„Die Berliner Mauer“, Ausdruck der Unterdrückung bis 1989, kehrt 2009 als Kunst nach Berlin zurück – Serie: Berlin zeigt nach 20 Jahren endlich die Sammlung „Berliner Mauer“ des Franzosen Sylvestre Verger im Historischen Museum (Teil 1/2)

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Sylvestre Verger, Sammler der "Berliner Mauer"

Dazu gleich. Erst folgen wir der Eröffnung im Historischen Museum, die Hausherr Hans Ottomeyer in Anwesenheit des Französischen Botschafters und des Sammlers Sylvestre Verger vornimmt. Er schlägt einen Haken und bringt uns als Kunsthistoriker erst einmal gewollt auf die falsche Fährte. „Ende des Jahrhunderts entstand wie aus dem Nichts ein neues Genre der Kunst ’Mauerkunst’. Was ist ’Mauerkunst’? Eine Kunst des Widerspruchs gegen die Barriere der Freiheit, die Grenze zwischen den Menschen, das graue unendliche Band zwischen Ost und West.“ Ottomeyer führte dann aus, daß lange vor dem Fall der Mauer, am 9.November 1989, schon mit Bildern gegen den „Wall“ gekämpft wurde und der Bildträger Beton umfunktioniert wurde zu einer Ironisierung des Todernsten.

Erst recht nach dem Fall der Mauer wurde sie vollgemalt, mit Weiß übertüncht, wieder bemalt und wurde zum spontanen bildlichen Ausdruck von jedermann, der mit Farben Hand anlegte. Die im Schlüterhof gezeigte Sammlung allerdings ist keine ’Mauerkunst’, sondern von Künstlern gestaltete Betonstücke, die ihnen aus der Berliner Mauer, dem Original, zur Verfügung gestellt wurden und die sie zur Kunst machten. „Dank gebührt Monsieur Verger für das Angebot, seine Sammlung auf dem Weg von Paris nach Moskau hier zu zeigen. ’Hier’ heißt Berlin, der Focus, auf den die Welt damals schaute und der die Kunst herausforderte. Künstler gingen hin und malten, gaben der gesichtslosen Materie ihr Gesicht und belebten sie. ’Künstler für die Freiheit’ nennt sich die Sammlung aus Frankreich, in der die Originale internationaler Künstler auf Mauerstücken zum Anlaß des 20. Jahrestages des Mauerfalls nun gezeigt werden.“ Der Schlüterhof – das ist der heute überdachte Innenhof des barocken Zeughauses, was das königliche Waffenarsenal war, der älteste noch erhaltene Bau Unter den Linden – sei selten Ausstellungsort, „aber das Besondere braucht einen besonderen Rahmen“. Das Zeughaus war nämlich der Ort, wo die erste deutsche Fahne 1848 auf einem öffentlichen Gebäude gehißt wurde und wo dann die Demonstranten gegen die Parteidiktatur der DDR ihre Plakate niederlegten.

Ottomeyer verwies auch auf die Brückenfunktion Berlins, wenn aus Paris kommend und auf dem Weg nach Moskau, die Kunst aus Mauerstücken bis zum 8. August 2009 in Berlin Station macht, was nicht ohne die substantielle Hilfe des Ministeriums für Kultur und Medien – die Ausstellungsidee kam sehr kurzfristig und war in keinem Museumsetat vorgesehen – und die konkrete Hilfestellung von Heinz J. Kuzdas, Berlin, und Adam Steiner, Paris, gelungen wäre, für die er dankte, vor allem aber dem Sammler Sylvestre Verger für die tonnenschwere Gabe. Dieser gab den Dank zurück, auch an seine Mitarbeiter, die so schnell reagieren konnten, und bekräftigte, daß es immer sein Anliegen gewesen sei, die Berliner Mauerstücke auch in Berlin zu zeigen, was 20 Jahre nach dem Mauerfall eine neue Symbolik gewinne. Sylvestre Verger ging kurz auf die Situation ein, in der die Sammlung schon Anfang der Neunziger hätte zerschlagen werden sollen und er in einem menschlichen und finanziellen Kraftakt diese damals über 20 Stücke zusammenhalten wollte, die nun hier mit 40 Stück aus seiner umfangreicheren Sammlung gezeigt werde und weiter wachse, wie die Neuerwerbungen aus 2009 zeigten.

So wie eine Ausstellung seiner Sammlung in der Heimat der Mauerstücke ein symbolischer Akt sei, seien es auch seine mit Bedacht gewählten bisherigen Ausstellungsorte gewesen. Er gehe mit seiner Berliner Mauer bevorzugt in geteilte Länder wie Zypern oder Korea und erst recht geteilte Städte wie Nikosia. Die Ausstellung in Seoul 2005 wurde zum 60. Jahrestag der Befreiung Koreas von Japan durchgeführt und wie in Zypern habe er auch einem koreanischen Künstler ein Mauerstück zur Verfügung gestellt und dann als dessen Kunstwerk erworben. Dieses Stück haben wir uns dann gleich angeschaut. Übrigens ein sehr interessantes Stück, am Boden liegend und mit zwei Griffen versehen, die einen motivieren, diese Tür zu öffnen, was aber nicht geht, denn unten ist der Betonblock mit Eisenschnüren zusammengebunden. Eine fatale Lebenssituation, die der Künstler Jeon Su Cheon, visuell auf dem Beton ausdrückt.

Sylvestre Verger sprach aber auch darüber, daß er oft gefragt werde, wieso er die Berliner Mauerstücke gerettet habe und weitersammle. Ihm ist als Europäer die Berliner Mauer nicht nur eine deutsche Angelegenheit, ihr Fall ist ein Symbol für ein offenes Zusammenleben der Völker in Freiheit und Frieden und ohne staatliche Unterdrückung. Deshalb sei der inhaltliche Auftrag in dieser Welt noch weiterhin gegeben und er habe sich genug Mauerstücke reserviert, um die Sammlung weiterführen zu können. Die musikalische Einführung der Eröffnung durch eine Cellistin mit Bachs Solosuiten sei eine Hommage an den berühmten, 2007 verstorbenen russischen Cellisten Mstislaw Rostropowitsch, der 1989 vor der Berliner Mauer Bach gespielt habe und damals übrigens von einem französischen Industriellen in Berlin eingeflogen wurde. Es gehe um die Freiheit in Europa, es gehe um die Freiheit der Welt, für die die zur Kunst gewordenen Mauerstücke stehen.

Auch der französische Botschafter ging auf die gegenwärtige politische Weltsituation ein, in der es noch viele Mauern gäbe. Im Aufbruch der freiheitlichen Bewegungen von Völkern seien auch Rückschritte gegeben, die diese Bewegung hemmen und aufhalten. Um so wichtiger sei es, die freiheitlichen Errungenschaften zu feiern. Künstler seien diejenigen, die als geborene Individualisten uns vor Augen führen, was man mit Symbolen der Unterdrückung macht. Sie umzufunktionieren. Er sei stolz darauf, daß in der Sammlung so viele französische Künstler oder Künstler, die in Frankreich leben, aufgenommen seien. Sie stehen für eine kulturelle Durchmischung, denn die Sache der Freiheit und die der Kunst seien international und voneinander nicht zu trennen.

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Über die Ausstellung berichten wir im zweiten Teil.

Ausstellung: bis zum 8. August 2008

Katalog: 1989 Berliner Mauer. Kunst für Europa im Aufbruch, sVo Art Versailles, anläßlich der Ausstellung in der Josef-Haubrich-Kunsthalle Köln 2001

Wenn Sie allerdings noch vielmehr wissen wollen, müssen Sie Heinz J. Kuzdas, den spiritus rector dieser Ausstellung, fragen. Denn er kann ihnen zu jedem Stück die Hervorbringung verraten und auch den Weg der Sammlung durch die Welt nachzeichnen, die er im Namen von Sylvestre Verger maßgeblich begleitet.

www.berlin1989.com

www.kuzdas.eu

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