„Der Schlingel hat sich die Welt erobert“ zeigt das Struwwelpeter Museum, Sektion II – Serie zum Zweihundertsten Geburtstag: der Heinrich Hoffmann Sommer 2009 in Frankfurt am Main (Teil 5/10)

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Spielzimmer im Heinrich Hoffmann-Haus in Frankfurt am Main mit Hans guck in die Luft.

Und das kann man im Museum so richtig nachvollziehen. Da liegen und stehen die Bücher in den fremden Sprachen. Wieviele es sind? Unzählige und man kann sich kaum sattsehen an den Gemeinsamkeiten und den Unterschieden. Das fängt mit der Namensgebung schon an. Nein, die japanischen und chinesischen und die arabischen und indischen Ausgaben, die können wir nicht lesen, aber in Englisch nennt er sich shock-headed Peter und auf Französisch sagt man Pierre l’Ebouriffeé, aber im Portugiesischen ist der Name Peter verschwunden und er heißt Joao Felpudo. In mindestens 40 Sprachen übersetzt, kommt hinzu, daß der Struwwelpeter beliebtes Beispiel für Dialekte ist. Der Verlag Michaela Naumann, ganz in der Nähe Frankfurts, bringt ihn nicht nur auf Hessisch, sondern in vielen weiteren Versionen und noch von der Schule her steht zu Hause der auf Latein herum: Petrulus Hirrutus von einem gewissen Henricus Hoffmann. Und übersetzt hat den Eduardo Bornemann, mein Latein- und Griechischlehrer!

Ecce – fu! – statutum

P e t r u l u m h i r r u t u m !

Und die Katzen, ambae feles, rufen Paulinam zu: „Auxilio! Auxilio! Schon komisch, wie auch Roberto volante oder Philippus, puero oscillaci, erst recht der nächste Knabe: Casparus, puero iusculispernaci. Ja doch, das fällt immer wieder auf, daß die später von Hoffmann noch ergänzten Geschichten immer von Jungen handeln, bis auf die eine von Paulinchen und gerade diese ist besonders traurig. Denn nur als Aschehäufchen übrig zu bleiben, ist gar zu wenig. Spannend und uns recht unbekannt auch die deutschen Nachahmer oder Fortsetzer des so erfolgreichen Kinderbuches. „Die Struwwelliese“ gab es schon 1896 und die „Struwwelsuse“ ist aus dem gleichen Jahr, und da ist noch eine „Schreiliesel“, o.D., und 1912 ist die „Struwwelhanna“ daraus entstanden, aber wir glauben es nicht, eine „Struwwelpetra“ von 1870 gibt es auch, oder sollte das 1970 heißen? Und da ist auch „Der Anti-Struwwelpeter“ von Friedrich Karl Waechter und das Buch ist wirklich aus dem Jahr 1970 und ein Ausfluß der Studentenbewegung.

Wir kommen aus dem Staunen nicht heraus. Hier steht ein „Militärstruwwelpeter“ und gar ein „Struwwelhitler. A Nazi Storybook by Doktor Schrecklichkeit“ und „Der ägyptische Struwwelpeter“ ist von 1895 und damals in der 999. Auflage erschienen, ein Buch aus Wien, wo man die Kinderfreude am Struwwelpeter mit der Neugierde auf fremde Kulturen koppelte und die Geschichten des Heinrich Hoffmann im alten Ägypten spielen läßt.

Spielen ist ein Stichwort. Denn die vierjährige Lena ist ja dabei und wir haben beim Stöbern – die meisten Bücher kann man anfassen, aufschlagen, ansehen und lesen – Zeit und Raum und Kind vergessen. Das macht in diesem Museum nichts, denn hier beschäftigen sich die Kinder von alleine, egal welchen Alters. Der Raum zum Beispiel, in dem auf drei Ebenen die Augen der Erwachsenen, die der Kinder und dann noch einmal Kinderhände gleichermaßen zum Recht kommen, ist eine Wunderkammer. Oben kann man den Lebensweg des Heinrich Hoffmann und seiner Weggefährten mit Dokumenten verfolgen, dann gibt es – sozusagen einen Stock darunter, also auf Kinderaugenhöhe – an der Wand Schaukästen, in denen Objekte geboten werden, wie z.B. Originalzeichnungen, aber auch Erstausgaben und das berühmte Tintenfaß, das auf dem Affenstein gefunden wurde und als Urmodell für den Nikolas und die Schwarzfärbung der drei bösen Buben gelten kann. Übrigens die modernste Geschichte, weil man es für kaum glaublich hält, daß Heinrich Hoffmann schon 1844 ein Gespür für Rassismus entwickelt hatte, der ja damals Allgemeingut der Deutschen war.

Und hier finden wir Lena. Denn sie sitzt am Boden und steckt ihre Hände und Arme in die Öffnungen, wo sich Figuren aus dem Hoffmannschen Kinderpark befinden, mit denen die Kinder gut spielen können – und es tun! Einen Stock höher weiten sich die Kinderecken zu Kinderzimmern aus. Ein Kindertisch mit allen nötigen Utensilien lädt zum Malen ein und Scheren zum Ausschneiden. Die Frisiermodelle sind auch nicht schlecht, aber die vielen Kostüme, die im nächsten Raum hängen, sind traumhaft und diese berühmte Fotodrapierung, wo die Figur aufrecht steht, nur das Gesicht leer bleibt und man von rückwärts den eigenen Kopf durchstreckt und dann selber zum Struwwelpeter geworden ist, wird fleißig frequentiert. Das schmeckt hier alles nach Schulkindern und nebenan sieht man auch die Tische und Bänke, wo die Schüler nach der Kunst ihre Pausenbrote verzehren, denn hier wird keiner zum Suppenkasper.

Wir aber staunen weiter, denn im Treppenhaus und dann noch einmal an den Wänden in Vitrinen kann man die „Struwwelpeterdevotionalien“ bewundern. Wie in den Wunderkammern der Fürstenhöfe sind hier Uhren, Lesezeichen, Schokolade, Tabletts, Eier („Ich esse Eier von freien Hühnern..) ausgestellt, die Struwwelpetermotive tragen oder wo dem handelnden Personal des Herrn Hoffmann entsprechende Sprüche in den Mund gelegt werden. Kaum glaublich, was da alles zusammenkommt und sicher gut verkauft wurde, denn längst ist der Struwwelpeter ja eine Marke geworden, an deren Bekanntheit und Beliebtheit sich gerne Geschäftstüchtige dranhängen.

Und wir haben das Problem, das man sonst in Museen mit Kindern nicht hat. Lena will nicht gehen. Und der Kompromiß lautet dann, daß auch die Erwachsenen oben im Spielzimmer ihre Geschicklichkeit zeigen müssen – verdammt schwer, mit einem engen Zeigegerät die Drahtfigur nachzufahren, ohne an sie anzustoßen, was quietschende, schreckliche Töne produziert, die einem durch Mark und Bein gehen, so daß man aus Schreck gleich wieder daranstößt und die Qual verlängert. Beim Bällewerfen stellen wir uns geschickter an und das mit dem Magneten, ha, das ist ja babyleicht. Und Erwachsene, die etwas können, die langweilen Kinder. Deshalb will Lena jetzt auch gehen.

www.frankfurterbuergerstiftung.de

Gängige Struwwelpeterausgaben:

Der Struwwelpeter. Mit einem Nachwort von Peter von Matt, Reclam, Stuttgart 2009

Der Struwwelpeter, Schreiber, Esslingen 1992

Bis zu seinem Todestag am 20. September werden in Frankfurt viele Ausstellungen diesen Heinrich Hoffmann Sommer begleiten, auf die wir noch eingehen.

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