Freiheit für oder Angriff auf Katalonien? – Im Zweifel für die Selbstbestimmung des katalanischen Volkes

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Katalonien
Fahren Kataloniens hängen in den Straßen nicht nur von Barcelona. Quelle: Pixabay

Barcelona, Katalonien, Spanien; Berlin, Deutschland (Weltexpress). Mit den Meinung „Katalonien ist reich“ beginnt ein Beitrag von Markus Becker in Spiegel-Online (18.9.2017), in dem er Katalonien „auf gefährlichem Weg“ wähnt, so gefährlich, dass das die Überschrift wurde.

Zwischen oben und unten, Madrid und Barcelona

Mehr zur Geschichte und Gegenwart Kataloniens in Bezug auf das Adjektiv reich finden wir nicht. Dabei ist das mit Katalonien und Reichtum so eine Sache. Selbst wenn darunter geistige und gegenständliche Werte zu verstehen sind, gibt es Katalanen, die arm und reich sind. Nein, nicht alle Katalanen sind gleich reich, aber allen Armen und Reichen ist gemein, dass sie mehr oder minder gut katalanisch sprechen, in der katalanischen Kultur zuhause sind und sowohl überwiegend auf dem Land, das Katalonien genannt wird, als auch auf im wesentlichen kapitalistischer Basis und also in Produktionsverhältnissen leben, in denen wenige die Eigentümer der Industrie und Banken sind und diejenigen, die das nicht sind, für Lohn bei diesen arbeiten oder Almosen von ihrem Staat des Kapitals erhalten. Doch der kulturelle Überbau wirkt nicht nur immer wieder auf die Basis, er schweißt auch die Klassen als Katalanen zusammen, die die Ketten ihrer ökonomischen und kulturellen Formiertheit unter dem spanischen Staat, der von Madrid aus kommandiert wird, sprengen will und muss, um sich zu entfalten, und nicht die Ketten der Ausbeutung, die für die Masse der arbeitenden Klasse zu schwer zu begreifen sind.

Die Mühen der Ebene für die Sezession im Norden Spaniens

Die Segregation im spanischen Staat nimmt nicht ab, sie nimmt zu und erscheint weniger in kriegerischer als vielmehr in ziviler Weise, noch an den Orten proletarischer Öffentlichkeit, das ist: die Straße, aber vielmehr an denen der bürgerlichen Öffentlichkeit, in den Blättern des politischen Boulevards und auf dem Parkett der Parlamente. Beispielsweise wollen die Basken nicht weniger ihre Freiheit, nur weil die ETA (baskisch: Euskadi Ta Askatasuna, deutsch: Baskenland und Freiheit) ihre Waffen niedergelegt hat, als die Katalanen. 2011 erklärte die ETA, die 1959 während der Franco-Diktatur in Spanien gegründete wurde, ihren bewaffneten Befreiungskampf für beendet. Vom Ende des politischen Kampfes war nie die Rede.

Das post-faschistische Spanien

Basken und Katalanen kämpfen wie Galicier so gut es geht legal für ihre legitime Unabhängigkeit vom spanischen Staat und also die Sezession. Das Nötige wurde möglich, weil Madrid nicht nur die Protestierenden, sondern auch die Widerstand leistenden anders als zur Zeit Francos, der Faschist führte Spanien als Diktator bis 1975, politisch mehr denn je agieren und agitieren lies. Das post-faschistische Spanien war sich seiner Sache sicher. Das post-faschistische Spanien wurde übermütig. Kein Wunder, waren doch die Jahre bis nach der Jahrhundertwende geprägt von einer prosperierende Wirtschaft, bis Spanien 2007 von der kapitalistischen Krise, die als Finanz- und Wirtschaftskrise bekannt wurde, und damit verbunden argen Liquiditätsproblemen hart getroffen. Ein Viertel aller Spanier gelten seit dem als unter der Armutsgrenze lebend. Viele Belogene und Betrogene bildeten die Bewegung 15M, doch auch die Separatisten im Baskenland, in Galicien und in Katalonien wurden erhielten Zulauf, wurden personell und finanziell, ideell und materiell gestärkt.

Angriff auf Katalonien

Die Fortsetzung des partei- und parlamentarisch-politischen Kampfes, der auf den Straßen durch Proteste orchestriert und multimedial publiziert wird, mit anderen Mitteln könnte schneller als gedacht wieder auf die Tagesordnung gesetzt werden. Und zwar von den Spaniern und nicht von den Basken, Galiciern und Katalanen. Denn anders als von den Herrschenden in den politischen und staatlichen Hauptquartieren in Madrid gedacht, schafften vor allem die Katalanen über Klassengegensätze und Generationenkonflikte sowie nebensächlichere Widersprüche hinweg besser als Galicier und Basken eine Einheitsfront, um am 1. Oktober 2017 ein Referendum zur Unabhängigkeit durchführen zu können.

Für das von Zentralregierung in Madrids am Gängelband betrogene und mit Zuckerbrot belogene Volk der Katalanen ist der Wille und Weg zur Volksabstimmung eine beachtliche Leistung. Die Regierung Kataloniens unter Carles Puigdemont, der als katalanischer Ministerpräsident in Barcelona seinen Sitz hat, wird unterstützt von 700 der 948 Bürgermeister des ganzen katalanischen Landes.

Die Zeichen stehen auf Sturm. Gegen mehr als 700 Bürgermeister wurden Ermittlungsverfahren in die Wege geleitet. Das Verfassungsgericht in Madrid erklärte das Referendum für nichtig. Polizisten durchsuchten nicht nur Druckereien und Zeitungsredaktionen zwischen Pyrenäen und Mittelmeer nach Wahlunterlagen und -urnen, die Militärpolizei durchsuchte nach Informationen der regionalen Behörden die Büros der katalanischen Abteilungen für Wirtschaft und Außenpolitik sowie des Regierungschefs. Ein Dutzend Personen wurden festgenommen.

Für die Selbstbestimmung des katalanischen Volkes

Die Katalanen finden vor allem Unterstützung im Baskenland und in Galicien, aber auch dort, wo Katalanisch gesprochen wird, auf den Balearen, in Aragonien und von Barcelona die Mittelmeerküsten runter bis weit über Valencia hinaus. Proteste bis hin zu Revolten drohen. Den zu erwartenden Protesten bis hin zu Unruhen zum Trotz und allem Zweifel, gilt es für alle, die sich die Freiheit nach dem Prinzip der Gleichheit auf die Fahnen geschrieben haben, für die Selbstbestimmung des katalanischen Volkes zu kämpfen. Mag der Weg auch noch so gefährlich sein. Das Ziel ist klar.

Dass die Reichen reicher und die Armen ärmer werden, das steht nicht auf der Tagesordnung, das steht hintenan, aber genau so groß in der Tageszeitung wie Lotteriegewinne von Kleinbürgern. Der Brot-und-Spiele-Komplex bleibt wie der industrielle unangefochten. Mit der Frage für die Freiheit des katalanisches Volkes wurde die Frage nach den Eigentumsverhältnissen nicht verbunden, sie wurde  wie so oft – vertagt. Barcelona war 1936 eine Revolution in der Republik gut, als die Einheitsfront gegen die Franco-Faschisten kämpften. Geschichte ist offen. Der „gefährliche Weg“ zum Ausgang aus dem spanischen Staat wird weitergehen. So viel ist sicher. Dass die großen Fabriken ihren Eigentümern entrissen und von Arbeiterkomitees betrieben werden, dass die Großgrundbesitzer landwirtschaftliche Flächen enteignet und diese kollektiviert und als „Freie Kommunen“ betrieben werden, das muss nicht Geschichte bleiben – auch nicht in einem freien Katalonien.

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