30,01 Minuten zur Weltelite. In Glasgow erweiterte er unfreiwillig seinen Status als Pechvogel bei wichtigen Wettkämpfen. Nach einer Rangelei im Vorlauf über 1500 m wurde er disqualifiziert. Im Vorjahr rappelte er sich bei den Europameisterschaften in Berlin nach einem Sturz im Vorlauf schnell wieder auf. Verlor rund 60 m und kam dennoch als Dritter ins Ziel. Dabei hatte er sich jedoch eine Rippenverletzung zugezogen, die im Finale nur den letzten Platz (12.) zuließ.

Keine Grenzen akzeptiert

Die Leichtathletik-We1t rätselt nicht nur über das Leistungsvermögen des Norge-Trios. Sondern vor allem auch über ihren Aufstieg. Denn sie gehören zu sieben Geschwistern – Jakob ist das fünfte Kind – des Ehepaares Ingebrigtsen und werden nach Vorgaben ihres Vaters Gjert trainiert. Jener ist eigentlich in der Logistikbranche tätig und hatte vorher nie was mit Leistungssport am Hut. Die Lauferei seiner ältesten Kinder sah er anfangs mehr als Freizeitbeschäftigung. Als aber deren Talent sichtbar wurde und sich früh Erfolge einstellten, übernahm er quasi als Seiteneinsteiger die Betreuung. Das wurde bald zu einer Art Obsession. Der Vater wälzte Fachliteratur, konsultierte Experten, machte sich schlau. Probierte dies und jenes aus, machte Fehler vor allem mit Henrik und Filip, lernte aber daraus. Dass Jakob inzwischen die älteren Brüder läuferisch überholt hat, hängt nach Filips Ansicht damit zusammen, „dass mit ihm nicht die Fehler wie mit uns passiert sind“.

Die Ingebrigtsens brachen die nationalen Altersklassenrekorde, heimsten bei internationalen Nachwuchsmeisterschaften Medaillen ein. Und bestätigten ihr außergewöhnliches Laufvermögen bei Crossläufen. Der Lauf-Autodidakt führt ein strenges Regime. Filip untersagte er einen Ferienausflug mit dessen Freundin, weil darunter das Training leide. Und Henrik musste am Tag vor der Hochzeit treu und brav sein Trainingspensum abspulen. Das beinhaltet – meist zweimal täglich – Intervallläufe, Arbeit im Kraftraum, Berganläufe, Sprints, Crossläufe, also einen modernen Mix für Mittelstreckenläufer. Ganz wichtig: Inzwischen zapft er regelmäßig Blut von seinen Schützlingen, um anhand der Werte die Belastung zu steuern.

Was den Umgang mit seinen Söhnen angeht, gestand er: Beim Sport passieren Dinge, die er sich als Vater nie vorstellen würde. Der Trainer-Vater über das familiäre Lauf-Projekt: „Wir haben nie akzeptiert, dass es Grenzen gibt. Warum sollen norwegische Burschen nicht so gut sein können wie Afrikaner?.“

Jüngster Europameister aller Zeiten

Angespornt durch das Vorbild der Älteren, drehte Jakob bereits mit sieben Jahren viele Runden. Schon mit 11 absolvierte er Wettkämpfe bis über 5000 m. Viel zu früh nach der herkömmlichen Trainingslehre. Wegen der Gefahren gesundheitlicher Schäden, gerade im Wachstum. Und des vorzeitigen „Ausbrennens“, wie es über die Folgen einer Überbelastung heißt.

Mit 16 wies Jakob bereits die medizinischen Leistungsparameter eines austrainierten 25-jährigen Athleten auf. Er sammelte Titel und Rekorde, unterbot mit 16 die 4-Minuten-Grenze über eine Meile. Im Vorjahr triumphierte er mit 17 als Doppel-Europameister über 1500 m und 5000 m in Berlin. Damit war er jeweils der jüngste Europameister aller Zeiten auf diesen Strecken. Knapp hinter ihm Henrik als Zweiter (5000 m) und Vierter (1500 m).
Bezeichnend für das Selbstverständnis von Jakob ist seine Aussage, er fühle sich als professioneller Läufer, seit er mit etwa zehn Jahren regelmäßig trainiere!

Eine ähnliche Karriere schwebt auch der 13-jährigen Ingrid und dem siebenjährigen Max vor, den jüngsten der Familie.

Im sportverrückten Norwegen genießen die Ingebrigtsens schon längst den Status von Sportstars und sind spätestens seit der Sendung einer TV-Dokumentation landesweit bekannt.

Experten und Konkurrenten verfolgen mit Staunen und Skepsis die wundersame Entwicklung des Trios und äußern nicht selten einen Dopingverdacht. Dem entgegnen die Drei mit dem Hinweis auf rund 17 Dopingkontrollen, „bei denen alles Okay war“.

Beim Hallenmeeting kürzlich in Düsseldorf jedenfalls erfüllte Jakob den väterlichen Wunsch und gewann das 1500-m-Rennen in 3:36,02 gegen den afrikanischen Hallen-Weltrekordler Samuel Tefera (Äthiopien). Doch erst bei den Freiluft-Weltmeisterschaften im September in Doha/Katar wird sich zeigen, ob die norwegischen Jungens mit den Stars aus Afrika auch auf großer Bühne mithalten und sie besiegen können.

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