Blumen und Bienen – “Der Dorflehrer” unterrichtet in Bohdan Slamas hoffnungsvoller Tragödie

Eine Schnecke findet der Prager Lehrer Petr (Pavel Liska) auf dem Weg zur Arbeit. Tatsächlich ist es ein Schneckenhaus, erklärt “Der Dorflehrer” der Klasse, ein leeres, denn dessen Bewohnerin ist gestorben. Tief in sein Schneckenhaus hat sich der aus der Stadt kommende Petr zurückgezogen, dabei lockt seine Natürlichkeit andere aus ihrer Abschottung, die wissbegierigen Schüler und die Menschen der Dorfgemeinschaft. Äußerlich findet der gebildete junge Mann Anschluss. Innerlich bleibt er allein. Dies bemerkt die verwitwete Marie (Zuzana Bydzovska), die mit ihrem erwachsenen Sohn (Ladislav Sedivy) einen Bauernhof bewirtschaftet. Zwischen Petr und der nicht mehr jungen Marie entsteht eine tiefe Freundschaft, aus der auf Maries Seite Liebe wird. Doch Petr kann sie nicht erwidern. Für ihren Sohn wird “Der Dorflehrer” zur Orientierungs- und Vaterfigur. Ungetrübt bleibt nur die Idylle der Landschaft bestehen, in welcher Slama seine Geschichte ansiedelt. Die Ausgeglichenheit Petrs verbirgt emotionale Verunsicherung. Seine Einsamkeit spielt Hauptdarsteller Pavel Liska mit sanfter Zurückgenommenheit. Von den Bienen spricht “Der Dorflehrer”, wie er über sich denkt, dass manche ihr Verlangen aufgeben müssten, um anderen Glück zu gewähren. Doch der unerwartete Besuch eines ehemaligen Freundes (Marek Daniel) konfrontiert Petr mit seinen unterdrückten Gefühlen. “Der Dorflehrer” fühlt sich zu Maries Sohn hingezogen. Homosexualität ist jedoch auch außerhalb des Dorfes verpönt. Maries Sohn äußert seine Unsicherheit in Anhänglichkeit an Petr und Aufmüpfigkeit gegen seine ehemals alkoholabhängige Mutter. Seine Grobheit führt zum Zerwürfnis mit seiner Freundin und “Der Dorflehrer” fürchtet, der Sohn könne seine Gefühle für die Freundin verleugnen wie Petr seine Liebe zu ihm. In einem Ausbruch aus dem selbstangelegten Gefühlskorsett nähert er sich dem Jungen.

Bohdan Slama erzählt in seinem unspektakulären Drama viel mit wenig Worten. Er nimmt sich Zeit, für die Menschen, ihre Beziehungen, vor allem aber für die Landschaft. In der Natur sieht Regisseur und Drehbuchautor Slama den Schlüssel zu Selbstfindung und Selbstakzeptanz. In seinen Bilder ist die Natur stets gegenwärtig: in den Biologieabbildungen in der Schule, im Gespräch der Dorfbewohner, in Gestalt der Landtieren. Schlichte Metaphern vermitteln Übereinstimmung oder Distanz zwischen den Menschen. Nur wenn sie zusammenarbeiten, kann ihre Freundschaft leben. Jede Form der Beziehung, romantischer oder freundschaftlicher Art, schätzt “Der Dorflehrer“ gleichermaßen hoch. “Der Dorflehrer” lehrt sein Umfeld, bedachter miteinander umzugehen. Für ihn hingegen ist die Lektion schmerzhafter. Sie führt zum Bruch mit Marie und ihrem Sohn. Selbst im Konflikt spiegeln sich der Sohn und Petr. Beide kehren sich voneinander ab. Stille Leidtragende dieses Auseinanderstrebens ist Marie. Ihr zuvor von ihrem Sohn, dessen Freundin Beruska (Tereza Voriskova) und Petr belebtes Haus ist plötzlich verwaist.

Traurig-schön, wie die klassische Musik, von Petrs Vater zu Petr und von Petr zu Marie getragen, erzählt Slama von der Suche nach Zärtlichkeit. Einsamkeit kleidet er in prägnante Bilder. Petrs Eltern haben sie ihr Leben lang miteinander erlebt. Ihr Sohn bleibt suchend, statt sich auf eine lieblose Beziehung, wie sie sein einstiger Partner wollte, einzulassen. So bewahrt sich “Der Dorflehrer” den Hoffnungsschimmer auf Liebeserfüllung, welcher dem Drama eine tröstende Note verleiht. Als Suchender kann Petr die Liebe finden. Wer die Suche aufgibt, hat bereits verloren.

Titel: Der Dorflehrer
Start: 27. August
Regie und Drehbuch: Bohdan Slama
Darsteller: Pavel Liska, Zuzana Bydzovska, Ladislav Sedivy, Terezka Voriskova
Verleih: Neue Visionen
www.der-dorflehrer.de