Choriner Musiksommer 2019 mit reizvollem Programm – Die musikalischste Wiese in Brandenburg lädt wieder ein

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Klosterkirche in Chorin
Am Ort des Musiksommers in Chorin. Quelle: Pixabay

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Wenn ein Ministerpräsident über Kultur spricht, spricht er Goldene Worte. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) stellt ganz richtig fest, der Rasen im Innenhof des Klosters Chorin sei »die musikalischste Wiese unseres Landes» und die Klosterkirche die »romantischste Konzerthalle». Tatsächlich ist das Kloster Chorin seit 1964 ein Magnet für Musikfreunde aus Berlin, Brandenburg und weit darüber hinaus. Beliebtester Platz ist der Rasen im Innenhof, von vielen bevorzugt, weil man dort zwanglos lagern und essen und trinken kann, solange trockenes Wetter ist. Aber auch auf Gewitter sind die meisten eingerichtet. Die Masse der Besucher sitzt natürlich im Kirchenschiff mit 1700 bis 2000 Plätzen, letzteres stets gut gefüllt. 2017 zählten die Organisatoren 24 000 und 2018 23 500 Besucher. Was als Betriebsfest des DDR-Instituts für Forstwissenschaft Eberswalde begann, ist heute zum Klassiker unter den deutschen Musikfesten geworden.

Vom 22.Juni bis zum 25. August 2019 findet der Choriner Musiksommer zum 56. Male statt. Geboten werden an Sonnabenden und Sonntagen 17 Konzerte und ein Kinderkonzert. Allen voran tritt das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt unter seinem neuen Chefdirigenten Jörg-Peter Weigle mit drei Konzerten auf. Gleich zu Beginn ein Paukenschlag wird das Konzert am 23. Juni mit Brahms´ Klavierkonzert Nr. 1 und der 15. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch sein. Anläßlich des 200. Geburtstages Theodor Fontanes geht das Orchester am 13.Juli den Beziehungen von Richard Wagner und Theodor Fontane nach, mit Auszügen aus »Die Walküre» und »Parsifal» sowie mit Texten Fontanes zu Wagners Musik. Die Texte liest Dominique Horwitz, bestimmt ein interessanter Sprecher, wenn die Übertragung klappt, denn zu oft war zu erleben, dass Ansagen auf der Bühne in der Tiefe der Halle untergehen. Ein Schmankerl verspricht am 24. August das Programm des ersten Akademie-Konzerts zu werden, das Mozart am 23. März 1785 in Wien gab: geboten werden 12 Stücke, gewissermaßen Mozart satt.

Orchester der Hauptstadt

Prominent vertreten sind die Orchester aus der Hauptstadt. Zur Eröffnung am 22. Juni führen das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und das Vocalconsort Berlin unter der Leitung von Wladimir Jurowski Joseph Haydns Oratorium »Die Jahreszeiten» auf. Das Orchester der Komischen Oper läßt am 29. Juni mit Meisterwerken von Wolfgang Amadeus Mozart, Sergej Prokofjew und Benjamin Britten unter Leitung des neuen Generalmusikdirektors Ainars Rubikis keine Wünsche offen. Die Deutsche Oper Berlin wird am 27. Juli mit ihrer Big Band gute Laune erzeugen.

Nach langem Anlauf zum zweiten Male in Chorin, bestreitet das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Leitung von Alexandre Bloch das Abschlusskonzert am 25. August mit dem Cellokonzert Nr.1 von Camille Saint-Saens, gespielt von Daniel Müller-Schott, sowie mit Werken von Robert Schumann und Ernest Chausson. Auch das Konzerthausorchester ist dabei – mit der kleinen Form in Gestalt des »Ensemble Voix et Violes», in einem Festkonzert am 20. Januar im Kleinen Saal des Konzerthauses am Gendarmenmarkt, das vor allem dem Dank an die ehrenamtlichen Helfer des Musiksommers gewidmet ist. Das Orchester selbst ist damit ziemlich unterfordert, gehört es doch gewissermaßen zum künstlerischen Grundkapital des Choriner Musiksommers. 1968 fiel ein geplantes Konzert der Poznaner Nachtigallen wegen plötzlich erhöhter Visagebühren aus. Auf Bitte des Künstlerischen Leiters Gunther Wolff sprang das damalige Berliner Sinfonieorchester ein, und kein Geringerer als Kurt Sanderling dirigierte. Das Orchester war in Chorin immer da, Jahr aus, Jahr ein.

Zur guten Tradition des Musiksommers gehörten auch die Berliner Symphoniker, die besondere Sympathie auch deshalb genossen, weil sie, wären sie nicht so ausdauernd, von der Sparpolitik des Berliner Senats zum Verstummen gebracht worden wären. Sie wurden 2015 vom damaligen Künstlerischen Leiter Christoph Drescher ausgebootet. Drescher brach auch sein Versprechen, sie spätestens 2016 wieder einzuladen. Auch 2019 fehlen sie wieder. Unverständlich, denn das Orchester hat in seinem Repertoire bedeutende Werke jüdischer Komponisten, die aus Deutschland und den okkupierten Ländern hatten fliehen müssen und in Palästina und Israel Kompositionen schufen, die in Deutschland unbekannt waren. Die Berliner Symphoniker besorgten 2017 die deutsche Erstaufführung des Klavierkonzerts op. 41 von Paul Ben-Haim und des Klavierkonzerts Nr.1 von Josef Tal sowie die Uraufführung des bestechenden Violinkonzerts Joseph Kaminskis. Jüngst spielten sie auch Werke von Erwin Schulhoff, Ernst Trog und Erich J. Wolff, die sie dem Vergessen entreißen. Es hätte dem Choriner Musiksommer gut zu Gesicht gestanden, 80 Jahre nach der Pogromnacht vom 9.November 1938 die Musikfreunde mit unbekannten musikalischen Perlen bekannt zu machen. Leider hat der neue Künstlerische Leiter Peter Sauerbaum einen Hinweis noch überhört.

Über das blaue Band der Oder

Völkerfreundschaft ist in Chorin Tradition. Über »das blaue Band der Oder» kommen die Poznaner Philharmonie (30.Juni), der Knabenchor »Poznaner Nachtigallen» (6.Juli) sowie die Szczeciner Philharmonie (7.Juli). Besonders interessant ist das Lutoslawski Jugendorchester, das sich am 8.August mit dem hochvirtuosen Violinkonzert Mieczyslaw Karlowiczs und Tschaikowskis 5. Sinfonie vorstellen wird. Das Orchester des Nationaltheaters Prag spielt am 4.August Beethovens Tripelkonzert und Schuberts 5. Sinfonie. Der serbische Stargeiger Nemanja Radulovic wird am 10. August mit dem Orchester »Double Sens» eine Mischung aus Barock, Klassik und Evergreens darbieten. Feines für Liebhaber werden die Regensburger Domspatzen (20.Juli) und das Blechbläserensemble Ludwig Güttler (17.August) bieten. Eine interessante Kombination bilden das Vokalensemble »amarcord» und das Hornquartett »german hornsound» (11.August).

Solokonzert für Kinder mit Ragna Schirmer, Klavier

Eine souveräne Rolle hat die Pianistin Ragna Schirmer. Sie wird im Kinderkonzert am 21. Juli um 12 Uhr Stücke von Beethoven sowie von Robert und Clara Schumann spielen und am Nachmittag mit dem Mendelssohn Kammerorchester Leipzig Clara Schumanns Klavierkonzert sowie Beethovens Klavierkonzert Nr. 4. Insgesamt wird es 2019 weniger Programme geben, die auf das Schauen angewiesen sind, was für die Besucher auf den Rasenplätzen, die die Bühne nicht sehen können, wohltuend sein wird.

Zu Höherem berufen fühlt sich »das Team» des Musiksommers mit einer Sonderveranstaltung mit Talk und Musik am 17. August um 20 Uhr. Sie ist dem 30. Jahrestag des Mauerfalls und seinen weitreichenden Folgen gewidmet. »Sie ermöglichten letztlich die Veränderung Europas bis hin zur Gründung der Europäischen Union», liest man im Programmheft. Aus diesem Anlass wurde Peter Gotthardt mit einer Komposition für Klavier und Chor, »Clocca Domini», beauftragt. Dem halbstündigen Werk ist eine prominent besetzte Talkrunde mit dem Komponisten, dem Mitbegründer der Schaubühne am Halleschen Ufer, Jürgen Schütthelm, »und weiteren Gästen» vorgeschaltet. Das Programm setzt politisches Interesse voraus, denn der Besucher, der neue Musik hören will, könnte Gerede vor dem Konzert eher als störend empfinden. Es sei niemandem benommen, erst in der Pause zu kommen, meint der Geschäftsführer Lars Döbler. Die Euphorie des Teams scheint befremdlich, die Folgen des Anschlusses bedenkend, wenn allein in Eberswalde die Arbeitsplätze zweier Großbetriebe von 1989 bis 2018 von 4500 auf 270 geschrumpft sind.

Die Konzerte beginnen im Allgemeinen um 15 Uhr. Nach wie vor gibt es eine kostenlose Busverbindung zwischen Bahnhof Chorin und Kloster Chorin. Einen zusätzlichen Shuttle-Service »hin und weg» bietet Berlin-Express vom Zentralen Busbahnhof und vom Ostbahnhof nach Chorin und zurück für 19,90 Euro pro Person (Anmeldung unter 030 992 888 880).
Info: www.choriner-musiksommer.de

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