Kindheit ist nichts für Schwächlinge – „Alice“ mit dem Jungen DT begeistert in den Kammerspielen

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Szene aus Alice von Lewis Carroll. © Arno Declair

Im Programmheft ist ein Zitat von Virginia Woolf zu lesen: „Die zwei Alice-Bücher sind keine Bücher für Kinder. Sie sind die einzigen, in denen wir zu Kindern werden. Ein Kind zu sein, ist wörtlich gemeint. Alles so seltsam zu finden, dass einen nichts überrascht, herzlos zu sein, skrupellos zu sein, aber auch so leidenschaftlich, dass die kleinste Gemeinheit die Welt in Düsternis hüllt.“

Zu Beginn purzeln die Kinder und Jugendlichen durch ein schwarzes Loch auf die Bühne, in den von Jessica Rockstroh kreierten pinkfarbenen leeren Karton mit drei Wänden ohne Fenster und Türen. Die AkteurInnen tragen legere Alltagskleidung, und zunächst scheint es so, als sollten die Begebenheiten aus „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ eher erzählt als dargestellt werden.

Nach dieser Einführung, bei der auch die Mitwirkenden vorgestellt werden und sich zueinander und zu den Textzitaten in Beziehung setzen, geht es dann tempo- und actionreich weiter, und auch die wundervollen Kostüme von Caroline Rössle Harper kommen ins Spiel.

Alle Kinder sind Alice, dieses abenteuerlustige, kluge und tapfere Mädchen, das sich in einer Gesellschaft von Lebewesen findet, die unentwegt die Gestalt wechseln oder verschwinden, von denen es provoziert, verletzt und in die Irre geführt wird, das seinen Namen verliert und dessen Identität beständig von der Vernichtung bedroht ist.

Niedliche oder entzückende Kinder gibt es nicht in dieser Inszenierung. Auch die Kleinen sind starke Persönlichkeiten, beängstigend, schrecklich und immer von Gefahren bedroht.
Aus dem ungebärdigen Baby wird ein fröhliches Schwein. Die rote Königin, mit Perücke und Robe anzuschauen wie Elizabeth I, schreitet majestätisch einher, ein grausames Monster, das unentwegt Todesurteile verhängt. Die Wasserpfeife rauchende Raupe erscheint als riesiger fetter Mann, bedrohlich in seiner Lüsternheit. Später liegt er reglos am Boden, offenbar tot. Die Kinder, die vorher mit ihm gespielt haben, wenden sich angeekelt von ihm ab, treten nach ihm, bespucken ihn und gehen hinaus.

Zwischen Bühne und Zuschauerraum entsteht eine ganz intensive, intime Verbindung als dann aus der leblosen Hülle der Raupe ein kleines Mädchen in einem bunten Kleid herauskrabbelt und als Schmetterling durch den Raum tanzt, unsicher flatternd zunächst und mehr und mehr berauscht von einer unbändigen Freude am Leben und an der Bewegung.

Immer wieder werden die ZuschauerInnen Teil des Bühnengeschehens. Das verzweifelt um sein Leben rennende Kaninchen braucht eine Antwort, wenn es nach der Uhrzeit fragt. Die Königin begibt sich mit stilvoll gerafftem Rock unters Volk, führt eine Befragung durch und fordert schließlich „Kopf ab!“ für die ungehorsamen Untertanen auf der Zuschauertribüne.

Ein Mädchen sagt provozierend in Richtung Publikum, es habe noch viel Zeit und wiederholt diese Aussage mehrfach im Abgehen. Das haben Kinder den Erwachsenen voraus, die Erfahrungen und Wissen gesammelt und darüber vergessen haben, wie es sich anfühlt, wenn die Welt noch ganz neu ist und alles zum ersten Mal geschieht. Auch das Niemandsland zwischen Kindheit und Erwachsensein, in dem die Wegweiser in die unterschiedlichsten Richtungen zeigen, wird in dieser Inszenierung gestreift.

Fast zwei Stunden lang erfüllen die Kinder die Bühne mit Leben, hoch konzentriert und mit einer wundervollen Leichtigkeit, begleitet von einer rhythmischer Musik, die Stimmungen untermalt und das Tempo vorgibt.

Regisseurin Nora Schlocker und Choreografin Juli Reinartz hatten offenbar ein feines Gespür für ihre DarstellerInnen, die so selbstverständlich, engagiert und professionell agieren, sprechen und tanzen, als hätten sie sich das alles ganz allein ausgedacht.

Das Premierenpublikum reagierte mit großem Applaus und Bravorufen auf die brisanten Einblicke in die Kinderwelt. Manche fühlten sich wohl auch zu der Frage angeregt, ob das Kind, das sie selbst einmal waren, die Person hätte sein wollen, die aus ihm geworden ist.

„Alice“ nach Lewis Carroll hatte am 08.02.2015 Premiere in den Kammerspielen, Deutsches Theater, Berlin. Nächste Vorstellungen: 16. und 23. Februar 2015.

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