„Es gab keinen Sex im Sozialismus“ – Lesung von Wladimir Kaminer im Juli im Jüdischen Gemeindezentrum zu Frankfurt am Main.

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Frankfurt am Main (Weltexpress) - Die Lesung von Wladimir Kaminer fand nach seinen Aussagen „zum sechsten oder siebten Mal“ in Frankfurt am Main im Ignatz Bubis-Gemeindezentrum der Jüdischen Gemeinde statt. Der Belletristikautor veröffentlichte seit dem Jahr 2000 seine 13 Bücher nur auf Deutsch, in denen er seine Lebenserfahrungen sowohl in der Sowjetunion, als auch in Deutschland beschreibt, ach nein, doch eher zum Besten gibt: witzig, lebendig, durchaus kreativ und auf jeden Fall sehr mutig.

Sein letzter Erzählband, „Es gab keinen Sex im Sozialismus“, war Anlaß der Lesung von Waldimir Kaminer. Allerdings geht es im Buch vordergründig weder um Sex, noch um das Fehlen des Sexes im Sozialismus. Die erste Geschichte „Die Telebrücke“ erklärt die kommunistischen„Missverständnisse“ in der Öffentlichkeit des 20. Jahrhunderts in der Sowjetunion – allein die Wortwahl „Missverständnis“, was er sagt, wenn er Verbot meint, zeigt den sprachlichen-politischen Schelm. Im UdSSR-Fernsehen gab es dem nackten Körper gegenüber generell eine Zensur, so dass weder menschliche Nacktheit und darüberhinaus erst recht nicht Sex auf der Mattscheibe zu sehen waren.Es war alles anders in der Sowjetunion. Und darüber schreibt Wladimir Kaminer in seinen weiteren Geschichten „Arbeit im vorigen Jahrhundert“, „Die Straßen des vorigen Jahrhunderts“, „Das Rauchen im vorigen Jahrhundert“.

Die 550 Plätze des Saals in der Jüdischen Gemeinde waren sofort belegt. Schon um 19.45 waren alle Karten ausverkauft. Und nicht nur seine Begrüßung des „sechsten oder siebtens Mals“ durch die Gemeinde fiel herzlich aus, auch der rauschende Beifall zeigte, daß Kaminerfans gekommen waren. Insofern hätte es der aufwärmenden Geschichte “des Botschafters der deutschen Kultur in Russland“ gar nicht bedurft, die er schon in der vorherigen, eben der „sechsten oder siebten“ Lesung vorgetragen hatte und zwar über den Luxusschlitten Porsche, den die Deutschen „in die Tonne“ schmeißen, falls die Schraube nicht um Millimeter genau passt. Allerdings kann man diese Geschichte gar nicht oft genug erzählen, denn der Saal explodierte vor Lachen und Applaus.

Wladimir Kaminer lächelt. Der sehr attraktiver und charmanter Ich–Erzähler, der wirklich sein Publikum in Begeisterung zu versetzen weiß, macht weiter mit dem gelungenen Vergleich seiner fliegenden Objekte aus der Geschichte „Die Helden des vorigen Jahrhunderts“. Kaminer las: „Je größer das Land, desto flugsicherer waren seine Helden: in Amerika hieß es Superman, Batman, Spiderman, in den kleinen gemütlichen Ländern waren auch die fliegenden Helden gemütlich und klein. Die Schweden hatten einen Karlson auf dem Dach, in Deutschland war es Biene Maja, ein überintelligentes Insekt, das durch seinen Fleiß und durch seine Ordnungsliebe noch heute als Vorbild für viele Deutsche dient…“

Die meisten Zuhörer waren sicher Mitglieder der jüdischen Gemeinde, vor allem mit russischen Migrationshintergrund. Sobald es lustig und nicht verletztend ist, lacht man über sich selbst in jedem Land gerne, sowohl in Deutschland wie auch in Russland. Meist allerdings lacht man noch lieber über andere. Und es gibt auch diejenigen, die es Kaminer übel nehmen, daß er die alte Sowjetunion so „schlecht“ macht. Aber die waren nicht gekommen. Die aufwendige Werbung in Form des großen Ankündigungsplakats und der angemessener Eintrittsppreis 6€ ermäßigt und 8€ normal – gut! – haben ihre Funktion erfüllt. Es folgten auch weiteren Geschichten über die Tochter Nikole, die eigentlich noch keinen BH trägt im Vergleich zu den anderen Mädchen aus ihrer Klasse. Die BH-Trägerinnen werden in der Schule mit Respekt behandelt und alle sind neidisch auf sie, die anderen tragen keine BH aus technischen Gründen”¦

Es wurden zwei Lieblingskatzen erwähnt, der Kater „Peter Dostojewskij“ und die Katze „Marfa“. Aufmerksamsam lauschten in der Lesung die Zuhörer auch dem, was Wladimir Kaminer zum „Finanzbereich“ zu sagen hatte und zwar zu einem Sparkassenberater, der eigentlich Wladimir Kaminers Meinung nach eher ein „Abrater“ sei und behauptete: “Nicht wir bestimmen die Regeln, ”¦“ Wladimir Kaminer lud seine Gäste zum Abschluß zu seinem „siebten oder achten Mal“ im September ein. Ganz schnell und bescheiden verabschiedet er sich und verläßt die Bühne. Unklar geblieben ist, ob die Lesung im September aufgrund des Erscheinens seines neuen Buches angekündigt wurde. Die Produktivität des Autors, der nicht in seiner Muttersprache schreibt, wird rundherum bewundert. Der Schriftsteller veröffentlicht regelmäßig Rezensionen und Artikel, ist Gast in verschiedenen Fernsehesendungen. Das Buch „Es gab keinen Sex im Sozialismus“ ist auch als Hörbuch, gelesen von Wladimer Kaminer, Laufzeit 120 Minuten, erhältlich.

Bücher/Hörbücher von Wladimir Kaminer:

neu: Es gab keinen Sex im Sozialismus, Manhattan Goldmann 2009

neu: Hörbuch: Es gab keinen Sex im Sozialismus, 2 CD Random House Audio 2009

Alle Bücher bei Manhattan Goldmann

Russendisko, 2000

Schönhauser Alle, 2001

Militärmusik, 2001

Die Reise nach Trulala 2002

Helden des Alltags 2002

Mein deutsches Dschungelbuch 2003

Ich mache mir Sorgen, Mama 2004

Karaoke, 2005

Ich bin kein Berliner, 2007

Mein Leben im Schrebergarten, 2007

Salve Papa! 2008

Hörbücher

Russendisko, 1 CD, Random House Audio 2000

Militärmusik, 2 CD, Random House Audio 2001

Schönhauser Alle, 1 CD, Random House Audio 2002

Die Reise nach Trulala, 2 CD, Random House Audio 2002

Best of”¦, 2 CD, Random House Audio 2003

Helden des Alltags, 1 CD, Random House 2003

Mein deutsches Dschungelbuch, 2 CD, Random House 2003

Ich mache mir Sorgen, Mama, 2 CD, Random House Audio 2004

Karaoke, 2 CD, Random House Audio 2005

Radio Russendisko, 1 CD, Random House 2006

Küche totalitär, 2 CD, Random House Audio 2006

Ich bin kein Berliner, 2 CD, Random House Audio 2007

Mein Leben im Schrebergarten, 2 CD, Random House Audio 2007

Salve Papa! 2 CD, Random House Audio 2008

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