Auch du, Genosse! – Marie Lafont macht künstlerische Propaganda in „Soviet Posters“

„Ein Unbelesener ist wie ein Blinder!“, warnt Alexei Radakov 1920. Überzeugendes, doch überflüssiges Argument: Denn in die Plakatpolemik ist man längst versunken. Ende des 19. Jahrhunderts war das Plakat insbesondere in Großstädten die dominante Werbetechnik. Unverzichtbares Propagandamittel wurde es durch die politische Indoktrinierung. Ein Jahr nach der Oktoberrevolution 1918 funktionalisierte die russische Staatsmacht Plakate zur politischen Waffe um. Hier knüpft das erste der sechs chronologischen Kapitel von „Soviet Posters“ an. 1918 schon fragt der schnurrbärtige Rekrutierende, auf welcher Seite man steht: „Auf unserer oder ihrer?“ Zu der 1920 folgende Aufforderung zum Freiwilligendienst (Seite 31) inspirierte den Plakatkünstler Dimitry Moor der Systemfeind schlechthin: Uncle Sam, den US-Zeichner James Montgomery Flagg 1917 für eine Armeekampagne mit dem Finger auf den Betrachter zeigen ließ: „I want You for U.S. Army!“ Mit seinen unmissverständlichen Aufforderungen steht das typische Propagandawerk im krassen Kontrast zu den subtilen Botschaften moderner Werbung. Statt verkappter Manipulation nutzen Schriftzüge und Motive den direkten Appell.

Konstantin Ivanovs Propagandaposter auf Seite 10 zeigt eine alte Frau mit erhobener Faust vor dem Hintergrund eines brennenden Dorfes. „Lasst uns das Leid der Bevölkerung rächen!“, fordert der Schriftzug. Markant ist hier die Motivwahl. Die Frau repräsentiert die typische Mutter. Diese russische Mutterfigur ist verhärmt und von Arbeit gezeichnet. Sie hat Söhne an der Front, wie Ivanovs Plakat nahelegt, und ist immer ein bisschen Mütterchen Russland. Pavel Sokolov-Skala lässt sie 1943 ein Militärgedicht zitieren (S. 94). Dagegen kennt man die amerikanische Klischeemutter adrette Hausfrau in Stöckelschuhen. Eine „ Betty Crocker“, die aus Fertiggerichtspackungen perfekte Pfannkuchen auf den Teller verspricht und Kinder, Gatte und Damenverein spielerisch unter einen Hut bringt.

Nach Kriegsende glichen sich kapitalistische und sozialistische Kampagnen in ihrer Frontalität und Schönfärberei zunehmend. Die Strahlemädchen auf den Coca-Cola-Plakaten könnten eine Pionierfahne hochhalten, die Jungpioniere das Zuckerwassergetränk. Ein idealisierter Alltag mit makellosen Bürgern bildet in beiden Fällen die Folie für das zu bewerbende Gut. „Lasst uns jeden Besucher respektvoll behandeln!“, fordert die schmucke Kellnerin auf Seite 124, die ein Tablett gleich einem Füllhorn hält. Ihr Wahlspruch galt für die Elite. Einfache Bürger konnten sich Eier, Zucker und Sahne auf dem Tablett kaum leisten. Bezahlbar war der zum omnipräsenten Problem- und Problembetäubungsmittel gewordene Wodka. Die schon 1929 (Seite 61) ausgerufene „letzte Warnung“ an Alkoholiker verhalte ungehört. „Njet!“, sagt der Herr auf Viktor Gorkovs Motiv (S.156) von 1954 zum Wodkaglas. Andere sagten „Da“. 1965 rieselte das Geld symbolträchtig in die Flasche. „Stelle sicher, dass ernsthafte Alkoholiker nicht auf die Baustelle kommen!“, heißt  es 1972 „Ernsthafte“, wohlgemerkt, irgendwer muss ja fürs Kollektiv schuften. Indirekt enthüllen die Antialkoholismuskampagnen so eine Schattenseite der idealisierten SU.

Die in den Kapiteln abgedeckte Zeitspanne wächst von drei Jahren (1918-1921) auf 36 Jahre (1965-2001); der Avantgardismus de Werbemotive versandete in den Sechzigern zunehmend in plumpe Schönfärberei. „Spaß für alle Kinder auf jedem Spielplatz!“, will Alexander Dobrovs Plakat (S. 190) von 1960. Im Kalten Krieg wird hier fröhlich gerodelt. Werbung für Völkerverständigung (S. 194 und S. 198), den „Tag der Kosmonauten“ und der Handschlag zwischen Fidel Castro und Nikita Chrutschow. „Das Leben ist schön und es ist großartig, auf der Welt zu sein!“, musste man 1964 einfach ausrufen (Seite 204). „Wunder ohne Zauberei“, enthüllt das nebenstehende Plakat den Aberglauben. An die Stelle religiösen Schwindels war da längst der staatliche getreten. Skurril wirkt Vladimir Sachkovs zum „Pressetag“ 1987 die Zeitung „Pravda“ lesende Lenin, auferstanden von seiner Bahre im Kreml. Lenin hatte das Blatt 1912 selbst gegründet. 75 Jahre später log die „Wahrheit“ mitunter wie gedruckt. Blitzt in solchen Bildern unter der systemtreuen Schutzhülle kritische Ironie auf? „Mehr müsst ihr nicht wissen!“, maßregelt die Erzieherin vor dem anatomischen Druck von Mann und Frau von 1960, knallrot im Gesicht, obwohl die Anatomietafel vor ihr verhüllend aufgerollt ist. Dachte sich das auch Marie Lafont? Zwischen den Zeilen lesen kann man kaum. Dafür sind die Texte zu knapp. Die englischsprachige Einleitung bleibt oberflächlich wie die Übersetzungen im Anhang. Was steht auf dem Zettel, den die  Arbeiterin mit Kind auf Seite 150 in der Hand hält und den Buchseiten unter Stalins Haupt (Seite 104)? Was sagt Stalin auf Gustav Klutsis ´ Plakat (S. 62), außer, dass der Fünfjahresplan erreicht werden wird? Dafür erklärt ein Glossar gruselige russische Wendungen wie CC CPSU (Zentralkomitee der kommunistischen Partei der SU) oder Politburo (Politbüro der CC CPSU). Orderte die Glavlit (Offizielle Zensurbehörde ) einen dorthin, wurde man mitunter ermordet, wie der 1938 verhaftete Zeichner Gustav Klutsis. Angesichts solcher Schicksale wünscht man sich mehr Hintergrundinformation als die Kurzbiografien im Anhang leisten. Neben unbekannten Künstlern finden sich hier Größen wie El Litssitzky, Alexander Rodschenko und der für seine satirischen Arbeiten bekannte Dichter und Zeichner Vladimir Mayakovsky. Ihre Verwendung von Fotomontage, Reduktion und Konstruktivismus prägen die Werbewelt bis heute.
 
Mit „Soviet Posters“ widmet sich Marie Lafont einem vernachlässigten Sektor des modernen Formprinzips. Ihr Bildband wagt ein unvoreingenommenes Herangehen an die Propagandakunst der Sowjetrepublik. Die Künstler der SU versuchten nicht nur in Malerei und Design die strenge Zensur mit kreativer Innovation zu umgehen. Die außergewöhnliche Sehweise der avantgardistischen Filmkunst klingt in vielen Postern an. Während des Kalten Krieges waren die Werke in den westlichen Ländern im Massengeschmack diskreditiert als flächig, banal und doktrinär. Der Eisernen Vorhang verhängt nicht mehr den Blick auf dieses einzigartige künstlerische Schaffen. Seit dem Mauerfall stieg der Einfluss sowjetischer Propagandakunst auf zeitgenössische Künstler beständig. In der breiten Wahrnehmung leidet diese Kunstrichtung hingegen unter Banalisierung. Marie Lafonts Bildband weist den Weg zu einer aufgeschlossenen Rezeption. Die umfangreiche Sammlung Sergio Gregorian wird durch „Soviet Posters“ erstmals in gebundener Form zugänglich. Nebenbei klären sich kleine Rätsel des Alltags. Was ruft die Arbeiterin mit an den Mund erhobener Hand auf dem von Souvenirkartenmotiv vertrauten Plakat (Seite 51) eigentlich? Sozialismus? Arbeitereinheit? Nein: Bücher! Dem kann man getrost zustimmen. Mehr lesen, bitte. Zum Beispiel Marie Lafonts „Soviet Posters“. 

Titel: Marie Lafont, Soviet Posters, Prestel Verlag, 2007,  286 S., 290 Abb., 19,95 [Euro].

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