Könnte das Deutsche Symphonie-Orchester deutsche Komponisten aus der DDR entdecken? – Jahrespressekonferenz des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin ohne Chefdirigenten

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© DSO Berlin / Christoph Hengelhaupt
Berlin, Deutschland (Weltexpress). In einer Pressekonferenz stellte das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (DSO) seine Pläne für die Spielzeit 2016/2017 vor. Es wird wieder eine Saison ohne Chefdirigenten sein, denn Tugan Sochiews Vertrag läuft im Juni vorzeitig aus. Er wurde zum Musikdirektor des Bolschoi Theater berufen, wird aber auch künftig als Gast am Pult des DSO stehen.

Der Neue, der Brite Robin Ticciati, übernimmt mit der Saison 2017/2018 die Verantwortung. Ticciati wurde im November vorgestellt, unterzeichnete feierlich seinen Vertrag bis 2022, fiel aber im Gastkonzert am 28. Februar wegen Bandscheibenvorfalls aus. Der Orchesterdirektor Alexander Steinbeis tröstete über die Leerstelle hinweg: in der neuen Saison dirigieren sogar fünf Chefdirigenten: die ehemaligen Chefs Wladimir Ashkenasi, Kent Nagano, Ingo Metzmacher und Tugan Sochiew sowie Robin Ticciati, die zusammen ein Drittel des Programms bestreiten. Hinzu kommen bedeutende Dirigenten wie David Zinman, Sir Roger Norrington, Christoph Eschenbach, Ton Koopman, Jacub Hrusa und Andris Poga.

Höhepunkte werden das Jubiläumskonzert zum 70. Geburtstag des Orchesters am 6. November unter Leitung von Kent Nagano und die Uraufführung eines Konzerts für Violine und Violoncello von Jelena Firsowa unter Leitung von Sochiew sein. Mit dem Rundfunkchor Berlin wird die Deutsche Messe von Stefan Heucke uraufgeführt, und Martin Grubinger kommt mit einem eigens für ihn komponierten Konzert für Schlagzeug und Orchester wieder. Gut vertreten sind entsprechend den Vorlieben der Chefs britische und französische Werke. Das Repertoire umfasst 98 Komponisten. Darunter findet sich kein einziger Komponist der DDR. Meine Frage, ob das Deutsche Symphonie-Orchester nach seiner Hervorhebung französischer, russischer, slawischer und britischer auch deutsche Komponisten aus der DDR entdecken wolle, beantwortete Steinbeis mit dem Hinweis auf die Aufführung der Deutschen Sinfonie von Hanns Eisler im Jahre 2009!  Aber: »Wir bleiben im Gespräch«. »Wir« könnten zum Beispiel die Uraufführung der 6. oder 7. Sinfonie des Leipziger Komponisten Karl Ottomar Treibmann anregen.

Sehr erfolgreich bemüht sich das DSO um neue Formen der Musikvermittlung. Neben den bewährten Kinderkonzerten im Rundfunkhaus, neben Probenbesuchen und Workshops wurde der Symphonic Mob zum Knüller, bei dem jeder Laie und jeder Profi mit jeglichem Instrument in einem Spontanorchester mitmachen kann. 2014 kamen 400 und 2015 500 Musiker in Berlin zusammen. Am 16. Mai wird Kent Nagano auf der Piazza der Mall of Berlin das Konzert mit Werken von Bizet, Verdi und Wagner leiten. Gemeinsam mit dem Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt/Oder, dem Gürzenich-Orchester Köln, der Bremer Philharmonie und der jungen norddeutschen philharmonie wird der »Mob« in anderen Städten wiederholt. Das »Education-Programm« macht den Musikern großen Spaß. Zur Mitarbeit haben sich die Mitglieder des Orchesters regelrecht »aufgedrängt«, wie der Orchestervorstand Matthias Kühnle sagt. Ein Fortschritt ist das Debüt des Orchesters beim Choriner Musiksommer 2017 unter Leitung von Tugan Sochiew, ein Schritt hin zum Brandenburger Publikum.

Das Orchester übt gern Solidarität mit den Flüchtlingen. Für das Sonderkonzert in der Berliner Philharmonie am 1. März mit der Staatskapelle Berlin, dem Konzerthausorchester und den Berliner Philharmonikern hatte es seine Bereitschaft zur Mitwirkung signalisiert, wurde aber nicht berücksichtigt. Gewisse Eitelkeiten sollen im Spiel gewesen sein. Es gibt eben Eliten erster und zweiter Klasse. Das DSO findet eigene Formen der Solidarität: 400 arabische Kinder waren zum Kinderkonzert im November eingeladen. Das Konzert wurde in deutscher und arabischer Sprache moderiert. Anrührend war das Konzert des Pianisten Emanuel Ax und des Cellisten Mischa Meyer im Hangar 3 des Flughafens Tempelhof unter einfachsten Bedingungen, aber mit herzlichem Kontakt zu den Flüchtlingen. Ein Symbol: der jüdische Musiker ging zu den heimatlosen Arabern.

Ökonomisch hat sich das Orchester von 80 Prozent Auslastung im Jahre 2012 auf 89 Prozent 2015 verbessert und im Jahre 2015 vor 79 594 Zuhörern in Berlin sowie vor 50 000 auf Gastspielen gespielt. Es erzielte 1,9 Millionen Einnahmen. Fragen nach Kürzungen der Zuschüsse wurden vom Geschäftsführer der Rundfunk und Chöre GmbH, Thomas Kipp, mit Nein beantwortet.
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