Mythos Bankenmacht – Warum die Thesen von einer besonderen Verfügungsgewalt der Finanzinstitute über Industrie und Handel falsch sind

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Berlin (Weltexpress). Dass Banken als besonders mächtig gelten und dafür gescholten werden, hat viel mit ihrer Funktion und ihrer besonderen Stellung in der Wirtschaft zu tun. Der Bankensektor ist nicht einfach nur eine Verwertungssphäre des Kapitals, ein Wirtschaftszweig unter anderen. Banken stellen einen gemeinsamen Bezugspunkt für alle dar, indem sie für die gesamte Gesellschaft den Zahlungsverkehr abwickeln, deren Gelder einsammeln und diese zu großen Massen konzentrieren, so dass statt des einzelnen Geldverleihers sie den Kredit vergeben. Auf diese Weise erhält das zu verleihende Geldkapital einen allgemeinen gesellschaftlichen Charakter, organisiert und vertreten durch die Bank.

In deren Geschäft schlagen sich die verschiedenen ökonomischen Operationen der anderen nieder. Die Banken sind natürlich nicht die Urheber solcher Operationen, aber sie registrieren die entsprechenden Geld- und Kreditvorgänge und haben Einblick in die Profitabilität. Sie erwecken dadurch den Schein der Kontrolle, als hätten sie Macht über den gesamten Wirtschaftsprozess. Und sie scheinen durch deregulierte und stark expandierende Finanzmärkte mächtig geworden zu sein. Der hohe Anteil des »Finanzkapitals« wird als Beleg für die neue Qualität des Kapitalismus angeführt, der jetzt »finanzmarktgetrieben« sein soll.
Doch welche Macht besitzen Banken tatsächlich? Und sind sie in der Lage, die bisherigen ökonomischen Gesetzmäßigkeiten außer Kraft zu setzen oder zumindest so zu modifizieren, dass wir von einer neuen Phase des Kapitalismus sprechen müssen?

Ausgleich der Profitraten

Wenn die Kreditinstitute wirklich so mächtig wären, wie gemeinhin angenommen, mächtiger als vergleichbare Kapitale aus Industrie und Handel, dann würden sie ganz selbstverständlich ihre besondere Stellung für eine höhere Profitrate einsetzen. Die Konsequenz wäre ein Kapital-Run auf die besonders attraktive Bankenbranche bei gleichzeitiger Reduktion des Industrie- und Handelsgeschäfts. Alle würden versuchen, Banker zu werden, um den höheren Profit zu erhalten. Einen solchen Gründungsboom hat es offensichtlich deshalb nicht gegeben, weil die Profitrate im Bankensektor – von temporären Schwankungen abgesehen – keineswegs dauerhaft höher lag als in der Industrie. Eigenkapitalrenditen von 25 Prozent, die der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Josef Ackermann, zu erreichen hoffte, haben produzierende Unternehmen längst erzielt.
Die Konkurrenz zwischen den Branchen verhindert die besondere ökonomische Machtstellung des Bankensektors und führt tendenziell zu einem Ausgleich der Profitraten. Zudem relativiert die Konkurrenz innerhalb der Branche die ökonomische Macht einzelner Institute, schon weil unzufriedene Kunden die Möglichkeit haben, ihre Bank zu wechseln.

Reflexionen über die Einbindung der Banken in den ökonomischen Gesamtzusammenhang legen bereits nahe, dass deren besondere Macht mehr Schein als Sein ist, ein Schein allerdings, der aus ihrem Geschäft selbst hervorgeht. Untersuchen wir ihre Funktion und Macht im Einzelnen.

Die rein technischen Bewegungen, die das Geld im Warenverkehr durchmacht, darunter der gesamte Zahlungsverkehr, werden zu einem großen Teil von den Banken geschäftsmäßig für andere erledigt. Konzentration und Professionalisierung solcher Tätigkeiten senken die Kosten. Aber die Bank verursacht nicht die Geldzirkulation; sie wickelt lediglich die technischen Vorgänge ab, die mit der Bewegung des Geldes anfallen. Sie ist Dienstleister für andere und verwertet auf diese Weise ihr dafür vorgeschossenes Kapital. Eine besondere Macht fällt ihr nicht zu.

Verleihbares Geldkapital

Auch das Einlagengeschäft verschafft der Bank zunächst keine besondere Macht. Geld fließt ihr in Form von Sicht-, Termin- und Spareinlagen zu, je nachdem, in welcher Weise der Kunde darüber verfügen will. Hinzu kommen die verbrieften Kreditformen, darunter die Bankschuldverschreibungen, die dem verleihenden Kunden den Vorteil bringen, sein Kreditengagement durch Verkauf des Wertpapiers zu beenden.

Die Gelder kommen von Industrie-, Handels- und Dienstleistungsunternehmen, deren ökonomische Kreislaufprozesse Kapitale freisetzen und Reservebildungen erfordern, die bei der Bank angelegt werden. Hinzu kommen die Einlagen der Geldkapitalisten, die, statt selbst zu verleihen, den Kreditinstituten das Geschäft gegen Zins überlassen. Schließlich fließen den Banken Gelder aus dem Vorübergehend oder auch für längere Zeit nicht genutzten Einkommen aller Klassen zu. All diese Gelder, für die teilweise Zins anfällt, werden von den Banken gesammelt und in ihren Händen konzentriert. Die Banken wandeln das Geld der anderen in verleihbares Geldkapital um. Sie machen daraus gesellschaftliches Kapital, über das sie so lange verfügen, bis sie es als Kredit fortgeben.

Mit dem Abschluss des Kreditvertrags verpflichtet sich die Bank, dem Kreditnehmer das Geld zu überlassen; der wiederum garantiert, es später zuzüglich Zins zurückzuerstatten. Mit der Übereignung besitzt der Kreditnehmer das Geld, das er für seine Zwecke einsetzt: Der Unternehmer mag langfristig eine neue Fabrik (Investitionskredit) oder kurzfristig den Kauf von Rohstoffen (Betriebsmittelkredit) finanzieren; der Lohnabhängige ermöglicht sich so vielleicht seinen Möbelkauf (Konsumentenkredit) oder seine Eigentumswohnung (Hypothekenkredit), der Staat bezahlt mit dem Kredit einen Teil seiner Ausgaben.

Hier ist eine wichtige Unterscheidung unbedingt festzuhalten, weil sie zentral ist, um das ökonomische Aktionsfeld einer Bank genau abzustecken und um die Grenzen der Bankenmacht zu erkennen. Bis zur Übereignung des Geldes verfügt die Bank über das verleihbare Geldkapital, danach besitzt sie nur noch einen Anspruch auf Geld, der als zirkulationsfähiges Wertpapier (Anleihe, Aktie) verbrieft sein mag oder auch nicht. Für die Bank hat sich das verleihbare Geldkapital in zinstragendes Kapital verwandelt, das für sie in einem Schuld- oder Eigentumstitel besteht.
Umgekehrt hat mit der Übereignung des Geldes z.B. der Industrieunternehmer die wirkliche Geldform erhalten, die er in seinem Geschäft als Geldkapital einsetzt, um damit Produktionsvoraussetzungen zu kaufen. Als Kreditgeber hat die Bank mit diesem Geschäft und den sich anschließenden ökonomischen Operationen (Produktion, Verkauf der produzierten Ware, erneuter Kauf der Produktionsvoraussetzungen) nichts mehr zu tun. Sie steht außerhalb dieses ökonomischen Kreislaufs, ohne darüber in irgendeiner Weise zu verfügen.

Kritik der Verschmelzungsthese

Genau das wird von denen bestritten, die unter der schillernden Bezeichnung »Finanzkapital« das ökonomische Aktionsfeld und damit die Macht der Bank auf die gesamte Wirtschaft beziehen. Eine nur schwer überschaubare Zahl von Beiträgen ist vor allem seit den 1990er Jahren dazu entstanden, in denen anknüpfend an die klassische Theorie des Finanzkapitals – vorgestellt vor gut 100 Jahren vom Sozialdemokraten Rudolf Hilferding – die Verschmelzung von Industrie- und Bankkapital zum »Finanzkapital« behauptet wird. Die von Hilferding damals gegebene Definition des Finanzkapitals kann noch heute Gültigkeit beanspruchen«, schreibt repräsentativ für viele Andreas Wehr (1), um dann die Kernthese Hilferdings unhinterfragt zu übernehmen: »Die Bank (muss) einen immer wachsenden Teil ihrer Kapitalien in der Industrie fixieren. Sie wird damit in immer größerem Umfang industrieller Kapitalist (1). Ich nenne das Bankkapital, also Kapital in Geldform (2), das auf diese Weise in Wirklichkeit in industrielles Kapital verwandelt (3) ist, das Finanzkapital. (”¦) Finanzkapital (ist) Kapital in der Verfügung (4) der Banken und in der Verwendung der Industriellen.« (2)

Hilferding lässt die verleihende Bank, ohne dass sie die fortgegebene Geldform wirklich einbüßt, auf absurde Weise zugleich industrielle Kapitalistin werden. Das entsprechende Kapital bleibt trotz Weggabe in ihrer Verfügung, steht aber gleichzeitig in der Verwendung der Industrie. Was die Bank weggegeben hat, scheint sie noch zu besitzen. Sie ist gleichzeitig Besitzerin und Nichtbesitzerin; sie ist Bank und als industrieller Kapitalist zugleich Nichtbank. Sie scheint in die glückliche Lage versetzt, alle Formen des Kapitals gleichzeitig zu vereinen: ihre eigenen, die Formen des industriellen Kapitals sowie die Geldform. Das gesamte Kapital der Gesellschaft scheint sich bei ihr zu konzentrieren und mit ihm die allgemeine Kapitalherrschaft, die zu einer Herrschaft der Banken über die Gesellschaft wird.

Unterjocht werden nicht nur Industrie- und Handelskapitale, auch borgende Lohnabhängige gehören zu den Opfern des Finanzkapitals. Heutzutage wird diese Konsequenz aus der Verschmelzungsthese folgendermaßen gezogen: »Wir können also von einer zunehmenden ökonomischen und politischen Subsumtion der Reproduktion der Lohnabhängigen unter das Finanzkapital sprechen, die einerseits auf der zunehmenden Verschuldung der Lohnabhängigen beruht und andererseits auf der zunehmenden Umleitung von Lohnbestandteilen auf die Finanzmärkte und ihrer Umwandlung in zinstragendes und fiktives Kapital.« (3)

Die Verschmelzungsthese wirft zentrale Kreditbestimmungen durcheinander: Verleihbares Geldkapital in der Hand der Banken ist – wie oben gezeigt – streng zu unterscheiden vom zins ¬tragenden Kapital, bei dem die Bank lediglich einen Anspruch auf Geld besitzt. In der Hand des borgenden Industrieunternehmens fungiert das geliehene Geld als Geldkapital, das jenseits der Bank einen industriellen Geschäftskreislauf eröffnet. Die Bank ist gerade kein »industrieller Kapitalist« (1), wenn sie dorthin einen Kredit vergibt. Was ihr verbleibt, ist der Anspruch auf Geld, nicht aber das Geld selbst. Nicht sie, sondern der Industrieunternehmer besitzt nun das »Kapital in Geldform« (2), das er in »industrielles Kapital verwandelt« (3). Er ist es, der darüber verfügt (4), nicht die Bank. (4)

Die in sich widersprüchliche, verworrene und letztendlich absurde Verschmelzungsthese gewinnt auch nicht an Glaubwürdigkeit, wenn die Initiative zur Bildung von Finanzkapital in Richtung »industrieller Akteure« verschoben wird.5 Dass Industrieunternehmen wie VW, Daimler, Siemens oder General Electric unter ihrem Konzerndach eine Bank ansiedeln, bedeutet keineswegs, wie etwa die Sozialistische Inititiative Berlin (SIB) in ihrem Krisenpapier meint6, dass eine »saubere tatsächliche und begriffliche Trennung von Real- und Finanzwirtschaft« nicht möglich sei.

Wenn die konzerneigene Bank Industriegeschäfte kreditiert, dann ändern die zugrunde liegenden Beteiligungsverhältnisse nichts an den Bestimmungen des Kreditverhältnisses: Ökonomisch unterscheidet sich auch hier die geldverleihende Bank vom Borger, der das geliehene Geld für seine industriellen Zwecke einsetzt. Die Bank verfügt ökonomisch nicht mehr über das Geld, sobald sie es fortgegeben hat; sie ist begrifflich sehr wohl zu unterscheiden vom Industriekapital.
»Zentrale Akteure«?

Mit der Verschmelzungsthese wird das ökonomische Aktionsfeld der Bank illusionär auf Industrie und Handel verlängert. Der Mythos von der beherrschenden Macht der Banken ist nur die Konsequenz davon.

Zu den großen Kreditgebern gehören neben Banken noch die Versicherungen, Pensions-, Investment- und Geldmarktfonds, Vermögensverwaltungen. Die nahe liegende Vorstellung, dass analog zu den Banken solchen Finanzinvestoren gleichfalls besondere Macht zufällt, dass sie »zunehmend als zentrale Akteure an die Stelle einzelner Unternehmer oder Manager« treten würden, brachte vor allem Jörg Huffschmid in die Diskussion. »Sie sammeln Geld, bündeln es zu großen Beträgen und verwenden diese in einem breiten Spektrum von Aktivitäten, unter denen die Produktion von Gütern und Dienstleistungen nur eine von vielen Operationen ist. Kapitalismus wird zu finanzmarktgetriebenem – genauer finanzinvestorengetriebenem – Kapitalismus.« Finanzinvestoren würden »Renditeziele« für die Unternehmen aufstellen und könnten sich bei Nichteinhaltung »durch Verkauf ihrer Anteile jederzeit aus dem Unternehmen zurückziehen, und diese Exit-Option verschafft ihnen Druckpotential«. (7)

Ein solcher »finanzinvestorengetriebener Kapitalismus« löst die allgemeine Kapitalherrschaft in die der Finanzinvestoren (einschließlich Banken) über die Gesellschaft auf. Die »Produktion von Gütern (nicht von Waren!) und Dienstleistungen« wird davon beherrscht, bezieht daraus ihre gesellschaftlichen Formbestimmungen, also auch die Verwertungszwänge des Kapitals (»Renditeziele«).

Die Art und Weise wie diese Herrschaft von denen, die der Produktion fern stehen, ausgeübt werden soll, bleibt weitgehend im Dunkeln. Wenn Finanzinvestoren festverzinsliche Wertpapiere oder Aktien (»Anteile«) verkaufen, führt das keineswegs zu einem Abfluss von Geld aus dem Unternehmen, wie hier nahe gelegt wird. Die Unternehmung behält das geliehene Kapital, auch wenn das Wertpapier den Eigentümer wechselt. Ein »Druckpotential«, wie behauptet, halten die Besitzer eines festverzinslichen Wertpapiers gar nicht in ihren Händen – eine verkehrte Vorstellung, die aus einer mystifizierenden Sicht des Finanzkapitals hervorgeht, so als könnte der Geldverleiher über das fortgegebene Geld noch immer verfügen.
Selbst als Aktionär steht der Finanzinvestor außerhalb des operativen Geschäfts der entsprechenden Aktiengesellschaft. Lediglich als Großaktionär hat er gewissen Einfluss auf die Geschäftsführung, die aber in jedem Fall Träger der wirklichen Kapitalbewegung bleibt. Was der Großaktionär kann, ist, darauf zu achten, dass die Geschäftsführung ihren Job gut macht, das heißt den Erfordernissen der Konkurrenz gerecht wird. Die Konkurrenz selbst erzwingt ein unternehmerisches Verhalten, das ganz auf die Verwertung des Kapitals ausgerichtet ist. Dazu bedarf es keiner Finanzinvestoren, die angeblich mit ihren Renditezielen den Verwertungszwang in die Ökonomie tragen. Es verhält sich umgekehrt: Das, was sie an Rendite (Performance) erhoffen, versuchen ihre Research-Abteilungen durch Analyse der Verwertungsprozesse in Industrie und Handel zu ermitteln. Die tatsächliche und prognostizierte Verwertung ist hier die Mutter aller Renditewünsche.

Der »Club der 147«

Finanzinvestoren verfügen über ein weit reichendes Netz von Kreditbeziehungen. Sie besitzen Beteiligungen (z.B. Aktien) und sind über Aufsichtsratsmandate personell verflochten. Empirische Untersuchungen belegen immer wieder, wie weit verzweigt und engmaschig ein solches Netzwerk ist.

Die Hochschule Zürich brachte im vorigen Jahr auf der Grundlage der umfassenden OECD-Orbit-Datenbank eine Studie unter dem Titel »Network of Global Corporate Control« heraus, in der die Kennzahlen von 37 Millionen Marktteilnehmern, darunter von 43000 transnationalen Unternehmen, ausgewertet worden sind. Das Forscherteam benannte 1318 Konzerne, auf die ein Fünftel der globalen Umsätze entfielen; unter Einschluss der Beteiligungen stieg der Umsatzanteil auf vier Fünftel. Innerhalb dieses Netzwerkes waren 147 Unternehmen (drei Viertel davon Finanzfirmen) über ein kompliziertes Geflecht von meist wechselseitigen Beteiligungen besonders eng miteinander verbunden. Der Kreis der 50 »mächtigsten Unternehmen« soll aus einem fast exklusiven Club von Banken, Fondsgesellschaften und Versicherungen bestehen.

Diese Netzwerke sagen nichts über das tatsächliche Verhalten der Unternehmen aus, die unter den jeweils vorhandenen Konkurrenzverhältnissen an ihren Märkten für die eigenen Zwecke operieren müssen. Durch Beteiligungs-, Kredit- und weitere Geschäftsbeziehungen wird dieser durch die Konkurrenz aufgeherrschte Zwang zur Verwertung keineswegs beseitigt. Beteiligungen etc. sind vielmehr ein Geschäftsmittel der Verwertung. Die Konkurrenz entzweit, macht Firmen zu feindlichen Brüdern, selbst wenn sie auf der Ebene des Eigentums miteinander verbunden sind.

Entsprechend zurückhaltend bleibt die Studie, wenn es um die Frage geht, inwieweit der »Club der 147« sein Verhalten koordiniert oder gar als einheitliches Subjekt auftritt. Auf der Grundlage der Warenproduktion, die gerade die Aufsplitterung des gesellschaftlichen Zusammenhangs in selbständige und voneinander unabhängige Privatarbeiten beinhaltet, ist an ein koordiniertes Verhalten nicht zu denken. Das wäre ein Widerspruch in sich. Das Generalkartell, das Hilferding vor 100 Jahren kommen sah, ist bis heute Illusion geblieben – eine Fehlprognose auf der Grundlage fehlerhafter Vorstellungen vom Kreditverhältnis.

Die Illusion regiert

Die These von der Macht der Banken wird in zweifacher Hinsicht relativiert: einerseits durch die behauptete »Umkehr der traditionellen finanzkapitalistischen Verflechtung« in Richtung Industriekapital, andererseits durch das Hervorheben weiterer Finanzinvestoren. Eine dritte Variante betont entweder die »Herrschaft der Finanzmärkte« (ATTAC, gelegentlich Huffschmid), sieht darin die »strukturelle Steuerungsinstanz der kapitalistischen Ökonomie« (Michael Heinrich) oder hebt die »spezifische, neuartige Dominanz des zinstragenden und fiktiven Kapitals« (Thomas Sablowski) hervor. Die Banken bleiben in diesen Argumentationen zwar ein wichtiger Machtfaktor, der Blick hat sich aber in Richtung »Diktatur der Finanzmärkte« und in Richtung gehandelte Wertpapiere (fiktives Kapital: Aktien, Anleihen, Derivate etc.) geändert.

All diese Varianten beruhen auf einer verkehrten Vorstellung vom Kreditsystem und laufen darauf hinaus, den Vertretern des verleihenden Geldkapitals eine beherrschende Macht anzudichten. Gemeinsam ist ihnen die Verschmelzungsthese. Deren Kritik beseitigte die theoretischen Konstruktionen, auf denen die Macht des Finanzkapitals beruhen sollte.

Allerdings gibt es noch eine empirische Begründung, die stellvertretend für viele folgendermaßen auf den Punkt gebracht wird: »Im Jahr 2007 summierte sich das in Form von Krediten, Anleihen und Aktien angelegte zinstragende und fiktive Kapital global auf 202 Billionen US-Dollar (”¦). Der Zusammenhang der verschiedenen Kreisläufe gleicht einer auf dem Kopf stehenden Pyramide, bei der sich die Basis, der Kreislauf des industriellen Kapitals, relativ klein ausnimmt im Vergleich zu den darauf aufbauenden Kreisläufen des Finanzkapitals, d.h. des zinstragenden Kapitals, des fiktiven Kapitals und der Derivate.« (8)

Geblendet von Billionenbeträgen des fiktiven Kapitals, deuten die Autoren die Verschiebungen des quantitativen Verhältnisses als Machtverschiebung. Doch sie selbst sind es, die vom »fiktiven Kapital« sprechen. Dieser Name liefert schon einen Hinweis, dass der angesprochene Kapitalwert rein illusorisch ist – und eine solche Fiktion soll Macht über die »industrielle Basis« besitzen? Die Illusion regiert!
Das Industriekapital existiert keineswegs doppelt, einmal als das im Industrieunternehmen fungierende Kapital und das andere Mal als Kapitalwert von Aktien oder Schuldtiteln. Es existiert nur in der ersten Form. Die Aktie ist ein bloßer Eigentumstitel, versehen mit dem Anspruch auf einen Teil des Profits. Die Unternehmensanleihen verbriefen einen Anspruch auf Geld, ohne aber selbst Geld bzw. Geldkapital zu sein. Beide sind papierne Duplikate des wirklich fungierenden Kapitals.

Der illusorische Charakter ist bei den festverzinslichen Staatspapieren auf die Spitze getrieben: Hier erscheint eine Schuld, die z.B. durch den »Staatskonsum«, also durch die Vernichtung von Wert, entstanden war, positiv als Kapital.
Die Verbriefung von Schuld- und Eigentumstiteln, ein besonderes Geschäft von Banken, hält sich keineswegs an die Regeln der einfachen Duplikation. Eine Verdreifachung, Vervierfachung etc. bläht das fiktive Kapital auf.

Lieferantenforderungen, Hypotheken-, Automobil- und Konsumentendarlehen, früher unauffällige Posten der Buchführung, werden mit ihrer Verbriefung von Banken oder Schattenbanken aus ihrem verborgenden Dasein hervorgeholt. Sie mehren die Masse der Wertpapiere an den Finanzmärkten. Zugleich lösen die Forderungskäufe weitere Verbriefungsaktionen zur Finanzierung dieser Käufe aus.
Vielfältige Derivate, die Zins-, Währungs-, Preis-, Kursschwankungen, Kreditausfallrisiken etc. absichern, blähen schließlich das fiktive Kapital zu einem Zahlenungeheuer auf.

Statt sich diesen wenig geheimnisvollen Vermehrungsprozess klarzumachen, staunen die Autoren über das unbegriffene Symptom der Vermehrung und tragen gelehrsam die statistisch ausgewiesenen Billionenbeträge als Popanz vor sich her.

Kleinbürgerliche Utopie

All die Illusionen über die wunderwirkende Macht des Finanzkapitals und der Banken entspringen der völligen Unkenntnis der kapitalistischen Produktionsweise und des Kreditsystem als einer ihrer Formen. Das Kreditsystem entspricht nicht einfach nur der sich fortentwickelnden Produktionsweise. Es hilft, die Produktion zu beschleunigen. Damit beschleunigt es den Krisenprozeß und steigert die Elemente der Auflösung der alten Gesellschaft.

Reaktionär ist es, dagegen anzurennen, um das Kredit- und Bankensystem klein, überschaubar und scheinbar krisenfrei zu machen. Das ist eine kleinbürgerliche Utopie.

Eine Ablenkung ist es, das Kapital in den selbst konstruierten, illusorisch-absurden Formen des Finanzkapitals zu bekämpfen, nicht aber in seiner realen Gestalt.
Meine Analyse von Funktion und Macht der Banken fand keine neue Qualität des Kapitalismus, wohl aber eine besondere Art des Antikapitalismus, die mehr Schein als Sein ist, wenn sie Finanzkapital, Finanzmärkte und Finanzinvestoren (darunter Banken) zu Schreckgestalten aufbauscht, die angeblich über Land, Leute und Nationen übel herfallen. Um die Schreckgestalten des kapitalistischen Produktionsprozesses mit seinen immanenten Krisen- und Zerstörungsprozessen muss man sich dann nicht mehr kümmern.

Anmerkungen

(1) A. Wehr: Griechenland, die Krise und der Euro, Köln 2011, S. 25
(2) R. Hilferding (1973, zuerst 1910): Das Finanzkapital, S. 309
(3) A. Demirovic/Th. Sablowski: Finanzdominierte Akkumulation und die Krise in Europa, S. 81 www.prokla.de/wp/wp-content/uploads/2012/demirovic-sablowski.pdf
(4) G. Sandleben: Das Finanzkapital – eine Kritik der klassischen Theorie bei Hilferding, verfügbar: www.guenther-sandleben.de/mediapool/57/574173/data/Sandleben_Hilferding.pdf; Eine übersichtliche Darstellung der verschiedenen Kapitalformen findet sich unter: www.mxks.de/kolitik/actual.html
(5) z.B. Wehr, a. a. O, S. 26ff.
(6) Sozialistischen Initiative Berlin (SIB): »Casino« oder »Überakkumulation«?, verfügbar unter: www.trend.infopartisan.net/trd0212/t050212.html
(7) J. Huffschmid: Kapitalismus heute, Hamburg. 2010, S. 55f, 88
(8) Demirovic/Sablowski, a.a.O., S. 79
Erstveröffentlichung: http://www.jungewelt.de/2012/05-29/025.php

Die Erstveröffentlichung dieses Beitrages von Günther Sandleben erfolgte am 13. Juni 2012 in Proletarische Briefe, Website: www.proletarische-briefe.de

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