Der Chemnitzer „Küchwald“, ein Denkmal für Glanz und Glamour

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Eissporthalle am Chemnitzer Küchwald. © Eissportzentrum Chemnitz

Chemnitz, Berlin, Deutschland (Weltexpress). Die Eishallen im Chemnitzer Küchwald wirken wie in Beton gegossenen Filmkulissen. Der Coronvirus vertrieb in diesen Tagen auch aus dem sächsischen Eisheiligtum jedes Leben. Anett Pötzsch-Rauschenbach guckte vor einigen Tagen wenigstens von weitem an den Stätten vorbei, in denen sie zum Weltstar auf Kufen empor stieg.

Ein solches kompaktes Erfolgspotential gab es trotz Katarina Witt bis zum heutigen Tag nicht mehr. Fast auf den Tag genau vor 40 Jahren glitzerte nämlich Ende April 1980 genau in dieser „Kulisse“ Glanz und Glamour. Die damals 19 Jahre alte Anett Pötzsch musste immer wieder ihre Goldmedaillen als Olympiasiegerin und Weltmeisterin zeigen. Jan Hoffmann feierten die Zuschauer als Weltmeister und Olympiazweiten und das Dresdner Paar Manuela Mager/Uwe Bewersdorf ließen die Zuschauer als Vizeweltmeister hochleben.

„Es war ein wunderschönes Jahr. Ich erinnere mich gern daran. Aber das war einmal“, sagt die einstige Startrainerin Jutta Müller ungewohnt leise. Auf unsere Frage ob sie krank sei, antwortete die 92-Jährige allerdings gewohnt schlagfertig: „Nicht krank, aber alt.“

Anett Pötzsch-Rauschenbach. „Der Namen Rauschenbach kann gestrichen werden, den lege ich ab“, verrät uns die Olympiasiegerin und Mutter der zwei erwachsenen Töchter Claudia (36) und Cindy (26). Natürlich kann sich die 59-Jährige Frau Pötzsch noch genau an 1980 in Lake Placid und Dortmund erinnern: „In den Medien schien es, als müsse die Amerikanerin Linda Fratiane die Goldmedaille nur noch abholen.“ Fratiane stürzte sich in der Tat dann auch wie eine Siegerin zum „Auf in den Kampf“ von Bizet ‚Carmen‘ in die eiskalte Arena.

„Ein bisschen war ich geschockt und sprang den dreifachen Salchow nur doppelt, doch dann lief es immer besser. Ich holte den Salchow nach und bekam Höchstnoten. Unglaublich. Ich war Olympiasiegerin. Da verschlug es sogar Frau Müller die Sprache.“ Fünf Wochen später bei der WM in Dortmund verhalf ihr dann bereits das gestiegen Selbstwertgefühl einer Olympiasiegerin zu einem sicheren Auftreten bei Pflicht, Kurzprogramm und Kür. Nach diesem Erfolgsjahr mit der Goldstrecke von EM, WM und Olympia trat Anett Pötzsch mit gerade 20 Jahren zurück.

Im Hintergrund begann der Stern von Katarina Witt zu leuchten. Das erkannte auch Anett Pötzsch, die ein Studium an der DHfK in Leipzig aufnahm und später dort lange Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig war. „Leider musste ich dann zusehen, wie wir abgewickelt wurden. Die Hochschule könnten wir heute noch gut gebrauchen“, schaut Frau Pötzsch etwas traurig zurück. Die zweimalige Weltmeisterin wohnt jetzt in Heppenheim und arbeitet als Trainerin in Mannheim beim MERC.

„Da wir nicht trainieren können, war ich jetzt ein paar Wochen in Chemnitz zu Betreuung meiner Eltern. Mutter ist 88 und Vater 89. Frau Müller habe ich von weitem wegen der Ansteckung gesprochen. Diese Woche geht bei uns das Training wieder los.“

Anett Pötzsch gehört übrigens zur Gruppe der „Technical Spezialist’s“, die bei Wettkämpfen darauf achten, dass die angekündigten Elemente auch korrekt ausgeführt wurden. „Zuletzt war ich bei den Vier-Kontinent-Meisterschaften im Februar in Südkorea im Einsatz. Danach wurden alle internationalen Eiskunstlauf-Veranstaltungen abgesagt.“

Der zweimalige Weltmeister und Arzt Dr. Jan Hoffmann kam deshalb weder bei der EM noch bei der WM als Preisrichter zum Einsatz. Über mangelnde Beschäftigung kann er dennoch nicht klagen. In seiner Arzt-Praxis in Radeberg warten immer Patienten, um sich von ihren orthopädischen Leiden kurieren zu lassen.

Das Paar Mager/Bewersdorf zeigten als erstes Paar der Welt den dreifachen Wurf-Rittberger. Diplom-Trainer Uwe Bewersdorf (61) wechselte den Beruf und arbeitet als Bilanz-Buchhalter in Baden-Würtemberg. Dorthin hatte es bereits 1983 nach einem Ausreise-Antrag mit ihren Eltern auch Manuela Mager (57), heute Holzapfel, verschlagen. Jutta Müller kann kaum noch aus dem Hause. Doch von ihrem Balkon sieht sie den Küchwald und da meint sie: „Es ist zwar alles Vergangenheit, aber die Erinnerungen sind doch immer wieder schön.“

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