Aufbruch ins Fremde – Neue Stücke von Thomas Schmauser und Azar Mortazavi und die Lange Nacht der Autoren zum Abschluss der Autorentheatertage 2013

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Szene aus dem Stück "Du mein Tod" von Thomas Schmauser. © Foto: Conny Mirbach

Robert Eads (!945 – 1999), der als Frau geboren wurde, unterzog sich mit über vierzig Jahren, nach einer Ehe und zwei Schwangerschaften, einer Testosteron-Therapie und einer Brustamputation, eine Phalloplastik jedoch blieb ihm versagt. Er lebte weiter mit weiblichen Geschlechtsorganen und starb an Eierstockkrebs.

Statt des Vorhangs öffnet sich in Thomas Schmausers Inszenierung das Tor in einem hohen Bretterzaun, hinter dem Robert (Ursula Werner) sich mit seiner Wahlfamilie von der Außenwelt abgeschottet hat. Seine angeborene Familie will nichts mehr von ihm wissen. Auch der Transsexuelle Max (Barbara Dussler) leidet darunter, dass seine Angehörigen sich von ihm zurückgezogen haben.

Das ganz normale Leben im richtigen Körper bleibt ein Traum für die Transsexuellen, die ein unterschiedliches Rollenverhalten zeigen. Während Robert (Ursula Werner) als Macho dominiert und seine Gefährtin, die Transsexuelle Lola Cola (Peter Brombacher), sich  betont feminin präsentiert, sind Max und seine Freundin Cas (Morgane Ferru) ein unauffälliges junges Paar, für das die Geschlechterrollenverteilung keine Bedeutung zu haben scheint.

Ursula Werners Robert ist alles andere als sympathisch mit seinem präpotenten Cowboy-Gebaren und Peter Brombachers Lola Cola ist die Karikatur einer Frau. Es fällt nicht leicht, Verständnis aufzubringen für eine Frau, die sich in ein besonders unerträgliches Exemplar des anderen Geschlechts verwandelt und für einen Mann, der zu einem der Zerrbilder von Weiblichkeit wird, mit denen das Patriarchat Frauen lächerlich macht.

Dass es um mehr als um Geschlechterrollen geht, die, ohne operative Eingriffe, von Frauen wie Männern nach Belieben gespielt werden könnten, ist durch Max ersichtlich. Barbara Dussler gestaltet eine Person, die eine Frau sein könnte, aber als Mann glaubwürdig ist.    

Eine Gesellschaft, in der Schönheitschirurgen hohes Ansehen genießen, Nasenkorrekturen, Gesichtsfaltenglättungen, Fettabsaugungen oder jeweiliger Mode entsprechende Gestaltungen von Frauenbrüsten ganz selbstverständlich sind, offenbart sich aber in jedem Fall als verlogen, wenn sie operative Veränderungen der Geschlechtsorgane verteufelt.

Ein ganz normales Leben ersehnt auch Leila in Azar Mortazavis Stück „Ich wünsch mir eins“. Leila will eine Familie, und als sie George in einer Bar kennenlernt, beschließt sie, dass er der Vater ihrer Kinder werden soll. Obwohl George sich als beziehungsunfähig erweist, gibt Leila zunächst nicht auf.

In den Kammerspielen war die Uraufführung des Stücks vom Theater Osnabrück zu sehen, die nicht nur zu den Autorentheatertagen, sondern auch zu den Mühlheimer Theatertagen eingeladen war. In ihrer Inszenierung  hat Annette Pullen die quälende Beziehung von Leila und George deutlich ins Zentrum gerückt mit einer Folge von kurzen, brutalen Sexszenen, nach denen George sich zurückzieht, während Leila Nähe sucht, mit ihm reden will, sich ein Kind von ihm wünscht. Neben dieser durchaus realistisch erscheinenden Haupthandlung wirken die übrigen Begebenheiten wie Schwächen des Stücks. Es ist ja höchst merkwürdig, dass Leilas Vater, den Leila nur wenige Male gesehen hat und dessen Rückkehr sie ersehnt, überraschenderweise ein Freund von George ist, und dass es sich bei dem von seiner depressiven Mutter vernachlässigten kleinen Jungen, der in der Wohnung über der von Leila rastlos hin- und herläuft und der Leila fasziniert, um ihren Halbbruder handelt.

Dank der grandiosen Darstellung von Andrea Casabianchi bekommt das Stück dennoch einen erkennbaren Sinn. Andrea Casabianchis Leila ist eine willensstarke junge Frau, die fest daran glaubt, sich eine ihr gemäße Welt erschaffen zu können. Dazu muss sie zuerst ihre Kindheitsträume hinter sich lassen, begreifen, dass ihr Vater sie nicht, wie versprochen, in ihr Sehnsuchtsland Arabien mitnehmen wird und auch, dass George, ähnlich wie ihr Vater, nur ein armseliger älterer Mann ist, unfähig, eine Bindung einzugehen und Verantwortung zu übernehmen.

Diese Leila verliert, auch in demütigenden Situationen, niemals ihre Würde, und trotz ihrer desillusionierenden Erfahrungen, die ihr Gefühl des Fremdseins verstärken, fällt sie nicht in Resignation oder Selbstmitleid. Zudem hat sie auch etwas Vertrautes entdeckt, ihren Halbbruder, ein betrogenes, im Stich gelassenes Kind wie sie selbst früher.

Bevor Leila am Ende hocherhobenen Hauptes und mit ungebrochener Willenskraft geht, verspricht sie ihrem kleinen Bruder, zurückzukommen und ihn zu holen. Ich glaube ihr, dass sie nicht den Weg ihres Vaters, sondern ihren eigenen Weg gehen wird.

Die Lange Nacht der Autoren fand in diesem Jahr an drei verschiedenen Schauplätzen statt. Das Publikum, in zwei Gruppen aufgeteilt, sah die drei, von Sigrid Löffler ausgewählten, Stücke in jeweils anderer Reihenfolge in den Kammerspielen, im Deutschen Theater und auf der Hinterbühne des DT.

„Welthaltige Texte“ hatte die Jurorin sich gewünscht und „Themen jenseits des üblichen Erfahrungshorizontes“. Etliche EinsenderInnen hatten das Motto aber wohl missverstanden oder missverstehen wollen. Bei zwei von den drei Stücken der Langen Nacht ließ sich „Das Weite suchen“ eher als sich davonmachen interpretieren. Allerdings zeichneten sie sich durch Einfallsreichtum und Skurrilität aus.

In einer kurzen Ansprache zu Beginn hatte DT-Dramaturg John von Düffel darauf hingewiesen, dass die Stücke gekürzt seien und dass es sich um Werkstattaufführungen mit Probenzeiten von nur zehn Tagen handle.

Eine schlüssige Inszenierung von „Exzess, mein Liebling“ war unter der Regie von Lily Sykes nicht zustande gekommen. Es fehlten konzentriertes Zusammenspiel des Ensembles und klare Konturen. Alles war so weich abgefedert wie die von Bühnenbildnerin Anne Ehrlich mit Matratzen ausgepolsterte Spielfläche auf der Hinterbühne des DT, um die, wie um eine Zirkusmanege, die ZuschauerInnen im Kreis saßen.

Simone von Zglinicki kämpfte mit pointierter Entschiedenheit auf verlorenem Posten. Glücks-Agentur und Klangschalen-Therapie nahmen nicht so recht Gestalt an. Dennoch ließ Thorsten Hierse als 17jähriger Kid, der nach seinem Selbstmord wie ein sanfter Engel philosophierend unter seinen verzweifelten Hinterbliebenen wandelt, immerhin den Gedanken erahnen, dass die rastlose Glückssuche der Lebenden nicht auf das Leben, sondern auf den Tod gerichtet ist.

Die 1985 in Weimar geborene Autorin Olivia Wenzel wurde bereits mit dem Münchner Förderpreis für deutschsprachige Dramatik ausgezeichnet. Ihr neues Stück, von dem in der Langen Nacht der Autoren nur ein flüchtiger Eindruck entstand, dürfte große Chancen haben, sich am Theater durchzusetzen.

Auch die 1980 geborene Uta Bierbaum, die nach einem Schauspielstudium seit 2012 Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin studiert, hat schon ein Stück geschrieben, das in diesem Jahr an der Neuköllner Oper uraufgeführt wurde. Ihre neue Arbeit, „Die Schweizer Krankheit“ ist ein hervorragend komponiertes Kammerspiel über menschliche Beziehungen. Das Weite suchen die handelnden Personen nicht, sondern eher die Nähe, die Zugehörigkeit. Sie haben Heimweh. Der Begriff, im 19.Jahrhundert in der Schweiz entstanden, wird deshalb auch als „Schweizer Krankheit“ bezeichnet.

Zufällig begegnen sich Die Schauspielerin, die ihre Exfreundin stalkt, Der Taxifahrer, der seiner Mutter eine Schwiegertochter präsentieren möchte und von einem Luxusauto träumt und Das Mädchen, das durch Essensentzug in einen Zustand geraten will, in dem es seinem depressiven Freund nahe sein kann.

Überraschend erleben die Drei glückliche Momente. Doch dann gibt es ein schreckliches Ende.

Merle Vierck hat ein eindrucksvolles Bühnenbild geschaffen, und unter der Regie von Sewan Latchinian gestalteten das Schauspieltrio Julia Jenkins, Matthias Neukirch und Lisa Hrdina subtil und mit erfreulicher Selbstironie die drei AußenseiterInnen.

Höhepunkt der Langen Nacht war zweifellos „Schwäne des Kapitalismus“, das erste Stück des 1977 in Darmstadt geborenen Dramaturgen, Publizisten und Übersetzers Matthias Naumann. Das Stück wurde auch für den Leonhard-Frank-Preis in Würzburg nominiert.

Es geht um Banker, um die verschlungenen Wege des internationalen Kapitalismus und die Entstehung von Wert, Themen, wie Sigrid Löffler sie sich gewünscht hatte. Die Kopflastigkeit des Stücks, von der Jurorin vorab leicht bemängelt, war in der Inszenierung von Martin Laberenz nicht zu bemerken. Allzu Theoretisches wurde effektvoll verspielt, gesungen, verzerrt oder auf den Kopf gestellt und damit auch verständlich und einprägsam interpretiert.

Nichts ist so wie es auf den ersten Blick zu sein scheint. Das stimmungsvolle Bühnenbild von Aino Laberenz zeigt eine Strandbar. Auf der linken Seite bietet eine geschwungene Marmortreppe Möglichkeiten für glanzvolle Auftritte und auch für einen heftigen Absturz, und im Hintergrund sitzt Friederike Bernhardt am Flügel und kommentiert das Geschehen mit eigenwilligen Klängen oder begleitet Lydia Moellenhoff, wenn die mit ihrem wunderschönen Mezzosopran Texte über Finanzpolitik singt.

Zunächst erscheint Anita Vulescia in einem schillernden Abendkleid mit Highheels und behauptet, sie befinde sich in einer WG-Küche, was ihren MitspielerInnen befremdlich erscheint, die sich in einer Bank zu befinden glauben. Dazu kommt, dass WG-Mitglied Tine, die sich als Praktikantin in eine Bank einschleichen will, für alle überraschend, ein Mann ist.

Bevor die Ausgangssituation geklärt ist, entstehen eine Menge Missverständnisse und einiges Mobiliar geht zu Bruch. Die Verwirrungen setzen sich fort, wenn die Banker sich elegant auf der Freitreppe zur Schau stellen. Die Banker sind nichts anderes als ganz einfache Anleger, ebenso arglos und ahnungslos wie diese. Von dem, worin sie investieren, verstehen sie selbstverständlich nichts, das sind nur Abstraktionen ohne konkrete Bedeutung, weshalb es gar keinen Unterschied macht, ob in Fische oder in Müll investiert wird. Auch bei dem Geld, das dabei herausspringt oder verloren geht, handelt es sich lediglich um Zahlen und nicht um etwas real Existierendes.

Als Martin, Tines Freund, auf einer Schiffsreise vor der Küste Somalias von Piraten als Geisel genommen wird, muss er erkennen, dass die Angreifer, in deren Gewalt er sich befindet, nicht unbedingt die Bösen sind, und dass nun auch sein Leben eine beliebige Handelsware ist, über deren Zahlenwert gezockt wird.

Es ist erstaunlich, dass es Martin Laberenz und seinem fünfköpfigen Schauspielensemble gelungen ist, in zehn Tagen eine höchst präzise gearbeitete, intelligente Interpretation des zeitkritischen Stücks von Matthias Naumann zu realisieren. Das Publikum im DT war begeistert, und die wundervolle Komödiantin Anita Vulescia bekam für einen grandios komischen Beitrag Szenenapplaus.

Leider hatte diese erfreuliche Inszenierung ein unerfreuliches Nachspiel. In der „nachtkritik“, „FAZ“, im „Tagesspiegel“, in der „taz“ und der „Süddeutschen“  wurde Martin Laberenz vorgeworfen, er habe sich über das Stück lustig gemacht. „Schadenfrohe Stückschlachtung“ (nachtkritik) wurde ihm angelastet, und nicht nur den Regisseur attackiert Andreas Schäfer im „Tagesspiegel“ wenn er schreibt: „Er (…) schlachtet das Stück vor seiner Uraufführung und lässt den Kadaver von amüsiergierigen Schauspielern genüsslich zerfetzen.“ Und weil die begeisterten Reaktionen des Publikums unüberhörbar waren, bemerkte Barbara Behrendt in der „taz“: „Dass bei einem Autorenfestival aber ausgerechnet die Inszenierung abräumt, die den Text nur auf die Schippe nimmt, stimmt doch sehr nachdenklich.“    

André Mumot meinte in der „nachtkritik“, er habe dem Autor beim Applaus die Enttäuschung vom Gesicht ablesen können. In einem Kommentar verwahrte Matthias Naumann sich gegen diese Deutung, erklärte sich als durchaus nicht enttäuscht und stellte die berechtigte Frage, weshalb der Kritiker nicht zu ihm gekommen sei und ihn nach seiner Meinung befragt habe.

Weshalb die KritikerInnen ein Stück, das den meisten von ihnen beim Lesen gar nicht gefallen hatte, so vehement gegen die, ihrer Meinung nach falsche, wenn auch extrem erfolgreiche, Inszenierung verteidigen, bleibt rätselhaft. Zu hoffen bleibt aber, dass gerade diese vehementen Proteste viele Theater dazu verlocken, das Stück in ihren Spielplan aufzunehmen, wobei es bedauerlich wäre, wenn das Stück so quälend langweilig inszeniert würde, wie die gegen die Inszenierung von Martin Laberenz protestierenden KritikerInnen es offenbar beim Lesen empfunden haben. Schon der Titel „Schwäne des Kapitalismus“ ist doch eigentlich ein Wegweiser in Richtung ironische Ausdeutung.

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