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Flagge Königreich Preußen (1892-1918)

Doch wenn einige Leser versucht sein sollten, zu glauben, dies alles betreffe den Staat Israel – dann haben auch sie Recht. Diese Beschreibung passt auch auf unsern Staat. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Staaten ist bemerkenswert. Die Länder sind zwar geographisch sehr verschieden von einander und das gleiche gilt für die historischen Epochen, aber gewisse Ähnlichkeiten können kaum geleugnet werden.

Der Staat, der 350 Jahre lang als Preußen respektiert und gefürchtet wurde, begann seine Existenz unter einem anderen Namen: Mark Brandenburg. (Mark= Grenzgebiet). Dieses Gebiet im Nordosten Deutschlands wurde seinen slawischen Bewohnern entrissen und lag in seinen frühen Tagen außerhalb des deutschen Reiches. Bis zum heutigen Tag tragen viele seiner Orte (einschließlich Berliner Stadtviertel wie Pankow) eindeutig slawische Namen. Man könnte sagen, dass Preußen auf den Ruinen eines anderen Volkes entstand (von denen einige Nachkommen noch immer dort leben) .

Eine historische Kuriosität: zunächst wurde das Land mit Geld gekauft. Das Haus Hohenzollern, eine Adelsfamilie aus Süddeutschland, kaufte das Gebiet Brandenburg dem deutschen Kaiser für 400 000 ungarische Gulden ab. Ich weiß nicht, in welcher Relation diese Summe zu der Geldmenge steht, die der jüdische Nationalfonds für Teile Palästinas vor 1948 bezahlte.

Das Geschehen, das die Geschichte Preußens weitgehend bis zum 2. Weltkrieg prägte, war ein Völkermord: der 30-Jährige Krieg. Während dieser Jahre von 1618- 1648 kämpften praktisch alle Armeen Europas auf deutschem Boden gegeneinander und zerstörten alles, was ihnen in den Weg kam. Die Soldaten, viele von ihnen Söldner, der Abschaum der Erde, mordeten und vergewaltigten, plünderten und raubten, brannten ganze Städte nieder und vertrieben die bedauernswerten Überlebenden von ihrem Land. In diesem Krieg wurde ein Drittel der deutschen Bevölkerung umgebracht und zwei Drittel der Dörfer zerstört. (Berthold Brecht setzte diesem Völkermord in seinem Stück „Mutter Courage“ ein Denkmal.)

Norddeutschland ist eine große, weite Ebene. Seine Grenzen werden nicht durch einen Ozean, eine Gebirgskette oder eine Wüste geschützt. Die preußische Antwort auf die Verheerung durch den Völkermord war eine eiserne Mauer: eine mächtige reguläre Armee, die Meer und Gebirge ersetzen sollte, und bereit sein würde, den Staat gegen alle möglichen Verbindungen potentieller Feinde zu verteidigen.

Zu Anfang war die Armee ein wesentliches Instrument zur Verteidigung der bloßen Existenz des Staates. Im Laufe der Zeit wurde sie zum Mittelpunkt des nationalen Lebens. Was als "preußische Verteidigungskräfte" begann, wurde zu einer aggressiven Eroberungsarmee, die von allen seinen Nachbarn gefürchtet wurde. Einigen preußischen Königen galt das Hauptinteresse ihres Lebens der Armee. Eine Zeit lang stellten die Soldaten und ihre Familien mehr als ein Viertel der Berliner Bevölkerung dar. Eine alte preußische Redensart lautet: „Der Soldate ist der beste Mann im Staate“. Die Anbetung der Armee wurde zum Kult, ja, fast zur Religion.

Preussen war nie ein „normaler“ Staat mit einer homogenen Bevölkerung, die Jahrhunderte lang zusammen lebte. Durch eine raffinierte Kombination militärischer Eroberung, Diplomatie und strategischer Heiraten gelang es ihren Herren, dem Kernland mehr und mehr Gebiete anzuschließen. Diese waren nicht einmal unter einander verbunden und einige waren sogar ziemlich weit von einander entfernt.

Eines davon war das Gebiet, das dem Staat seinen Namen gab: Preußen. Das ursprüngliche Preußen lag an der Küste der Ostsee, und gehört jetzt zu Polen und Russland. Zunächst waren sie vom Deutschritterorden, einem deutschen religiös-militärischen Orden, erobert worden, der während der Kreuzzüge in Akko gegründet wurde (die Ruinen seiner Hauptburg Montfort – Starkenberg – stehen noch heute in Galiläa). Statt die Ungläubigen in einem fernen Land zu bekämpfen, entschieden sich die deutschen Kreuzfahrer, dass es mehr Sinn mache, die benachbarten Heiden zu bekämpfen und ihnen das Land zu rauben. Im Laufe der Zeit gelang es den Fürsten von Brandenburg, dieses Land zu erobern, und seinen Namen für das ganze Herrschaftsgebiet zu übernehmen. Es gelang ihnen auch, im Rang aufzusteigen: aus Markgrafen wurden Kurfürsten und schließlich Könige.

Der Mangel an Homogenität der preußischen Lande – zusammengesetzt aus verschiedenen und nicht zusammenhängenden Gebieten – ließ die wichtigste preußische Schöpfung entstehen: den Staat. Dies war der Faktor, der die verschiedensten Bevölkerungen einte, die alle weiter an ihrem lokalen Patriotismus und ihren Traditionen hingen. Der „Staat“ wurde zu einer heiligen Sache, allen anderen Loyalitäten übergeordnet. Preußische Philosophen sahen den Staat als eine Inkarnation für alle sozialen Tugenden, als Triumph der menschlichen Vernunft.

Der preußische Staat wurde so zu einer sprichwörtlichen Institution. Obwohl er von seinen Feinden dämonisiert wurde, war er in vielerlei Weise vorbildlich : gut organisiert, ordentliche und gesetzestreue Strukturen, seine Bürokratie ohne Korruption. Der preußische Beamte erhielt ein armseliges Gehalt, lebte bescheiden und war stolz auf seinen Status. Er verabscheute Großtuerei. Schon vor mehr als hundert Jahren (1881) hatte Preußen (durch Bismarck) ein System der Krankenversicherung erhalten – lange bevor andere wichtige Länder davon nur träumten. Es war auch vorbildlich, was die religiöse Toleranz betraf. Friedrich der Große erklärte, dass „jeder nach seiner Facon selig werden solle“. Einmal soll er geäußert haben, dass er Türken – sollten jemals welche nach Preußen kommen und sich dort ansiedeln – Moscheen bauen würden (250 Jahre später verabschiedeten die Schweizer ein Referendum , das den Bau von Minaretten in ihrem Land verbietet).

Preussen war ein sehr armes Land, dem natürliche Ressourcen wie Mineralien und fruchtbarer Boden fehlte. (Deshalb wurden Kartoffeln eingeführt) Es verwendete seine Armee, um reichere Gebiete zu erobern.

Auf Grund der Armut war es dünn besiedelt. Die preußischen Könige bemühten sich sehr darum, neue Immigranten ins Land zu bringen. Als 1731 Zehntausende von Protestanten aus dem Salzburger Raum von ihren katholischen Fürsten vertrieben wurden, lud der König von Preußen sie in sein Land ein. Sie machten sich in großen Massen mit ihren Familien und ihrem gesamten Besitz auf einen Fußmarsch nach Ostpreußen und durchquerten dabei ganz Deutschland. Als die französischen Hugenotten (Protestanten) von ihren katholischen Königen abgeschlachtet wurden, wurden sie nach Preußen eingeladen und in Berlin angesiedelt, wo sie viel zur Entwicklung des Landes beitrugen. Auch Juden wurde es erlaubt, in Preußen zu siedeln, um zu seinem Wohlstand beizutragen. Der Philosoph Moses Mendelssohn war einer der hellsten Sterne der preußischen Intelligenz.

Als Polen 1771 zwischen Russland, Österreich und Preußen aufgeteilt wurde, bekam der preußische Staat ein nationales Minderheitenproblem. In dem neuen Gebiet lebte eine große polnische Bevölkerung, die fest an ihrer Nationalität und Sprache festhielt, wie die Sorben heute noch. Die preußische Antwort war eine massive Siedlungskampagne, die sehr gut organisiert und bis ins kleinste Detail geplant war. Die Siedler bekamen ein Stück Land und viele Vergünstigungen. Die polnische Minderheit dagegen wurde auf jede mögliche Weise unterdrückt und diskriminiert. Die preußischen Könige wollten ihr neu erworbenes Land „germanisieren“, so wie die israelische Regierung die besetzten Gebiete „judaisieren“ will.

Diese preußische Bemühung hatte direkten Einfluss auf die jüdische Kolonisierung Palästinas. Sie diente als Vorbild für den Vater des zionistischen Siedlungsunternehmens, Arthur Ruppin, und es kann nicht als Zufall gelten, dass Ruppin ebenda, in den polnischen Gebieten Preußens, geboren wurde und aufwuchs.

Es ist unmöglich, den Einfluss des preußischen Modells auf die zionistische Bewegung in fast allen Lebensgebieten zu übertreiben.

Theodor Herzl, der Gründer der Bewegung, wurde in Budapest geboren und lebte in Wien. Er bewunderte das neue Deutsche Reich, das 1871 gegründet wurde, als er gerade 11 Jahre alt war. Der König von Preußen – dessen Staatsgebiet mehr als die Hälfte des gesamten Reichsgebiets stellte – wurde zum deutschen Kaiser gekrönt, und Preußen bildete das neue Reich nach seinem Bilde. Herzls Tagebücher sind voller Bewunderung für den deutschen Staat. Er hofierte Wilhelm II., König von Preußen und Kaiser von Deutschland, der so gnädig war, ihn in einem Zelt vor den Toren Jerusalems zu empfangen. Er wollte, dass der Kaiser der Schutzherr des zionistischen Unternehmens werde, aber Wilhelm merkte nur an, dass der Zionismus zwar eine gute Idee sei, „er mit Juden aber nicht realisiert werden könne“.

Herzl war nicht der einzige, der dem zionistischen Unternehmen einen preußisch-germanischen Stempel aufdrücken wollte. Darin wurde er von Ruppin in den Schatten gestellt, der heute von israelischen Schulkindern vor allem als Straßenname bekannt ist. Aber Ruppin hatte einen enormen Einfluss auf das zionistische Unternehmen, mehr als jede andere Einzelpersönlichkeit. In ihrer prägenden Periode, in den Jahren der zweiten und dritten Einwanderungswelle (Aliya) – im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts – war er der wirkliche Führer der zionistischen Einwanderer Palästinas. Er war der geistige Vater von Berl Katznelson, David Ben Gurion und ihrer Generation, den Gründern der zionistischen Arbeiterbewegung, die zu einer dominanten Stellung nicht nur in der jüdischen Gesellschaft Palästinas, sondern auch später in Israel gelangte. Er war es, der praktisch den Kibbuz und den Moshav (kooperative Siedlung) erfunden hat.

Wenn es so ist, warum ist er aus dem offiziellen Gedächtnis fast verschwunden? Weil man einige Seiten Ruppins besser vergessen sollte. Bevor er Zionist wurde, war er ein extremer preußisch-deutscher Nationalist. Er war einer der Väter des „wissenschaftlich“ rassistischen Glaubens und war von der Überlegenheit der arischen Rasse überzeugt. Bis zum Ende beschäftigte er sich mit dem Abmessen von Schädeln und Nasen, um verschiedene rassistische Ideen zu bestätigen. Seine deutschen Partner und Freunde pflegten die „Wissenschaft“, die Adolf Hitler und seine Anhänger inspirierten.

Die zionistische Bewegung wäre unmöglich gewesen, wenn ihr nicht ein Heinrich Grätz vorausgegangen wäre, der Historiker, der das historische Bild der Juden geschaffen hat, das wir alle in der Schule lernten. Grätz, der auch im polnischen Gebiet Preußens geboren worden war, war ein Schüler der preußisch-deutschen Historiker, die die deutsche Nation „erfanden“, ganz so wie er später auch die jüdische Nation „erfand“.

Das Wichtigste, das wir vielleicht Preußen zu verdanken haben, ist die geheiligte Idee des „Staates“ (Medina auf Hebräisch) – eine Idee, die unser ganzes Leben beherrscht. Die meisten Länder werden offiziell „Republik“ (Frankreich z.B.) genannt, Königreich (Britannien) oder Föderation (Russland). Der offizielle Name „Staat Israel“ ist im Wesentlichen preußisch.

Als ich das erste Mal die Ähnlichkeiten zwischen Preußen und Israel zur Sprache brachte (ich widmete diesem Thema ein Kapitel in der hebräischen und deutschen Ausgabe meines Buches von 1967 „Israel ohne Zionisten“), sah es wie ein unbegründeter Vergleich aus. Heute ist das Bild klarer. Nicht nur, dass das ranghohe Offizierkorps einen zentralen Platz in allen Lebensbereichen einnimmt – das riesige Militärbudget steht bei uns außerhalb jeder Diskussion – sondern auch unsere täglichen Nachrichten sind voll typischer „preußischer“ Beispiele. Zum Beispiel stellt es sich heraus, dass das Gehalt des Generalstabschefs doppelt so hoch ist wie das des Ministerpräsidenten. Der Minister für Erziehung und Bildung hat angekündigt, dass die Schulen in Zukunft danach bemessen werden würden, wie viele ihrer Schüler sich freiwillig zu Kampfeinheiten melden würden. Das klingt irgendwie bekannt – aber auf Deutsch ”¦

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs entschieden die vier Besatzungsmächte, Preußen aufzulösen und sein Gebiet auf mehrere Bundesländer, Polen und die UDSSR, aufzuteilen. Das geschah im Februar 1947 – nur 15 Monate vor der Gründung des Staates Israel.

Jeder der an Seelenwanderung glaubt, kann seine eigenen Schlussfolgerungen ziehen. Es ist sicherlich nachdenkenswert.

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Anmerkungen:

Vorstehender Artikel von Uri Avnery wurde aus dem Englischen von Ellen Rohlfs und Christoph Glanz übersetzt. Die Übersetzung wurde vom Verfasser autorisiert. Der Beitrag wurde am 12.12.2009 unter www.uri-avnery.de erstveröffentlicht. Alle Rechte beim Autor.

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