Die „Hamburg“ bringt dich hin … durch Sonne, Meer und Wind – erstmals auch Stralsund und Travemünde entgegen

MS Hamburg liegt abfahrbereit am Ostseekai in Kiel. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther, Aufnahme: Kiel, 14.10.2021

Stralsund, Deutschland (Weltexpress). So hat es der Auslaufsong noch in Kiel versprochen. Schon am Abend zerschlugen sich erste Hoffnungen: „Der Hafen Rönne auf Bornholm“, so verkündete es die stets hilfsbereite und freundliche Kreuzfahrtdirektorin Alexandra Cortese, „ist wegen starkem Südwestwind gesperrt worden“. Enttäuschung machte sich bei vielen der 330 „Hamburg“-Gäste breit, hatten sie sich „doch schon so auf die dänische Insel gefreut“. Die Rettungsübung mit hautnahen Kontakten – Abstandsregeln hin oder her – wurde umso ernster genommen. Als jemand wegen fehlender Maske in seine Kabine zurückgeschickt wurde, fehlte dann doch jedes Verständnis: „Untergang nur mit Maske, oder wie?“

Während der nächtlichen 167-Seemeilen-Überfahrt briste es noch kräftig von achtern auf, aber das Ausweichziel Kopenhagen stand unumstößlich fest. „Mal sehen“, meinte einige Skeptiker, „wie´s jetzt weitergeht, ob Stralsund jetzt auch noch gestrichen wird“. Andere wiederum gaben sich gelassen und meinten: „Eine Kreuzfahrt im Herbst ist immer gut für Überraschungen, gerade vom Wetter her“.

Die kleine Meerjungfrau – Symbol von Kopenhagen. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther, Aufnahme: Kopenhagen, 15.10.2021

Der Tag in Kopenhagen, ob organisiert oder frei laufend, zwischen Kleiner Meerjungfrau und Schloss und bei trockenem Wetter verlief planmäßig und zur Zufriedenheit aller.

Der umsichtige Kapitän Dimitrios Papatsatsis, mit 37 Jahren seemännischer Erfahrung auf dem Buckel und reichlichen Schiffs-Kommandos aller Art, entschloss sich wegen der Wetterlage – „starker Seitenwind aus West und viel Verkehr“ – , zwei Stunden früher als geplant auszulaufen.

Kapitän Dimitrios Papatsatsis ist Optimist. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther, Aufnahme: Travemünde, 17.10.2021

Kurzzeitig auf der Kippe

Über Nacht rollte der 144 Meter lange 15.000-Tonner Kap Arkona entgegen, das um vier Uhr früh mit seinen Lichtblitzen die Kabinen streifte. In Lee von Rügen beruhigte sich die See und man konnte sich noch mal genüsslich in seiner Koje umdrehen. Für vier Uhr dreißig war der Lotse angekündigt worden. Aus einer Schlaffortsetzung wurde jedoch nichts mehr, bis das Handy bimmelte und sich Seelotse Jens Mauksch aus Stralsund meldete: „Für das große Schiff besteht bei diesem Wind ein Nachtfahrverbot, ihr könnt erst bei Sonnenaufgang gegen sieben Uhr in den Greifswalder Bodden laufen“. Das war auch Beginn der Frühstückszeit im „Palmgarten“ auf Deck sechs. Hinter einer grauen Wolkenwand schob sich eine glutrote Sonne an den Morgenhimmel. Die Frühaufsteher genossen das Spektakel mit einem Pott Kaffee und einem Glas Sekt, während sich an Steuerbord die Halbinsel Zudar als dunkler Schatten abzeichnete. Das Lotsenboot „Petermann“ brachte die beiden Stralsunder Lotsen Arndt Czepluch und Jens Hahn an Bord. Alexandra Cortese informierte über Lautsprecher, dass diese Entscheidung erst sehr spät gefallen sei. Offenbar, wurde an Bord gemutmaßt, sind sich die verschiedenen Behördenvertreter nicht einig gewesen. Mit anderen Worten: Der Anlauf stand kurzzeitig auf der Kippe.

Allmählich füllten sich die Außendecks mit Seh-Leuten, denn die Langschläfer merkten, dass die Schiffsdiesel immer noch liefen. Umso überraschter waren sie, als sie die Sundlandschaft wie einen Film an sich vorüberziehen sahen. Das Frühstück wurde zum Brunch verlängert, denn wegen der um zwei Stunden verspätet begonnenen Landausfluge gab´s kein Mittagessen – wohl aber die Empfehlung von Alexandra: „Packen Sie sich was ein für unterwegs!“

Stralsund mit Volkswerft (l) und Rügenbrücke voraus. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther, Aufnahme: Stralsund, 16.10.2021

Verspätung positiv gesehen

Für zehn Uhr war nach 134 Seemeilen jetzt das Einlaufen in der Hansestadt geplant. Einige hatten die „Ostsee-Zeitung“ online gelesen. Darin die Ankündigung, dass es für den Erstanlauf der „Hamburg“, die auch gleichzeitig das größte Kreuzfahrtschiff ist, das jemals in Stralsund angelegt hat, ein „großer Bahnhof“ geplant wäre. „Die Fahrt allein durch den Sund ist schon ein besonderes Erlebnis“, hörte man von vielen Relingsguckern, derweil eine Rotte mecklenburgische „Glücksvögel“, also Kraniche, trompetend wie zum Empfang übers Schiff hinwegrauschten. Bis die hellblaue Schiffbauhalle samt Rügenbrücken-Spargel von Ferne – über die Baumwipfel gesehen – „etwas Größeres“ ankündigte. „Man sollte dies Verspätung positiv sehen“, waren die meisten Gäste überzeugt, „denn im Dunkeln wär nur gut Munkeln gewesen, ohne was zu sehen von dieser tollen Landschaft!“ Mit diesem Pfund kann Stralsund durchaus um weitere Anläufe werben. Und für Kapitän Papatsatsis sind solche Gewässer mit enger Fahrrine „nautische Leckerbissen“, die er liebt.

Als schließlich Steinort, die letzte Ecke des Sunds auf Drigge, gerundet war, präsentierte sich die Hansestadt in voller Breitseite. Die Stunde der Handyfotografen.

Segler berherrschen das Wasser vor Stralsund. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther, Aufnahme: Stralsund, 16.10.2021

Mit einer eleganten Backbord-Drehung, aber wegen schwacher maschineller Rückwärtsleistung schwerfällig, legte sich die „Hamburg“ an die sauber hergerichtete Pier. Der Kapitän ließ das Typhon dreimal losdröhnen zur Begrüßung, die auch die Rügenbrückenläufer vernehmen mussten. Neben einem Großaufgebot an Polizei war auch das städtische „Empfangskomitee“ angerückt: in Gestalt von Hafenkapitän Alexander Meinke, der ein Stadtwappen für die Ernstanlaufplaketten-Wand und für die Brücke eine rote Tischflagge überreichte. Ein „großer Bahnhof“ musste, so informierte OB Alexander Badrow vom Rügenlauf bedauernd per Telefon, „coronabedingt ausfallen“.

Schließlich füllten die Gäste ihre Ausflugsbusse, darunter zwei „Stralsunner“, die sie direkt vom Schiff auf die Insel brachten. Andere hatten eine Stadtführung gebucht oder zogen mit dem Gratis-Shuttlebus bei wechselnder Wetterlage bis 15 Uhr auf eigene Faust los, denn um 16.30 sollte das Auslaufen starten.

Eine Kielerin meinte abschließend: „Schön, diese ´Das Gute liegt so nahe`-Kreuzfahrt sozusagen vor der Haustür antreten zu können, und ich lern´ dadurch erstmals unsere Patenstadt kennen“.

Das ehemalige Segelschulschiff „Passat“ in Travemünde. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther, Aufnahme: Travemünde, 17.10.2021

Seefahrt unter Segeln

Im Nachtsprung dampfte MS Hamburg wieder rund Kap Arkona, Deutschlands nordöstlichste Spitze. Diesmal aber 172 Seemeilen nach Westen. Im nieseligen Morgendämmer gab sich Travemünde zugeknöpft. Ein Zwei-Fähren-Rundgang bot sich an: vom Festland hinüber zum Priwall, an der Trave mit ihren Segelboot-Marinas Pensionärs-Residenzen entlang zur „Passat“. Mit Maske und Impfpass durfte sie gegen fünf Euro Eintritt betreten werden. Die Ausstellung im vorderen Laderaum erwies sich als äußerst informativ: Seefahrt unter Segeln – das war nur was für ganz harte Typen. Weitab vom Luxus heutiger Kreuzfahrten.

Einige Ausflugsgäste bestaunten mit Ehrfurcht die Reste des Rettungsboots, das nach dem Untergang der Viermastbark-Schwester Pamir 1957 in der Lübecker Jacobi-Kirche, der Nationalen Gedenkstätte für die zivile Seefahrt, ausgestellt sind.

Hotel Maritim mit Altem Leuchtturm und Hansekogge. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther, Aufnahme: Travemünde, 17.10.2021

Am Strand der Halbinsel Priwall stand gleich hinter der Mauer einst ein DDR-Wachturm. Heute tummeln sich hier unbeschwert Spaziergänger. Die zweite Fähre hinüber zum Hotel „Maritim“ mit dem bei 117 Metern höchsten europäischen Leuchtfeuer. Interessant: Gleich daneben steht der älteste deutsche Leuchtturm, den 1539 holländische Maurer errichteten.

Die Flaniermeile des Seebades bietet eine ansehnlich herausgeputzte Fassadenreihe mit Geschäften, Hotels und Cafés, darunter auch eins des berühmten Lübecker Marzipan-Hauses Niederegger. Hunderte Arme winkten zum Abschied, und Kapitän Papatsatsis tat es mit sattem Typhonklang: dreimal lang dröhnte er damit über die Travestadt, auch querab der PASSAT. Er liebe diese Art von maritimen Konzerten, gesteht der Nautiker aus Leidenschaft.

Ankern vor dem historischen Schlachtfeld der Düppeler Schanzen. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther, Aufnahme: Düppeln, 18.10.2021

Ankern vor den Düppeler Schanzen

Am Abend wurde – herbststurmbedingt – auch Helgoland gekippt. Keine Chance, bei zwei Meter-Wellen auszubooten. Plan B lautete Sonderburg am Nordausgang der Flensburger Förde. Einige meckerten: Sie wollten doch auf dem roten Buntsandsteinfelsen zollfrei Schnaps und Zigaretten einkaufen gehen. Andere grollten an der Rezeption noch wegen der wind- und wellenbedingt ausgefallenen Bornholm-Anlandung. Von jeglicher Fach- und Sachkenntnis unbeleckt.

Die historische Mühle in Düppel westlich von Sonderburg. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther, Aufnahme: Düppeln, 18.10.2021

Neues Ziel, neues Glück also: Sonderburg. Nur 111 Seemeilen, die in spritsparender Öko-Schleichfahrt abgespult wurden zur Ankerposition querab der von einer historischen Windmühle gekrönten Düppeler Schanzen. 1864 erstürmten sie preußische Truppen während des deutsch-dänischen Krieges. Zweieinhalb fußläufige Kilometer bis zu den längst eingeebneten Stellungen. Das trübe, nasse Wetter vermieste einem außerdem solche persönlichen Erkundungen. Da blieben nur die kleine Altstadt und das leider von einem Baugerüst verschandelte Königliche Schloss an der schmalen Hafenzufahrt. Durch die pendelten unablässig die Tenderboote von und zur „Hamburg“.

Die Sicht verschlechterte sich zusehends, so dass Kapitän Papatsatsis während der kurzen 90-Seemeilen-Fahrt entlang der schleswig-holsteinischen Nordostküste alle zwei Minuten das Nebelhorn aufheulen ließ.

Sonnenaufgang über dem Greifswalder Bodden. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther, Aufnahme: Greifswalder Bodden, 16.10.2021

Silvester mit Pinguinen

Nur der schwarz-weiße Leuchtturm von Schleimünde ließ sich kurz blicken. Das Seebad Damp mit seinen Hochhäusern ließ sich nur ahnen. „Wir wollten eigentlich nach Eckernförde“, zeigte der Kapitän nach Westen in die Bucht hinein, „aber die rot-grüne Stadtverwaltung lehnt Kreuzfahrtschiffe leider ab“.

Ab Leuchtturm Kiel fuhr die „Hamburg“ unter Lotsberatung. Die achtstündige Nord-Ostsee-Kanal-Passage wurde von allen Gästen mit Spannung erwartet. Just vor dem Einlaufen in die Nordschleuse verkroch sich die Sonne hinter einer abendlichen Wolkenwand. Einige Unermüdliche kamen nach dem Galadinner mit Kalbsrückensteak, Lammcarré oder Heilbuttfilet, von Chef George Podder und seiner Küchencrew mit viel Liebe angerichtet, wieder an Deck und verzichteten auf die Musik-Show in der Lounge. In der wurden zwei Tage zuvor noch alle Passagiere ein weiteres Mal auf Corona getestet. „Hier draußen spielt sich jetzt die Show ab!“, meinten sie und freuten sich jedes Mal, wenn ein Schiff entgegen kam.

Am frühen Morgen drehte MS Hamburg dann nach Süden in die Elbe ein und die Passagiere sich um in ihren gemütlichen Kojen.

Einlaufen frühmorgens in Hamburg vor Elbphilharmonie. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther, Aufnahme: Hamburg, 18.10.2021

Als das weiße Schiff pünktlich um sieben Uhr dreißig am Cruise-Center Bakenhöft festmachte, hatte es weitere 674 erlebnisreiche Seemeilen oder 1248 Kilometer auf dem „Tacho“. Schon am nächsten Tag startete die „Hamburg“, Deutschlands kleinstes Kreuzfahrtschiff, zu ihrer 284-tägigen „Once-in-a-life-time“-Kreuzfahrt zwischen Arktis und Antarktis, der längsten seit 30 Jahren in der Geschichte des Reiseveranstalters Plantours. „Silvester bei den Pinguinen“, sinnierte jemand, „das wär´s doch – einmal im Leben!“

Fotoreportage:

Mehr Bilder in der Fotoreportage: Die „Hamburg“ bringt dich hin … durch Sonne, Meer und Wind von Dr. Peer Schmidt-Walther.

Anmerkung:

Schiff: MS Hamburg (ex Columbus); Baujahr: 1997; Bauwerft: MTW, Wismar/Mecklenburg-Vorpommern; mehrfach renoviert, zuletzt 2020; BRZ: 15.000; Länge: 144 m; Breite: 21,5 m; Tiefgang (max.): 5,15 m; Maschinen: 4 mit zus. 10.560 kW; Geschwindigkeit (max.): 18,5 kn; Propeller: 2; Umwelt: Müllverbrennung, Bioklär- und Osmose-Anlagen; Stabilisatoren: ja; Passagierdecks: 6; Passagierkapazität: 400; Kabinen