Muslime, Menschen in Europa – Disproportionen im Programm von ARTE zwischen »Europa« und Muslimen in Europa

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Moschee in Hurghada am Roten Meer. © 2012, Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Die Terroranschläge von Paris, Nizza, Brüssel, Istanbul und Berlin erschütterten im vergangenen Jahr die europäische Öffentlichkeit. Die Spuren führten zum Teil zu islamischen Terrororganisationen. Muslime! Also, schließen die Redakteure von ZDF und ARTE messerscharf, erforschen wir mal Europas Muslime. So jedenfalls heißt die zweiteilige Dokumentation von Thomas Lauterbach, die am Dienstag zur besten Sendezeit auf ARTE laufen wird – immerhin mal nicht kurz vor Mitternacht.

Welche Rolle spielt der Glaube der Muslime? Ist der Islam eine Religion der Gewalt? Mit diesen Fragen machen sich die Journalistin Nazan Gökdemir und der Schriftsteller und Islamkritiker Hamed Abdel-Samad auf den Weg durch Europa. Sie recherchieren in Deutschland, Belgien, Frankreich und Spanien. Dort endet Europa. Hinter der Oder gibt es zum Beispiel noch Tschetschenien, Bulgarien, Bosnien/Herzegowina und Albanien mit muslimischen Mehrheiten oder Minderheiten, aber die interessieren heute nicht.

Die Reporter diskutieren mit Muslimen – jungen Leuten in Berlin, der Gelehrten Sineb El Masrar, dem belgischen Polizisten Hamid Benichou, dem Großmufti von Marseille, Scheib Bencheikh, mit Sozialarbeitern und Aktivisten, ob der Islam gefährlich ist, wie sich Jugendliche zum Beispiel radikalisieren (lassen), um für den »Islamischen Staat« in den heiligen Krieg zu ziehen. Das ist gewissermaßen eine innermuslimische Frage, die jeden von ihnen persönlich berührt. Dennoch ist die Diskussion nicht ungefährlich, denn rühren die Reporter an das Problem, ob der Islam reformiert werden könne oder müsse, verletzen sie bei manchen Gläubigen Gefühle, die sich in Zorn und Drohungen entladen können. Deshalb lebt der Islamkritiker Hamed gefährlich, und ohne Personenschutz kann er sich nicht frei bewegen. Unabhängig davon werden interessante Probleme erörtert, zum Beispiel über den Wahrheitsgehalt der Religion, über Emanzipation und Humanismus. Doch ist das alles, was »Europas Muslime« ausmacht?

Muslime in Europa: wie und wovon leben sie, wo arbeiten sie, welche Sprache sprechen sie, wie nehmen sie am gesellschaftlichen Leben teil? Millionen sind nach Europa als Arbeiter gekommen, sie sind in der Masse Proletarier, viele sind in Gewerkschaften organisiert und aktiv. Wie beeinflusst das ihr Weltbild und ihren Glauben? Für wen hat der Islam überhaupt noch Bedeutung? Wie verschmelzen Nationalbewusstsein, Klassenbewusstsein und Religion in ihren Gedanken und Gefühlen? Wie ist ihr Anteil am Nationaleinkommen, an Politik, Wissenschaft und Kultur? Kann die Gesellschaft in Deutschland, Frankreich, Belgien, in den Niederlanden, in Schweden oder in der Schweiz ohne sie überhaupt noch auskommen? Diese Fragen wurden nicht diskutiert. Europas Muslime allein auf Glaubensfragen hin zu untersuchen, engt ihre gesellschaftliche Rolle ein und setzt sie letztlich einseitig zur Terrorszene in Beziehung. Immerhin, der Zuschauer lernt einfache, kluge, gebildete, fleißige und charmante Menschen kennen. Das bleibt haften. Im Rahmen der selbst gesetzten Grenzen sind Recherche, Kamera und Schnitt sehr gut.

Für das Jubiläum »60 Jahre Römische Verträge« leistete sich ARTE neun Folgen im Programm – eine schöne Schwärmerei. Die Proportion zwischen »Europa« und »Muslimen in Europa« müsste genau umgekehrt sein, um den Menschen gerecht zu werden. Europas Muslime – legst du dich auf einen Titel fest, nimmt man dich beim Wort.

Europas Muslime, Dokumentation von Thomas Lauterbach, ARTE/ZDF, Deutschland 2017, Erstausstrahlung bei ARTE, 11. April, 20.15 und 21.05 Uhr

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