Cosima von Bonins „The Fatigue Empire“ im Kunsthaus Bregenz im Schnelldurchlauf – Serie: Bregenzer Festspiele 2010 mit dem Schwerpunkt: „In der Fremde“ (Teil 3/3)

0
352
Cosima von Bonin: Ausstellungsansicht 2. OG, Kunsthaus Bregenz

Sagen wir es so. Ihre Arbeiten sind zumindest verständlicher als die Texte darüber. Ob und inwieweit diese unter dem Titel der ’Ermüdung’ der Welt zusammengefassten, gerade erst im Gegenteil für diese Ausstellung fleißig zusammengetragenen 55 Werke dem Kunst- und Lebensbesucher viel zu sagen haben, kann nur jeder für sich entscheiden. Insofern ist die Übertitelung der diesjährigen Bregenzer Festspiele, anlässlich derer wir jährlich auch das Kunsthaus und seine Ausstellungen würdigen – das Vorarlberger Landesmuseum fällt dieses Mal und die Folgejahre aus, es wird totalsaniert und erst Ende 2012 wiedereröffnet – und die diesmal „In der Fremde“ lauten, auch für diese Ausstellung gar nicht so abwegig. Entweder fühlt sich der Betrachter fremd oder er konstatiert, daß sich die Hasen und vielfältigen Krustentiere wohl ziemlich fremd in diesem Haus fühlen müssen, abgesehen davon, daß sie todmüde zu sein scheinen, was bei Hasen und Plüschhunden an den herabhängenden Löffeln/Ohren leicht herauszulesen ist, was uns aber bei den Shrimps, den Garnelen und dem Hummer einfach nicht zu entdecken gelingt, ob sie wach, müde – woran erkennt man die Ermattung des Hummers? – oder einfach tot sind, dem Zustand, in dem der Normalbesucher sie am ehesten verspeist.

Es kommt ja noch hinzu, daß mit Stoff nicht gespart wird, ja auch nicht mit Stickerei und die Art und Weise, wie hier andersfarbiger- und artiger Stoff auf ein größeres Stück appliziert wird, mit tausend kleinen Stichen nämlich – macht wieder einmal klar, daß der Handarbeitsunterricht an unseren Schulen fehlt, sonst müsste Cosima von Bonin für diese Fertigkeiten nicht Haute-Couture-Näherinnen – aus Paris, imaginiert man sofort – beschäftigen. Im Ernst, müsste die ehemals blühende Vorarlberger Textilindustrie dieser Künstlerin Kränze winden, denn wo findet sich nach Rosemarie Trockel soviel Stoff für Strick- wie Verhaltensmuster. Verhaltensanweisungen gibt es auch. Oben soll man anfangen, im dritten Stock. Aber nicht diese schönen steilen und nicht aufhörenden Treppen zwischen den glänzend polierten Betonwänden emporschreiten, – ganz schön blöde, wer sich diese Mühe macht, meint wohl das Schild „Wer die Treppe nimmt, ist selber schuld“ –, sondern man soll mit dem Aufzug fahren. Leider oder Gott sei dank gehören wir noch dieser einst antiautoritären Menschengruppe an, die sich durch solche Vorschriften nicht vom Aufwärtsschreiten abbringen lassen, was man nicht mit Masochismus verwechseln sollte.

Problematisch war allenfalls die Zeit. Denn anders als in der übrigen Zeit, schließt das Kunsthaus zu Festspielzeiten am Donnerstag schon um 20 Uhr, nicht um 21 Uhr , wie angeschlagen – was wir zudem nicht verstehen können, beginnt doch die Seebühne mit den rund 7 000 Besuchern erst ab 21.15 Uhr. Also los! Wir haben uns “01 The Bonin/Oswald Empire’s nothing #04 (CVB’s purple kikoy sloth rabbit on pink table & MVO’s kikoy song), 2010” sehr gründlich angesehen und eher oberflächlich der Musik mittels der Kopfhörer gelauscht. Nein, stimmt nicht. Wir haben gut zugehört und nur, als wir merkten, daß die Musik rhythmisch auf den Herztönen beruht, rasch aufgehört, denn davon schläft man in der Regel ein; aber das geht ja nicht, wo man hergekommen ist, um die Ermüdeten zu beobachten. Echt, dieser Hase ist erledigt. Oder ist ’rabbit’ nicht das Kaninchen? Wie ein der Wiege entwachsener Lümmel, oder auch wie in den modernen Pathologiekrimis die Toten, liegt er rückwärts da und alles, was die Bahre nicht trägt, fällt herunter: Ohren und Vorderläufe. Aber, aha, wenn man nun glaubt, dieser Hase-Karnickel habe die Augen geschlossen, sieht man bei genauem Hinblick: er hat gar keine Augen. Also kann er sie auch nicht schließen und der, der nicht genau hinschaut, denkt sich dann, er habe die Augen geschlossen. Aber nicht mit uns!

Auch bei den nächsten Tierchen kommen die Pläsierchen. Denn, daß die Krabbe orangerot ist, dagegen haben wir nichts, ja hatten es auch als künstlerische Farbe vermutet. Nur ihr Zustand ist ein erbärmlicher und ehe wir sie bedauern, müssen wir weiter und haben schon wieder solch einen degenerierten Karnickel-Hasen vor uns, der überdimensioniert aus einem weißen Unterteil ragt. Wir hatten keinen Zollstock und kein Metermaß dabei, denn wir hätten gerne seine Größe angegeben, auch die der Löffel. Und auch die genaue Bezeichnung seines Oberflächenmaterials. Aber hier steht nur, „Größe und Material variabel“, was uns nicht weiterhilft, aber immerhin zufrieden zurücklässt, daß einige deutsche Wörter sich in die auf Englisch vorgestellte Werkauswahl hineingeschlichen haben. Wir schließen uns der Kritik einer Kollegin an, die schrieb, diese Manie, alles auf Englisch auszudrücken, was ja amerikanisch meint, sei von gestern und nicht mal bloß affirmativ, was zu Zeiten des Teddy Adorno ja noch ein Schimpfwort war. Das Kunsthaus Bregenz steht in Österreich, nahe der Grenze zur Schweiz und Deutschlands und nichts spricht dagegen, die Künstlerwerke auf Deutsch zu betiteln, unabhängig davon, wer der Künstler oder die Künstlerin ist. Noch alberner, wenn diese selbst Deutsche ist, und da helfen auch keine Ausreden vom Kunstmarkt oder Galeristen/Vermarkter. Das ist einfach daneben und unmodern.

Die Fliegenpilzgruppe gefällt uns, weil das Reinweiß der Oberfläche erst recht unsere gepunktete Farbphantasie in Gang setzt und wir darum auch von Fliegenpilzen schwadronieren, statt korrekterweise Pilze zu sagen, denn es sind unterschiedliche Exemplare in „Loden, Baumwolle, Filz, Schaumstoff“, die auf einem Transportwagen stehen und 270 Zentimeter nach oben ragen mit den Zusatzmaßen 230 x 120 cm. Später wird es schwierig, diese Tierchen noch auseinanderzuhalten. Eindeutig ein Kücken, sagt ja auch die Bezeichnung „chick“, das hier auf prominenter Schulbank hängt und ganz und gar nicht schick ist. Wir sind immer noch im dritten Stock und entdecken bei „Lacancan, 2010“ offene Augen am Tier!

Im zweiten Stock ist gegen die Erfahrung „10 Nothing # 04 (The End), 2010“ aus Wolle und Baumwolle präsentiert. Zwar lehnt dies auf 230 x 298 Zentimeter aufgeblähte Ende dekorativ an der Schlußwand, aber davor entfaltet sich im ganzen Stockwerk ein Baustellenarrangement, das es in sich hat. Hier wird abgesperrt und ausgesperrt, eingesperrt und der Kimono im Schottenkaro fristet so trägerlos ein trauriges Dasein mitten im Käfig. Wo ist bloß der Pinochchio geblieben? Eben saß er noch mit langer Nase wie ein Wimbledonschiedsrichter oder auch ein Bademeister auf der Suche nach Ertrinkenden. Und nun ist er weg! Die Autos dagegen stehen da und wir finden nicht, daß sie das Zentrum dieser Ausstellung sind. Sei es der „Toyota Real, 2010“ oder der aus Pappe und auch die Holz (Fichte)-Pappe Rückfront des „Code Pink Report, 2010“ reißt uns nicht zu Begeisterungsstürmen hin, trotz oder wegen der rotkarierten und rotgestreiften Kleinbürgerei.

In der ersten Etage entfaltet sich die ganze Stoff und Applizierkunst dieses erschlafften und ermüdeten Künstlerreiches. Nichts, was es nicht gäbe? Eigentlich ist die Herkunft den Dingen noch anzumerken. Riesengroß werden die schwedisch-finnischen Tücher, wenn man sie aneinandernäht. Wozu? Das entschlüsselt sich genauso wenig wie die applizierten „Bubbles“ allerorten, die die Ausstellung bis zu 55 Teilstückchen anwachsen lassen. Da halten wir es lieber mit den aufgestickten Bambis und Seepferdchen, immerhin Wolle und Baumwolle in der Größe 273 x 251 Zentimeter. „22 Nothing # 01“ heißt das Werk. Wir befürchteten es schon und lesen zusätzlich „Taverne au fatigue empire“. Damit lassen wir Sie nun alleine, denn zu Ausstellungsstück 38 „Nothing # 5 (www.feminist-point-scoring.com), 2009, fällt uns nichts mehr ein. Probieren geht über Studieren.

* * *

Ausstellung: Bis zum 3. Oktober 2010

Den Katalog „The Fatigue Empire. Das Internationale Wollsekretariat 1989-2010“, hrsg. vom Leiter des Kunsthauses, Yilmaz Dzierior, wird es erst im Oktober geben. Wir berichten dann.

Leider, leider können wir nicht erneut nach Bregenz und versäumen das Kub-Projekt „Horizont Field“ ab dem 31. Juli 2010, wo Skulpturen von Antony Gormley, der uns bei seiner Ausstellung im Kunsthaus außerordentlich beeindruckte, im alpinen Hochgebirge Vorarlbergs in den Himmel ragen werden. Die Vorstellung davon haben wir auch so und denken uns, daß die nackten Männerkörper im Sommer der Hitze wegen textillos sind, im Winter aber arg frieren werden. Des Nachts auch.

Bei den Bregenzer Festspielen spielt bis zum 22. August fast täglich Verdis „Aida“ auf der Seebühne.

Weitere Aufführungen der Oper „Die Passagierin“ von M. Weinberg im Festspielhaus sind am 26. , 28. und 31. Juli

Die Bregenzer Produktion ist eine Koproduktion mit dem Wielki Teatr Warschau, wo Aufführungen 2010 stattfinden, der English National Opera London (2012) und dem Teatro Real Madrid (2012), aber auch noch an anderen Orten.

Eine weitere Oper von Weinberg „Das Porträt“ hat am 31. Juli um 19.30 im Theater am Kornmarkt Premiere. Auch symphonisch erklingt Weinberg sowie in der Reihe „Musik & Poesie“ Stimmen aus der inneren Emigration, wo Mandelstam und Brodsky, Anna Achmatowa und die Zwetajewa mit Weinberg assoziiert werden. Zudem wird vom 31. Juli bis 2. August 2010 ein Weinberg-Symposium „In der Fremde“ im Festspielhaus stattfinden.

Internet: www.kunsthaus-bregenz.at, www.bregenzerfestspiele.com

Anzeige