Der Vollmond war pünktlich und der Präsident gibt Antwort – Serie: 39. Sommernachtsfest der Neustädter „Liedertafel“ auf dem Haardter Schlößchen (Teil 2/2)

Daß er allerdings mittendrinn sein Hand herausholt und ans Ohr hält, verwundert, obwohl man ihm auch das noch zutraut, konzentriert die Einsätze zu geben und dabei einen Plausch zu halten. Ist aber alles ganz anders. Er hatte seine Stimmgabel vergessen und sich die Töne, hier Kammerton A, aufs Handy geladen. Raffiniert. Und nötig war es auch. Denn neben der Motivation, einfach mitzusingen, kommt auch das Vermögen, das zu können, hinzu. Steffen Utech ist aus guten Grund der Meinung, daß er die Leute zu gemeinsamen Singen bringt, selbst hier unter diesen Bedingungen. Deshalb fängt er mit dem Schwierigsten an, was aber sofort in kleine Gruppen zusammenschweißt: dem Kanon.

Es geht mit „Es tönen die Lieder, der Frühling kehrt wieder“ los. Erst gemeinsam, dann die drei Abteilungen, die ohne Übung das gut hinbekommen und sogar auch auf die Dirigentenhand schauen, die das gezogene Ende andeutet. Alles sind auf Anhieb still. Nicht schlecht. Es kommt noch doller und das haben wir – durchaus chorunerfahren – noch nie mitgemacht. Steffen Utech kreiert einen neuen Kanon, in dem er die drei Gruppen einen je eigenen Kanon singen läßt. Neben dem „Frühlingskanon“ sind das „Himmel und Erde“ und „Heute kommt der Hans zu mir“, was für unsere Ohren höchst ungewöhnlich zu einem musikalisch und rhythmischem Genuß wurde.

Das war beim ersten Offenen Singen, das um 20.45 Uhr unter der großen Kastanie (Lageplan Nr. 4) stattfand und sich noch steigerte beim zweiten Treffpunkt um 22 Uhr unter der Zeder auf dem Olymp (Lageplan Nr. 7). Da nämlich ging just der Mond, der Vollmond auf, und „Der Mond ist aufgegangen“ war die Replik der Sängerschar. Das ging schon aufs Gemüt und man dachte sich, wenn Matthias Claudius das hätte erleben können, der sich mit „Der Mond ist aufgegangen, die goldenen Sternlein prangen am Himmel hell und klar; der Wald steht schwarz und schweiget und aus den Wiesen steiget der weiße Neben wunderbar“ in das kulturelle Gedächtnis der Nation geschrieben hatte, denn diese Strophe, die vergißt man einfach nicht und kann sie immer singen. Auf das Romantische folgte das Freiheitsbewegte, denn „Die Gedanken sind frei“ ist auch so ein Ohr- und Gedankenwurm und hat in der deutschen Geschichte und Literatur eine gute Rolle gespielt – und das Hambacher Schloß liegt direkt vor unseren Augen, denn die Pfalz war nicht nur gemütlich, sondern auch besonders freiheitsbewegt.

Das gemeinsame Singen waren schon Höhepunkte, aber ehrlich gesagt, konnte man das öfter sagen. Mit einem Glas Sekt von den Veranstaltern empfangen zu werden, ist schon eine Auszeichnung, wenn man weiß, daß rund 1400 Gäste da waren. Der Bierausschank war immer belagert und die Gläser hoch und voll. Von den Gartenterrassen sprachen wir schon und wie gut es sich dort sitzen und trinken und plauschen läßt, den Panoramablick eingeschlossen. Im Pavillongarten ist das Tanzen angesagt, was die „Freddy Wonder Combo“ erleichterte, weil sie die Beine von alleine zum Zucken und Bewegen brachte. Auf die gespielten Melodien und Schlager kann jeder tanzen, weil es egal ist, ob ein echter Foxtrott oder Rock n` Roll herauskommt. Hauptsache, es tritt einem keiner auf die Füße und Oberhauptsache, es macht Spaß. Das muß so gewesen sein, denn je später es wurde, desto voller geriet die Tanzfläche. Den Zug zur Musik erlebte auch der Jazzkeller, wo die „Blue Note Bigband“ aus Neustadt und Umgebung bis in den frühen Morgen jazzte.

Zu kurz gekommen ist bisher das Schloßbuffet, das sich unter „Volker Krug Restaurant & Kreative Küche Catering“ beliebt machte und im Schloßhof in vier Ständen Exquisites wie auch Deftiges anbot. Die Saumagen-Maultaschen auf Rahmsauerkraut schmeckten besonders gut und machten gleich zwei Personen satt. Aber auch die „Kleine Käseauswahl“ mit hausgemachtem Chutney war besucherfreundlich. Das Essen mußte man sich holen. Die Getränke waren mobil. Viele junge Leute waren bis 22 Uhr mit den fünf Weinangeboten aus der Region unterwegs. Danach gab’s Selbstversorgung beim Zentralausschank, was auch eine gute Übung war, wie gerade einer noch läuft. Aber die Pfälzer sind trinkfest und überhaupt ein freundliches Völkchen, weshalb uns – den Nichtpfälzern und aus der Großstadt dazu – dieses Sommernachtsfest auf dem Haardter Schlößchen so gut gefallen hat, daß wir im nächsten Jahr die 40. Wiederbegehung gar zu gerne mitmachen wollen. Den Termin erfahren Sie rechtzeitig auf der Webseite der Liedertafel. Denken Sie dran, man braucht ein Mitglied als Gewährsmann oder –frau und den Vorverkauf! Und wenn alle Stricke reißen, wenden Sie sich an den Präsidenten des Vereins, der so richtig zufrieden auf seinem eigenen Fest strahlte und uns ruhig und gelassen unsere Fragen beantwortete, obwohl tausend Leute unaufhörlich etwas von ihm wollten.

Wir fragten also den Präsidenten des Vereins „Liedertafel“ und Besitzer des Haardter Schlößchens:

„Warum sind Sie Präsident?“

Frank Sobirey: „Ich habe von Kindheit an in Gruppen agiert, begeistert bei den Pfadfindern mitgemacht und später diese von nur noch sieben Mitgliedern auf weit über hundert führen können. Solche Führungsaufgaben machen mir einfach Spaß, wenn Harmonie ihre Basis ist. Auf die Liedertafel wurde ich konkret 1990 vom damaligen Vorsitzenden Dr. Herzog angesprochen, ein vertrauter Freund der Eltern und mir ein väterlicher Freund. Sein Vorgänger wiederum war nämlich mein Vater, der 1970 anfing und unter dem dieses Sommernachtsfest bei Vollmond kreiert wurde.“

„Worin sehen Sie Ihre spezielle Aufgabe?“

Frank Sobirey: „Menschen zusammenzuführen. Ich sehe mich nicht als Führer, sondern als Koordinator und eben auch als Ideengeber. Allerdings, und das betone ich, will und kann ich das nur in einem Klima machen, das harmonisch ist. Es gab früher im Verein unvorstellbaren Streit. Heute macht es Spaß, gemeinsam Projekte durchzuführen, weil wir innerhalb der Liedertafel ein Netzwerk aufgebaut haben und beide Vereinsziele äußerst erfolgreich verwirklichen: einen ausgezeichneten Chorgesang zu erreichen und Freude beim gemeinsamen geselligen Feiern erleben.

„Auf dem Fest sind ungewöhnlich viele junge Leute, fiel uns auf. Beim gemeinsamen Singen aber waren diese nicht vertreten. Rückschlüsse für den Chor?“

Frank Sobirey: „Ja, da haben Sie recht. 50 Jahre aufwärts gilt für den Chor. Aber für junge Leute ist dieses Chorleben auch nichts, deshalb bemühen wir uns nicht um eine Verjüngung. Die kommen von alleine, wenn sie so 45 Jahre geworden sind, und fühlen sich mit der Kombination von Singen und Feiern wohl. Auf diese Weise haben wir mit rund hundert aktiven Sänger eine gesunde personelle Basis für den Chor, und mit fast 900 weiteren fördernden Mitglieder der Liedertafel die nötige Struktur für erfolgreiche Vereinsarbeit.“

www.liedertafel.com

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