Birkebeiner an der Baumgrenze oder Skilanglauf einmal anders – Serie: Reise nach Norwegen (Teil 2/2)

Meist ebene Loipen auf einem lichtdurchfluteten Hochplateau machen Skilanglauf zum Vergnügen für jede Altersgruppe; Foto: Rainer Hamberger

Erleichterung beim Blick aus dem Fenster. Die dunklen Wolken von gestern haben sich verzogen, am blauen Himmel strahlt die Sonne. Eiskristalle flimmern in der Luft. Jeder Windstoß erleichtert die Äste vom Schnee, der über Nacht den Bäumen dicke Hauben verpasst hat. Im Spätwinter ist es oberhalb des  60. Breitengrades in Norwegen schon erstaunlich früh hell. Die Bevölkerung atmet auf. Der lange Winter ist für alle eine Herausforderung. Zu den kalten Temperaturen und beschwerlichen Schneeverwehungen fehlt  um den Jahreswechsel in dieser nördlichen Lage oft das Tageslicht.

Doch Norweger haben gelernt mit der Situation umzugehen. Eine Legende sagt, sie kämen mit Skiern an den Füßen und Rucksack auf dem Rücken zur Welt. Sobald es Temperaturen und Windstärke zulassen, ist man unterwegs. Meist mit Langlaufskiern, Schlitten oder wo möglich auf der Piste im Telemarkstil.
Auch im Hotel Rustad bei Sjusjöen, oberhalb der ehemaligen Olympiastadt Lillehammer, herrscht nach dem Frühstück emsiges Durcheinander: Skier müssen nochmals gewachst werden,  Thermoskannen im Rucksack verstaut, Schokoladenriegel verschwinden in der Anoraktasche, und der Fotoapparat findet einen gewärmten Platz unter diversen Bekleidungsschichten. Aus der Ferne ist aufgeregtes Jaulen zu hören. Ein Achterteam von Huskies zieht einen voll bepackten Schlitten über den zugefrorenen See.

Mit der Langlaufloipe direkt vor dem Haus findet jeder schnell seinen Weg. Bald ist man von ungewohnter Stille umfangen, die nur hin und wieder vom Knirschen vorbei eilender Skier unterbrochen wird.

Sjusjön wird auch das Tor zum Reich der Birkebeiner genannt. Diesen seltsamen, etwas ironisch gemeinten Spitznamen erhielten Bewohner der norwegischen Gebirge vor über 100 Jahren, als man in Notzeiten Birkenrinde um die Beine wickelte, da man sich keine herkömmlichen Hosen leisten konnte. Die ganze Region ist als Hochplateau ein Langlaufparadies mit unterschiedlich schwierigen Tourangeboten: für Anfänger, für Geübte und für solche, die das Letzte aus sich herausholen wollen. Das Gelände liegt zwischen 800 und 1000 Metern hoch. Doppelspurige Loipen führen durch geschützte Wälder bis hinauf zu einem weitläufigen Gebirgsplateau. Immer bewegt man sich in der unglaublichen Natur des winterlichen Fjells. Zerzauste, krüppelige, kurze Bäume spiegeln die harten Lebensbedingungen in windiger Höhe wieder. Tiefe Schneeverwehungen haben sich um die Stämme gebildet. Hier findet man noch ein geschütztes Plätzchen, um die mit gebrachten Brote zu verzehren. Jung und alt sind unterwegs. Die Allerjüngsten liegen warm verpackt in einem geschlossenen  Schlitten, der von den Eltern gezogen wird. Jegliche Kleidung ist zweckmäßig und den Wetterbedingungen angepasst. Für modischen Firlefanz hat man kein Verständnis. Nur die beliebte rote Farbe dominiert. An Weggabelungen werden Erfahrungen über den Zustand der Loipe ausgetauscht oder man bekommt einen Tipp, wo die Route landschaftlich besonders schön und der Wind erträglich ist.

Teamgeist und Medaillen

Die Gegend um Lillehammer eignet sich hervorragend für Wintersportaktivitäten aller Art.

Davon konnte man auch das olympische Komitee überzeugen; 1994 wurde der Ort für die Winterolympiade ausgewählt. Nun ist Lillehammer nicht Whistler oder Oslo. Umso erstaunlicher, wie solch eine Kleinstadt mit der Organisation dieses Großereignisses  zurechtkam. Herausragend war der norwegische Teamgeist. Die Norweger jubelten auch anderen Nationalitäten zu, wenn diese eine Medaille errangen. Heute kann man im Norwegischen Olympischen Museum in drei Abteilungen die Geschichte der olympischen Spiele von den Anfängen um 776 v. Chr. bis zur Gegenwart verfolgen. Von den letzten 28 Sommer- und Winterolympiaden sind originale Medaillen und Ausrüstungen der Teilnehmer in einer anschaulichen Ausstellung zu sehen. Genauso interessant sind viele Geschichten, die sich um die Spiele ranken. Sie erzählen vom Sportsgeist, aber auch von Enttäuschungen und von Täuschungen, die leider auch schon immer vorkamen.

Bei herrlichem Winterwetter waren die Spiele 1994 für das Gastgeberland ein Riesenerfolg. Norwegens Athleten erkämpften 26 Medaillen, davon 10mal Gold.
Gleich neben dem Museum befindet sich in der Hí¥kons Hall das Eishockey-Stadion.

Antiquitäten für den Zahnarzt

Auch im Winter ist das Freilichtmuseum Maihaugen geöffnet. Seine Gründung verdankt es dem Zahnarzt Anders Sandvig. Der schwer an Tuberkulose Erkrankte kommt als 23-Jähriger im Winter 1885 nach Lillehammer. Wie durch ein Wunder gelangt er wieder zu Kräften. Die in der Region vorherrschende Gebirgsluft ermöglichte wohl seine Gesundung. Zu dieser Zeit herrschte auch an Mangel an Zahnärzten. Das war die Gelegenheit für Sandvig. Im gesamten Gudbrandsdal war er mit Pferd und Wagen unterwegs zu weit verstreuten Höfen auf dem Fjell. Hier richtete er der vorwiegend bäuerlichen Bevölkerung die Zähne. Geld war knapp und viele konnten die Rechnung nicht auf die übliche Art begleichen. Ohne Entgelt wollte man den Wohltäter nicht weiter ziehen lassen. So bot man ihm als Entgelt geschnitzte Gefäße und Antiquitäten an, die man leicht entbehren konnte.

Anders Sandvigs Sammlung entwickelte sich zum bekanntesten Museum für Norweger und ausländische Besucher. Während des Sommers, wenn alle Häuser geöffnet sind, kann man sehr gut die Entwicklung verfolgen, wie aus der einfachen Schutzhütte im Mittelalter mit zunehmendem Wohlstand Bauernhäuser wurden, ausgestattet mit kunstvoll geschnitzten Schränken und wunderschönen Gebrauchsgegenständen.

Im Museumsgebäude findet der Besucher eine Vielzahl an alten norwegischen Handwerkszeugen, antiken Möbeln und  wertvollem Silberschmuck. Eines der interessantesten Gefäße aus Holz ist der so genannte Rí¸mmegrí¸t, ca. 15 cm hoch, mit einem Durchmesser von 20 cm, eine Art Böttchergefäß zur Aufbewahrung einer Spezialität aus Schlagsahne, Milch und Gersten- oder Weizenvollkornmehl, entweder salzig oder süß. Gefäß und Inhalt erhielten den gleichen Namen. Das herzhafte Gericht wurde zwischen Wöchnerinnen in der Nachbarschaft ausgetauscht, damit diese nach der Geburt ihres Kindes wieder zu Kräften kamen. Jedes der Täler bereitete die Speise nach eigenem Rezept zu. So wäre das auch heute noch die angemessene Kost nach einem Tag auf der Loipe.

Informationen:

Allgemeine Auskünfte gibt es jederzeit unter www.visitnorway.com/de 
Anreise: z. B. täglich um 14 Uhr mit Color Line ab Kiel für die ca. 20-stündige Fährfahrt nach Oslo. Bereits ab € 149,- kann eine Städtereise in die norwegische Hauptstadt und zurück gebucht werden; www.colorline.de
Skilanglauf: Das Loipengebiet Sjusjön liegt etwa 3 Fahrtstunden nördlich Oslo oberhalb Lillehammer. Direkt am See gelegen inmitten des Loipengebietes bietet das Hotel Rustad gemütliche Zimmer im Blockhausstil, sowie eine Skiwerkstatt mit Wachsraum, Verleih von Ausrüstung und ist idealer Ausgangpunkt für Skitouren jeglicher Länge: www.rustadhotel.com
Wintersportregion Lillehammer:  Olympiamuseum, Freilichtmuseum Maihaugen und Wintersportregion unter http://www.visitnorway.com/de/Articles/Norway/Ostnorwegen/Lillehammer/Sehenswurdigkeiten-in-Lillehammer/
Reiseprogramme: der Skandinavienspezialist Tui-Wolters bietet Winterreisen nach Norwegen mit unterschiedlichem Zuschnitt für vielerlei Interessen; www.tui-wolters.de
Reiseliteratur: Neuerscheinung November 2010: Faszination Erde – Skandinavien im Kunth Verlag, München. Wie gewohnt wieder ein prächtiger Bildband mit verlockenden Impressionen aus Nordeuropa, wie immer in dieser Reihe Faszination Erde mit integriertem Straßenatlas.
ISBN: 978-3-89944-627-2, 180 Seiten, Format:23,1 x 29,5, gebunden, mit Schutzumschlag, Preis: EUR (D) / EUR (A) / SFr.  19,90 / 20,50 / 34,90, www.kunth-verlag.de

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