Captain`s Dinner auf dem Kummerower See – Mini-Kreuzfahrt auf dem „Amazonas des Nordens“

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Einfach nur rundum zufrieden auf der Peene mit SAXONIA

Zwischen ihrer Mündung östlich des vorpommerschen Städtchens Anklam und Malchin am Kummerower See ist der mit über 100 Kilometern längste und tiefste Fluss des nordöstlichen deutschen Bundeslandes schiffbar (nach ihm wurde auch Deutschlands größtes Schiff, der 322.000-Tonnen-Bulkcarrier "Peene Ore", benannt). Er gilt außerdem als das idyllischste Fließgewässer Norddeutschlands. Flora und Fauna des Grenzflusses zwischen den Landesteilen Mecklenburg und Vorpommern sind außergewöhnlich und naturgeschützt. Ein unzerstörtes, kaum besiedeltes Paradies, das kürzlich dafür mit einem Award für sanften Tourismus ausgezeichnet wurde.

Erstmals ist das Revier seit Juli/August 1997 auch Nicht-Wassersportlern zugänglich. „Schuld“ daran ist die Oder gewesen. Ihr Hochwasser hielt die Schifffahrt in den ostseenahen Boddengewässern fest, da die Flussbrücken nicht mehr passierbar waren. Kapitän Johann Magner hat daraufhin – wie auch im Juni 2010 – aus der Not eine Tugend gemacht. Statt auf der bisherigen Sommerroute Berlin-Stettin-Rügen-Hiddensee-Stralsund zu fahren, hat er, damals noch mit der "Königstein", spontan den Kurs geändert und die Peene angesteuert. Die erfreulich große und positive Resonanz hat ihm Recht gegeben.

Maßgeschneiderter Peene-Riese

Die mit 82 Meter Länge, 9,5 Meter Breite und nur 1,10 Meter Tiefgang vermessene „Saxonia“ passt wie maßgeschneidert zum Fluss. "Wo es zu eng wird, kann man auch keine Fehler machen", meint Magner augenzwinkernd, denn „das Schiff ist breiter als der Fluss“. Die „Saxonia“ ist der einzige Kreuzfahrer im Revier, der hin und wieder in der Saison befahren wird.

Von Stralsund und Greifswald kommend, läuft der schmucke weiße 1100-Tonnen-„Dampfer“ die Hafenstadt Wolgast an. Die liegt am Peene-Strom, der seenartigen Erweiterung zwischen dem Usedomer Achterwasser im Westen und dem Stettiner Haff im Osten.

Die Zugbrücke, das „Blaue Wunder“, reckt ihre blauen Arme in den Sommerhimmel: freie Durchfahrt für den Liner, vielfach bestaunt und fotografiert.

Drei Stunden geruhsame Fahrt über den Fluss-See, gesäumt von Steilufern im Wechsel mit Feld-, Wald- und Wiesenabschnitten. „Die stille Wasserlandschaft wirkt beruhigend auf uns, richtig erholsam.“ Das Ehepaar aus Wismar räkelt sich wohlig in seinen Liegestühlen auf dem weitläufigen Oberdeck mit Rundumsicht: "Die Reise haben wir uns zur Goldenen Hochzeit geschenkt, denn an der Peene sind wir groß geworden." Weitere 63 Passagiere – maximal können es 88 sein – aus ganz Deutschland sind mit von der Wasserpartie. Sie logieren in 44 geschmackvoll und zweckmäßig eingerichteten Außenkabinen mit allem Kreuzfahrtkomfort.

Genügend Wasser unterm Kiel

Hinter der Zecheriner Brücke, die Usedom mit dem vorpommerschen Festland verbindet, schimmert silbern der Peene-Fluss. Mit dem Wärter ist über Funk eine Sonderöffnung außerhalb der festgelegten Zeiten vereinbart worden. Es gilt, den Fahrplan einzuhalten.

Konzentration bei der Fahrt durch Anklam. Die geöffnete Eisenbahnbrücke, die Berlin und Stralsund verbindet, lässt gerade mal einen Meter "Spielraum" an jeder Seite. „Mit 1000 PS und Bugstrahlruder und zwei Fernsehmonitoren kein Problem“, winkt Kapitän Magner ab, der das Schiff jetzt vom Backbord-Außerfahrstand dirigiert. Steuermann Pavel fordert aus Sicherheitsgründen dazu auf, die Köpfe einzuziehen.

Über die Wechselsprechanlage melden er und die Matrosen von achtern den jeweiligen Abstand Schiff-Brücke. Dann wie erlösend: „Geht klar, Kap ´tän!“ Ohne auch nur im Leisesten zu berühren, rutscht das lange Schiff hindurch. "Wenn Brücken trotz allem noch zu niedrig sind, kann der Tiefgang auch bis auf 1,60 Meter erhöht und damit die Schiffshöhe reduziert werden. Dazu wird Ballastwasser in die Tanks gepumpt", erläutert Magner den "Trick".

„Unter dem Kiel haben wir genug Wasser“, beruhigt Magner die Skeptiker. „Die natürliche Tiefe des Flusses liegt zwischen drei und vier Metern, das Gefälle beträgt auf 100 Kilometer gerade mal 28 Zentimeter. Weil die Strömung so schwach ist, können wir mit Tempo 12 zu Berg fahren.“ Die Freuden der Langsamkeit und Entschleunigung sind für viele eine Neuentdeckung. Bei entsprechenden Windrichtungen strömt das Wasser sogar gegen die eigentliche Fließrichtung. Das Echolot bleibt sicherheitshalber in Betrieb.

Appetitanregende Düfte

50 Kilometer Beschaulichkeit bis zum Landstädtchen Loitz. Nur hin und wieder ein verträumt daliegender Angelkahn. Zugewucherte Torfstiche zweigen wie Zinken eines Kammes vom Ufer ab. Erlenbruchwälder und Schilf gleiten als grüner Film vorüber. Durch die würzige Luft segeln riesige Weißkopfseeadler. „Ich glaub ´, ich bin im Wald, „schwärmt ein Hobby-Ornithologe. „Da kann ich die Seele baumeln lassen“, sinniert ein Berliner.

Hotel-Managerin Katia, „guter Geist des Hauses“, unterbricht die Idylle. Essenszeit. Die Speisekarte des Chefkochs Carsten verheißt Kulinarisches: Putenbrust an Waldorfsalat, Rinderkraftbrühe, Lammrückenfilet an Madeira, Blumenkohl nach polnischer Art mit Kartoffelzöpfen, Himbeerquark. Die „One-Man-Band“ der bulgarischen Musikerin sorgt für dezente Piano-Untermalung. Der Heu- und Kräuterduft, der von den Ufern durch das gediegene Restaurant weht, wirkt zusätzlich appetitanregend.

Achtung: Biber kreuzt!

Aufregung, als ein Biber knapp vor dem Schiff die Ufer wechselt. Die Tiere wurden hier ausgewildert und sind schnell heimisch geworden. Fischreiher segeln lautlos in den Schilfsaum. Rehe halten beim Äsen inne oder schnellen in eleganten Sprüngen davon.

Johann Magner tastet sich durch die scharf gekrümmten Flussschleifen. Plötzlich aus dem Schilf eine Stimme: „Ist das aber ein Mordskasten!“ „Der wird gleich noch länger!“, ruft jemand schlagfertig zurück.

Bald reckt sich der spätromanische Turm der St. Bartholomaei-Kirche der aufstrebenden Hansestadt Demmin über das grüne Meer. "Die hier in die Peene mündenden Flüsschen Trebel und Tollense haben den Begriff ´Drei-Strom-Land` geprägt. Seit der Hansezeit herrschte hier reger Schiffsverkehr und 1855 kam der erste Dampfer aus Stettin. Sichtbares Zeichen für den regen Handel sind die Getreidespeicher am Hafen", erläutert Reiseleiterin Monika.

Drei schwierige Brückendurchfahrten sind zu bewältigen, sogar die Reling muss umgelegt werden. Die Kadenbrücke mitten im Ort verlangt höchste Manövrierkünste. Das 82-Meter-Schiff ohne Kratzer um die Ecke zu bugsieren, grenzt an Zauberei. Johann Magner bleibt auch hier „cool“, trotz frühsommerlicher Temperaturen. Die Seh-Leute an Deck und am Ufer verfolgen wie gebannt das Schauspiel.

Urwald-Impressionen

Ein Hühnerhof gerät in Aufruhr. Hektisch flattern die Hennen durcheinander. Vergeblich versuchen die Hähne, ihr Völkchen durch Krähen zur Ordnung zu rufen. Enten nehmen den ungewohnten Koloss erst im letzten Augenblick wahr und starten zur Flucht.

Dann wird `s noch enger. MS „Saxonia“ füllt das schmale Flussbett fast vollständig aus, streift beim Kurvenfahren mit dem Heck fast das Schilf. Dessen biegsame Halme neigen sich unter dem Wasserschwall respektvoll zur Seite. Überhängende streifen das Oberdeck. „Blumenpflücken inbegriffen“, meint eine Rostockerin belustigt, während ihre Freundin aus Schweden es nicht fassen kann, „dass es so etwas Exotisches in Deutschland noch gibt.“ Wie zur Bestätigung treiben schwimmende Gras- und Blumeninseln auf das Schiff zu und werden vom Steven zerschnitten: Amazonas-Impressionen en miniature. Sogar die Temperaturen stimmen. Über unseren Köpfen kreist ein roter Milan.

Dann Einlaufen in den elf Kilometer langen Kummerower See. Anlass für ein Glas Sekt. Beginn der hügel- und seenreichen Mecklenburger Schweiz. Die rote Heckflagge mit dem weißen Kreuz knattert wie zur Begrüßung im Wind.

Der Abend klingt aus mit dem Captains Dinner und einem (oder mehreren) Gläschen Wein an Oberdeck. In einer Sage heisst es passend: "In der Weihnachtszeit soll das Wasser des Kummerower Sees zu Wein werden…" So lange können wir nicht warten. Als glutroter Ball taucht die Sonne hinter den gewellten Bornitzbergen unter den Horizont. Später lässt milder Mondschein den See noch romantischer erscheinen. Nebelschwaden wabern. Bilder des Greifswalder Romantikers Caspar David Friedrich kommen einem in den Sinn. "Hier bliwt allens bi ´n ollen!", stellte auch schon der mecklenburgische Heimatdichter Fritz Reuter auf Plattdeutsch fest. Übersetzt heißt das: „Hier bleibt alles beim alten!“ Ein Glück!

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