Leichtathletik-Weltmeisterschaften in London: Auch die Hilfe eines guten Freundes bringt David Storl nicht die erhoffte Medaille im Kugelstoßen

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Kugelstoßen
Quelle: Pixabay

Berlin, Deutschland, London, UK (Weltexpress). Mit David Storl kassierte ausgerechnet einer der Größten, Stärksten und bisher Erfolgreichsten im deutschen Aufgebot bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaft in London die wohl bitterste Schlappe. Der zweimaliger Weltmeister, dreifacher Europa-Champion und olympischer Silbermedaillengewinner 2012 im Kugelstoßen schied sang- und klanglos mit 20,80 m und dem zehnten Rang aus.

Noch in der Qualifikation hatte der 125-kg-Recke locker mit einem Versuch 21.41 m die zweitbeste Weite hingeknallt, was seiner Saison-Bestmarke von 21,87 m schon sehr nahe kam.

Als es aber mit den 12 Besten der Qualifikation ins Finale ging, bot der 1,98-Meter-Mann das Bild eines Nervenbündels der Leichtathletik. Erst rutschte ihm die Eisenkugel beim Hantieren fast aus seinen Pranken, dann kam er beim Angleiten zum Stoß ins Stolpern, brach ab und begann erneut … touchierte aber am Ende den Oberrand des Balkens. Rote Flagge. Ungültig. Das gleiche Spiel im zweiten Versuch. Dann im dritten total verkrampft und holprig. 20,80 m. Das war mehr als ein Meter unter seiner Saisonbestweite und sogar 1,40 m hinter seiner persönlichen Bestweite.

Storls Kommentar: „Ein Scheißwettkampf!“

Dabei hatte es eine Woche vor WM-Start im Trainingszentrum Kienbaum noch geheißen: „Unser Ziel ist eine Medaille.“ Verkündet von Storl selbst. Nachdem der neben ihm sitzende Betreuer im blauen Trainingsanzug mit Schwarz-Rot-Gold am Oberarm dies gesagt hatte.

Aber es war nicht Storls langjähriger Trainer Sven Lang, sondern Matthias Große.

Ohne Mauerfall winkte ein Generalsrang bei der NVA

Bis dato war der 49-jährige Große in der Leichtathletik nicht aufgetaucht. Ist aber als Unterstützer, Verteidiger und als Lebenspartner von Claudia Pechstein so vehement und massiv in Erscheinung getreten, dass selbst sich seriös gebende Medien wie „SZ“, „FAZ“ oder „Die Zeit“ wenig schmeichelhafte Attribute für sein Auftreten verwendeten „Kampfhund“ oder „Kampfdrohne“ waren beispielsweise solche Nettigkeiten für den einstigen „Kraftsport-Meister“ der ehemaligen Sowjetunion.

Große hatte der mit fünf Goldmedaillen im Eisschnelllaufen erfolgreichsten deutschen Winter–Olympionikin Pechstein in deren Kampf nach einer umstrittenen Dopingsperre ohne Beweise auf Wiedergutmachung und Schadenersatz Hilfe angeboten, weil er am eigenem Leibe in der Wendezeit erfahren habe „wie es ist, ohne Schuld alles zu verlieren… Einer West-Athletin wäre das nicht passiert, sie hätte mehr Unterstützung bekommen.“

Ohne die deutsche Wende säße er sicherlich nicht an Storls Seite. Er wäre wohl auch nicht mit Pechstein liiert. Als Absolvent der damals noch sowjetischen Militär-Hochschule in Minsk, an der er seit 1986 studierte, winkte ihm ein Generalsrang in der DDR-Armee NVA. Diese berufliche Karriere war mit dem Ende der DDR futsch. Und so schlug er sich zunächst nach dem Mauerfall mit Gelegenheitsjobs durch. Vom Kloputzer über Türsteher bis zum Chef einer Disco…

Doch der energiegeladene Große hat sich aus diesem Tief herausgerappelt. Als erfolgreicher Immobilien-Unternehmer sowie Pechstein-Mentor einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht.

Aufhören mit 27? Unvorstellbar!

Bei einem Treff in der VIP-Lounge des Schalker Stadions während des Abschiedsspiel für Trainer Huub Stevens schilderte der Chemnitzer Storl der Berlinerin Pechstein seine Nöte. Im Vorjahr in Rio de Janeiro hatte er mit Rang sieben die erste große Enttäuschung seiner Karriere hinnehmen müssen. Und er denke gar ans Aufhören, weil er nicht mit der ungewohnten Situation klar käme.

Denn bis dahin war ihm alles nur so zugeflogen. Talent, weltbester Jugendlicher, weltbester Junior. Dann der nahtlose Übergang jüngster Europameister, jüngster Weltmeister im Kugelstoßen – gar von einem Jahrtausend-Talent war die Rede!
Und dann aufhören mit 27? Unvorstellbar für Pechstein, Weltklasse und erfolgreich noch mit mehr als 40 Lenzen. Vielleicht wolle er mal mit Matthias reden?!

Die beiden kamen ins Gespräch. Und das verlief anders als jenes mit einer Sportpsychologin: „Das war alles zu theoretisch. Ich bin niemand, der drei Stunden über Probleme reden muss. Das bringt mir nichts.“

Klare Ansagen und Zielkorridore

Bei Große, der sich in den Wendejahren auch mal als Athletik-Trainer bei Stuttgart und Schalke vergeblich beworben hatte, hieß es (miltärisch) zielgerichtet und knapp: Du brauchst keinen Psychologen – aber klare Ansagen! Also im Wettstreit mehr Biest sein – während des Wettkampfes einem Kontrahenten zum Stoß gratulieren geht gar nicht! Keine Panik, wenn die erhoffte Weite oder Platzierung nicht eintreffen! Nicht auf die genaue Leistung vorher festlegen, sondern auf realistische Zielkorridore! Also nicht 21,50 m anvisieren, sondern den Zielkorridor 20,50 m bis 21,50 m! Und bei allem auf sich selbst konzentrieren und sich nicht ablenken lassen!

„Damit sind wir bisher in dieser Saison gut gefahren“, sagt Große. Nur einmal habe man den angestrebten Korridor nicht erreicht. Das war bei den Deutschen Meisterschaften, als Storl konkurrenzlos mit mehr als einem Meter Vorsprung gewann. Aber „nur“ 20,98 m erreichte. Da fehlten eben die drei Zentimeter zum Erreichen der 21er Zielvorgabe.

Die sehr frühe Belastung seines Körpers mit Tausenden Tonnen gestemmter Eisenhanteln hatten zu einigen Verschleißerscheinungen (Knie vor allem) geführt. Was Korrekturen im technischen Ablauf erforderte. David Storl scheint derzeit nicht die gewohnte Stabilität zu besitzen. Auch so lassen sich die zwei Fehlversuche beim Kugelstoßen in London erklären.

Dass Leistungsschwankungen- und Einbrüche gerade auch bei den äußerlich so starken Typen im Kugelstoßring durchaus zum gewohnten Bild gehören, zeigte bei der WM der Olympiasieger und Jahres-Weltbeste Ryan Crouser (USA). Er kam mit 22,65 m an die Themse und verließ mit 21,20 m als Sechster das Olympiastadion.

Als Storl der Medienrunde in Kienbaum die Anwesenheit von Große erläutern sollte, blickten sich beide an. Dann meinte Große, er sei weder Leichtathletik-Trainer noch Psychologe: „Aber ich kenne solche Situation, wie man sich aus einem Tal rausarbeitet.“ Und Storl sagt zum Verhältnis, Matthias sei „ein guter Freund geworden“. Und die Unterstützung sei – logisch – honorarfrei.

Als beide die honorarfreie Zusammenarbeit vereinbarten, wirkte Storl ein wenig rat- und orientierungslos. Vor den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in London dann voll motiviert und fokussiert. Bleibt zu wünschen, dass der Rückschlag von der WM keine bleibenden Spuren zurücklässt. Beim gemeinsamen Ziel: „David kann bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio Olympiasieger werden und 23 m stoßen.“

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