Alte Leier vor einer Eishockey-WM: Wenn Ruhm und Geld fehlen, fehlen auch viele Profis

Eishockey (Symbolbild). © Foto: Joachim Lenz, 2014

Seit 1991 pendelte die DEB-Auswahl bei Weltchampionats zwischen den Rängen vier (Heim-WM 2010) und 20. Rutschte auch mal in die B-Gruppe ab. Wunsch- oder Traumziel ist diesmal das Viertelfinale, also ein Rang unter den Top acht.

Realistisch ist aber nach Auffassung von DEB-Präsident Franz Reindl ein Vorrundenergebnis von Platz fünf oder sechs, „alles andere wäre schlecht“. Doch müssten die Schützlinge von Bundestrainer Pat Cortina in der Achter-Vorrunde mindestens Rang vier erreichen, um im Viertelfinale dabei zu sein. Das hieße aber, beispielsweise Kanada, Schweden, Gastgeber Tschechien oder die Schweiz hinter sich zu lassen. Gegner, die nominell stärker eingeschätzt werden und in der Weltrangliste vor den Deutschen rangieren.

Da reisen die DEB-Mannen mit Position 13 in die Goldene Stadt an der Moldau. Was halbwegs der Situation entspricht, wie die Partie – als Freundschaftsspiel oder WM-Generalprobe deklariert – am Mittwoch vor 4060 Fans im Welli unterstrich. Denn Slowenien ist im Ranking als 14. und lieferte ein Match auf Augenhöhe. Ging in Führung, lag 1:2 und 2:3 zurück und schaffte dennoch den 3:3-Ausgleich. Erst nach torloser Verlängerung über fünf Minuten und dem siebenten Penaltyduell stellte Kai Hospelt den Gastgebersieg sicher. Der seltsame Modus für ein „Freundschaftsspiel“ – so wird es auch bei der WM gehandhabt.

Nebenbei: Slowenien hat rund 2,5 Millionen Einwohner, Deutschland mehr als 80, und ist in der A-Gruppe bislang nur selten aufgetaucht!

Begleitet wurde die WM-Vorbereitung des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) von fast 30 Ausfällen und Absagen der Akteure wegen Verletzungen oder aus persönlichen Gründen.

Dies wurde in den Medien teilweise Pat Cortina angelastet, der unwillige Stars nicht habe zur WM-Teilnahme überreden können. Dies gipfelte im Vorwurf, die Deutschen seien mit einer „Dorfmannschaft“ präsent!

Doch weshalb soll sich ein Profi nach 52 Vorrunden-Auftritten und kräftezehrenden Play-offs in der DEL oder pausenlosen NHL-Nahgefechten den Strapazen und Verletzungs-Gefahren eines WM-Turniers (allein sieben Begegnungen in zehn Tagen in der Vorrunde) aussetzen?

Wenn dort weder finanzieller noch prestigeträchtiger Gegenwert/Ruhm winken?

Was beim Fußball sich beispielsweise völlig anders darstellt. Wo auch die Spielpläne im Gegensatz zum Eishockey der nationalen Ligen so angelegt sind, dass genügend Zeit zur WM-Präparierung samt gesundheitlicher Prävention bleibt.

Es sind Strukturprobleme und die Egozentrik der Profi-Ligen, die dafür sorgen, dass fast nie die besten Spieler eines Landes bei der WM erscheinen. Die NHL, weltweit wichtigste Berufsorganisation im Eishockey, pausiert nur bei Olympia, nie während der WM.

Für Tobias Rieder allerdings gab es kein Zögern, Cortina die Zusage zu geben. Er ist 22, gesund, voller Tatendrang und mit den Arizona Coyotes in den gegenwärtig laufenden Play-offs der NHL vorzeitig ausgeschieden. Für den gebürtigen Landshuter ist die WM-Teilnahme die Fortsetzung eines traumhaften Aufstiegs. Nach dem ersten Profivertrag 2009 in der zweiten Liga in Landshut und Starts bei Nachwuchs-Titelkämpfen, dem Wechsel in die nordamerikanische NHL-Ausbildungs-Liga AHL, dem Debüt im Nationaltrikot bei der WM 2013 sowie seiner NHL-Premiere für die Coyotes erst im November 2014.

Da sorgte der 1,80 m große und 84 kg schwere Stürmer auf Anhieb mit einem Treffer für Aufmerksamkeit und mit zwei Toren binnen 58 s in Unterzahl für Schlagzeilen.

Was macht die WM für ihn reizvoller – die weitere Erfahrung des Vergleichs mit einem Teil der weltbesten Spieler oder der sportliche maximale Erfolg? Was ist für die deutsche Mannschaft möglich?

Rieder bleibt zurückhaltend: „Die WM ist ein weiterer Höhepunkt meiner sportlichen Karriere und natürlich möchte ich mit der Mannschaft möglichst erfolgreich abschneiden”¦da ist der Einstieg gegen Frankreich sehr wichtig. Alles andere muss man schauen. Ich kenne noch nicht die Kader der anderen Mannschaften. Favoriten? Ich denke das sind die üblichen Verdächtigen – Kanada, Schweden, Russland, die Tschechen.“

Welche Rolle der Bundestrainer ihm gegen Crosby&Jagr (die kanadisch-tschechischen Legenden) zugedacht hat, sei im Detail noch nicht besprochen worden. Rieder ist von rund einem halben Dutzend deutscher NHL-Profi als einziger im WM-Aufgebot. Wobei Cortina auf die erwähnte Absageflut fast trotzig reagiert: „Das Problem haben andere Trainer auch. Wir haben 25 der besten Spieler aus der DEL dabei, denen ich vertraue.“

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